Ein UN-College auf der Rheininsel Hammersteiner Werth bei Bonn

Leben und Lernen auf dem Wasser

Diplomarbeiten von Katharina Wissel und Thorsten Klöppelt im SS 2004 an der TU Braunschweig, Institut für Baugestaltung, Betreuung: Prof. Schuster, Prof. Wagner

Das ehemalige Bonner Regierungsviertel, in dem derzeit bereits etwa zwölf Einrichtungen der Vereinten Nationen (UN) untergebracht sind, soll zu einem zentralen Campus der UN umstrukturiert werden. In den nächsten Jahren werden dort weitere UN-Einrichtungen angesiedelt, die ihrerseits Folgeeinrichtungen nach sich ziehen werden; so müssen u. a. für die Kinder der Diplomaten zusätzliche Schulen geschaffen werden. Aus dem wachsenden Bedürfnis nach bi- und multilingualen Schulen, entstand die Idee eines so genannten UN-Colleges, mit besonderer Gewichtung auf Mehrsprachigkeit sowie Stärkung sozialer Kompetenzen. Nicht zuletzt die Berücksichtigung der besonderen Sicherheitsaspekte für diese Schule führten dazu, dass die ungefähr einen Kilometer lange Rheininsel Hammersteiner Werth als Standort ausgewählt wurde. Im College sollen an die 360 Schüler im Internat zusammen wohnen und lernen, weitere kommen von außerhalb und besuchen die Schule dort.
Die ausgewählten Arbeiten unterscheiden sich in ihrer Herangehensweise: Während dem Entwurf von Katharina Wissel ein dezentrales Konzept zu Grunde liegt, werden im zweiten Beispiel von Thorsten Klöppelt alle Nutzungen in einem Baukörper an der nördlichen Inselspitze konzentriert.
Entzerren Ausgangsidee des Entwurfes von Katharina Wissel ist ein rechtwinkeliges Erschließungssystem aus Holzstegen, das sich über die gesamte Insel erstreckt und an das einzelne Nutzungseinheiten wie Zellen angehängt werden. Vom »Empfangsbereich« im Norden – mit Eingangsbereich und Anlegestelle – werden zwei Hauptachsen (die Wohn- und die Schulachse) entwickelt. In ihrem Überlagerungsbereich sind Gemeinschaftseinrichtungen untergebracht, die räumlich wie inhaltlich die Schnittmenge zwischen Schule und Freizeit bilden. Das Stegsystem erhebt sich über das Niveau des Hochwasserstandes, so dass die Gebäude geschützt sind und Wasser und Landschaft gleichsam darunter »hindurchfließen«. Das starre, durch die Lage der Stege vorgegebene Wegesystem auf der zweiten Erschließungsebene ist über eine frei wählbare Wegeführung auf der Inseloberfläche gelegt. Den Übergang zwischen Gebäude und Landschaft bilden Zwischenbereiche, die vom Gemeinschaftsbereich eines jeden Gebäudes aus erschlossen werden und die Möglichkeit zum privaten Rückzug bieten. Von den Stegen, über das Gebäude zu den Außenbereichen ist also ein Übergang von öffentlich zu privat und erneut zu öffentlich zu verzeichnen.
Die Gebäudestruktur ist je nach Lage und Funktion recht unterschiedlich; während Klassen- und Wohnräume in kleineren Einheiten als aufgeständerte Holzbauten entlang der Stege geplant sind, sollen Gemeinschaftsnutzungen in Solitärbauten mit massiver Sockelgründung und weit gespannten Kassettendecken aus Stahl untergebracht werden.
Konzentrieren Die Arbeit von Thorsten Klöppelt will durch die Konzentration aller Nutzungen auf nur ein Gebäude das Verständnis von Leben und Lernen als Einheit zum Ausdruck bringen. Sein Solitärbau wird selbstbewusst als eine Art Landmarke an der nördlichen Inselspitze platziert. Durch die Lage im äußersten Norden, kann die Vegetation auf der übrigen Insel weitgehend unberührt bleiben.
Das gesamte Gebäude ist aufgeständert, um es vor Überflutungen zu schützen. In
einem Teilbereich unterhalb des Gebäudes soll die Inseloberfläche allerdings derart bearbeitet werden, dass ein hochwassersicherer Bereich entsteht; hier ist u. a. eine Sporthalle geplant.
Der Hauptzugang zum Gebäude befindet sich direkt am großen Hafenbecken. Von der Haupthalle (einer großen Pausenhalle) aus teilt sich das Gebäude in den nördlich gelegenen Schulteil, an dessen Spitze der Speisesaal liegt, und den im Süden liegenden Internatsbereich. Beide Teile sind durch Gemeinschaftseinrichtungen wie z. B. die Bibliothek verbunden. Das Internat gliedert sich in Clubraum, Gästebereich und Kapelle zum südlichen Gebäudeabschluss; die Wohneinheiten der Oberstufe gruppieren sich um einen begrünten Innenhof, die Mentorenwohnungen sind im obersten
Geschoss, von den Zimmern der Schüler getrennt, untergebracht. Das zusätzliche Angebot von Arbeitsplätzen erlaubt es, die Privatzimmer allein als Rückzugsbereich der Schülerinnen und Schüler zu definieren.
Resümee So unterschiedlich die Herangehensweisen sind, in beiden Fällen handelt es sich um eine nachvollziehbare und schlüssige Konzeptidee. Fraglich bleibt allerdings die konstruktive Umsetzung beider Entwürfe, zu der die Bearbeiter leider keine Lösungsvorschläge liefern. K.W., T.K.; uk