Last Exit Kulturforum

Respekt Frau Grütters! 200 Mio. Euro haben Sie dem Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags aus seinem sorgsam gehüteten Säckel geschnitten, damit am Berliner Kulturforum ein

~Jürgen Tietz

neues Museum gebaut werden kann. Mit ihm soll der dringend benötigte Raum entstehen, den die herausragenden Bestände der Neuen Nationalgalerie und die Sammlungen Pietzsch, Marx und Marzona verdient haben. Bravo!
Doch das war nur der erste Streich. Jetzt sind auch alle anderen Beteiligten gefordert – die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und v. a. das Land Berlin. Die Verantwortlichen müssen am Kulturforum endlich einmal städtebaulich und architektonisch über sich hinauswachsen. Wie schwer das fällt, zeigt der Potsdamer Platz gleich nebenan. Stattdessen gilt es, eine Vision für das Kulturforum zu formulieren, mit der die deutsche Hauptstadt jenes Mittelmaß überwindet, das sie viel zu oft in seinem mehltauigen Architekturgriff hält.
Rückblickend erscheint die Geschichte des Kulturforums an der Potsdamer Straße wie ein Stück mit einer grandiosen Ouvertüre, der anschließend nach und nach die Luft ausging. Mit Hans Scharouns Philharmonie und seiner Staatsbibliothek sowie mit Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie spielt sie auf höchstem Niveau, fast schon auf dem Level des Welterbes. Doch statt diese hohe baukünstlerische Qualität zu halten, ging es anschließend durch Rolf Gutbords jüngst saniertes Kunstgewerbemuseum und den Bau der Gemäldegalerie leider steil bergab. Zudem flammten immer wieder fragwürdige Vollendungskonzepte für das Kulturforum auf, von der postmodernen Kolonnade über die banale Blockrandschließung bis hin zum respektlosen Runden Platz.
Nichts davon wurde gebaut. Was für ein Glück!
Denn jetzt hat die Hauptstadt die einzigartige Chance, diesen kostbaren Stadtraum zu vollenden und kulturelles Leben auf das Forum zu bringen. Gelingen wird das aber nur, wenn im Vorfeld des Baus kluge Entscheidungen fallen. Da wäre zunächst die Standortfrage für das Museum. Im Nachgang zur Variantenuntersuchung, die das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung zur Positionierung des Museums vorgelegt hat, lässt Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien, keine Zweifel an ihrer Entscheidung: Das neue Museum gehört an die Potsdamer Straße und nicht in die zweite Reihe hinter die Nationalgalerie. Das ist genauso richtig wie mutig! Doch um es klar zu sagen, am Kulturforum geht es um mehr als »nur« darum, ein weiteres Museum in Berlin zu planen. Auf Grundlage der Entscheidung der Kulturstaatsministerin muss ein Masterplan für das Kulturforum erwachsen, der das gesamte Ensemble dieser international herausragenden Kulturinstitutionen erneut in seinen städtebaulichen Blick nimmt, so wie dies einst das Büro Chipperfield für die Museumsinsel in Mitte getan hat. Dafür reichen rein städtebaulich motivierte Entscheidungen nicht aus. Es geht um die Inhalte. So muss Klarheit darüber herrschen, wo welche Museen dauerhaft ihren Platz in der Berliner Museumslandschaft einnehmen sollen. Dies gilt besonders für die Gemäldegalerie. Bleibt sie tatsächlich langfristig am Kulturforum? Oder ist ihr Umzug an die Museumsinsel doch nur aufgeschoben und es ist derzeit bloß nicht opportun, über noch mehr Finanzmittel für einen Neubau gegenüber dem Bodemuseum zu reden? Tatsächlich gilt es sicherzustellen, dass mit dem Geld des Steuerbürgers verantwortlich umgegangen wird. Schließlich werden bereits jetzt auf Museumsinsel, Humboldtforum und Kulturforum Milliardenbeträge in Berlins Kulturlandschaft investiert. Daher ist zu vermeiden, dass in ein paar Jahren die Diskussion über einen Umzug der Gemäldegalerie von vorne beginnt.
Teil eines konzeptionellen und städtebaulichen »Masterplans Kulturforum« muss es ebenfalls sein, den Umgang mit den Freiflächen zu klären. Es reicht nämlich nicht aus, am Rande des zauberhaften Tiergartens einfach eine weitere Grünfläche mit mehr oder weniger Aufenthaltsqualität zu schaffen. Im Schatten des Potsdamer Platzes eröffnet sich stattdessen die großartige Chance, einen lebendigen Ort wie den New Yorker Bryant Park zu gestalten. Es gilt, ein Konzept für eine kulturelle Oase zu entwerfen, in der die Stadt gemeinsam mit den Museen und der Philharmonie ihr Selbstverständnis einer ebenso offenen wie öffentlichen Welt der Kunst für Besucher und Berliner erlebbar macht (s. dazu auch db 1/2011, S. 12+13).
Dies alles wird nur dann gelingen, wenn das neue Museumsgebäude die Stadtlandschaft angemessen gestaltet. Dabei handelt es sich um eine Herkulesaufgabe, denn es gilt, den vorhandenen Kontext aus Philharmonie, Staatsbibliothek und Neuer Nationalgalerie zu würdigen und dabei das rechte Maß zwischen Zurückhaltung und Selbstbewusstsein zu formulieren, wie es etwa ein Alvaro Siza gerade im Kontext des Welterbes der Alhambra im spanischen Granada versucht. Keine Frage, nach der kaum genug zu bejubelnden Grundsatzentscheidung zur Finanzierung des neuen Museums am Kulturforum beginnt die eigentliche Arbeit. Sie bietet für die deutsche Hauptstadt – und damit für das ganze Land – die wunderbare Gelegenheit, ein kulturelles Herzstück zu gestalten und damit ihr kulturelles Selbstverständnis für das 21. Jahrhundert zu formulieren. Was für eine großartige Aufgabe!
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.