Kinder bauen ihre Schule in Gelsenkirchen-Bismarck

Lebensraum statt Lehranstalt

»Wo ist denn hier die Schule?«, fragen nicht wenige Besucher, obwohl sie die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck gerade durchquert haben. Zu ungewöhnlich ist die als kleine Stadt konzipierte, in einem über zehnjährigen Prozess entstandene Schulanlage. 1993 aus einem beschränkten Wettbewerb hervorgegangen (siehe db 4/94), setzte das Konzept von Peter Hübner und seinem Büro plus+ auf Vielfalt statt Einheitlichkeit: Die Gebäude entlang der Schulstraße entwarfen zehn Mitarbeiter des Büros unabhängig voneinander. So stehen heute Stadthaus, Rat- und Wirtshaus, Theater, Bibliothek und Kapelle als eigenständige Baukörper um den glasgedeckten, von Bäumen und Brunnen belebten Marktplatz. Als Kino, Apotheke, Atelier und Labor säumen die Fachräume die Gassen dahinter, die in einem offenen Platz vor der kreisrunden Werkstatt münden (siehe db 12/98). Vor allem aber ließen sich Planer, Schulleitung, Lehrer und Eltern 1998 auf ein Experiment ein, das die Kinder der jeweils neu beginnenden fünften Klassen ihre Räume selbst mit entwickeln ließ. »Kinder bauen ihre Schule«, lautete das plakative Motto, und so heißt auch ein soeben erschienenes Buch, das von diesem Prozess der Partizipation mit fast tausend Beteiligten erzählt. Seit kurzem ist das Experiment »erwachsen«, alle sechs Klassenhauszeilen stehen. Kein Haus wie das andere, die von den Kindern mitgezimmerten »Reihenhäuser« sehen wirklich nicht wie eine Schule aus. Auf den vorgegebenen Fundamentplatten wuchsen ganz unterschiedliche Ensembles. Jede Zeile besteht aus fünf Einheiten mit je einem Klassenraum zu ebener Erde und einer Galerie, unter einem zumeist flach geneigten, begrünten Pultdach. Die Erschließung liegt, wie die Galerieräume darüber, auf der Südseite, während die Unterrichtsräume Licht von Norden erhalten. Und: Alle Häuser sollten aus Holz errichtet werden. Mit diesen Festlegungen gingen die Planer in die Projekttage. Gemeinsam lernten die Kinder ihre Maße und Bedürfnisse kennen. Modelle im Maßstab 1:10 halfen ihnen, die konstruktiven Regeln der Holzbauweise zu begreifen. Sich selbst platzierten sie dann als Tonfiguren in die Gehäuse und spielten Situationen durch. Am Ende brachten die Planer alles in eine genehmigungsfähige Form – beim eigentlichen Bau konnten die Kinder und ihre Eltern dann meist nur Hilfsdienste leisten. Die Begeisterung, die eigenen Ideen wachsen zu sehen und nach einem Schuljahr mit der Klassenfamilie einzuziehen, war dennoch groß. Die Kosten pro Hauszeile bewegten sich trotz der vielen phantasievollen Varianten stets um rund 800 000 Euro netto. Die Gesamtkosten der gut 16 000 m² großen Schule liegen bei knapp 20 Mio Euro netto; darin ist die Renovierung des benachbarten Altbaus ebenso enthalten. Der Kontrast der Öko-Enklave zu ihrem Umfeld könnte kaum größer sein: Gelsenkirchen-Bismarck, Problemstadtteil einer Problemregion und diese vitale Schule. Die Schule, die gemeinsam mit einer Selbstbau- und einer Solarsiedlung im Rahmen der IBA Emscher-Park auf dem Areal der aufgegebenen Zeche »Consolidation« entstanden ist, versteht sich als neuer Mittelpunkt, der den maroden Stadtteil stabilisieren soll. Der kirchliche Träger lässt sich dabei von christlichen Werten leiten, die aber gegenüber anderen Kulturen offen gefasst sind. Dass dieses Miteinander so offenkundig gut funktioniert und der hohe reformpädagogische Anspruch der Schule eingelöst wird, ist zu einem Gutteil der Erfahrung und dem Engagement von Peter Hübner zu verdanken. Als »Meister unordentlicher Häuser« geehrt und anerkannt, bewegt er sich doch meist unterhalb der Reizschwelle professioneller Medien. Seine Architektur liegt nicht im Trend. Im Gegenteil, die Trennung von Entwerfen, Machen und Nutzen, die Hübner kritisiert, sie schreitet fort: Der Markt verlangt fertige Produkte statt offener Prozesse. So sitzt er in einer Nische und erzählt Geschichten: »Wer Projekte mit Laien realisieren will, muss zuerst Geschichten erfinden, muss Träumen Glauben schenken, und er muss Impulse geben können, die das kreative und emotionale Potenzial jedes einzelnen freisetzen«. Die Ergebnisse sind längst legendär, seit 25 Jahren baut der gelernte Schuster, erst später Schreiner und Architekt, mit seinem Büro Kinder- und Jugendhäuser, Schulen und Siedlungen. Fast ebenso lang war der eloquente Querkopf Professor für Baukonstruktion an der Uni Stuttgart, wo er gleich zu Beginn mit dem Studentendorf »Bauhäusle« Zeichen setzte. Indes zählt Hübner, der in den Siebzigern aparte Kunststoffhäuser konzipierte, zu den CAD-Anwendern der ersten Stunde – verblüffend, wie gut ihm die Verbindung von Hightech und Handschmeichelqualität gelingt. Hübner resümiert: »Wir Architekten haben unsere Profession entweder zu technisch oder rein ästhetisch aufgefasst«. Diese Einstellung und sein gesunder Menschenverstand lehren ihn, Bauen als »einen alle Sinne betreffenden Prozess« aufzufassen. Christoph Gunßer