Das schottische Parlament von Enric Miralles

Landschaft und Politik

In seinem Poem »Recall« beschreibt der schottische Dichter Robert Crawford die politischen Bedürfnisse nach einem schottischen Parlament als ein häusliches Verlangen. Das Parlament – solle es sich einmal neu versammeln können – würde aus den Emaillackierungen, Gewächshäusern und Bechergläsern zurückgerufen werden, in denen es schon viel zu lange pausiere. Ein Traum ohne Dramatik, dessen Verwirklichung aber von vielen jahrelang, wenn nicht seit Generationen herbeigesehnt.

Reservierte Aufbruchstimmung Seit fünf Jahren nun hat Schottland sein eigenes Parlament zurück, wenn auch mit eingeschränkten Zuständigkeiten, und seit dem 7. September dieses Jahres tagt es in dem von Enric Miralles entworfenen neuen Gebäude. Das möchte mit seiner expliziten Einbettung in die Landschaft der Hauptstadt Edinburgh seinen Beitrag zur Verfestigung einer politischen Eigenständigkeit liefern, die Schottland 1707 mit dem Vertrag zur Realunion mit England verloren hatte. Seither wurden schottische Angelegenheiten von Westminster aus geregelt, das damalige schottische Parlament trat nie wieder zusammen, die politische Elite verließ die Stadt.
Als Enric Miralles seinen Entwurf für das neue Parlamentsgebäude abgab, war die politische Neuordnung Schottlands gerade im Umbruch. In einem Referendum votierte 1997 die Mehrheit für die Eigenständigkeit. Im Januar 1998 schon wurden aus den letzten 12 von 70 Einreichungen der Vorschlag von Miralles ausgewählt. Zuvor stand nur fest, dass das Gebäude zwischen der Straße Holyrood und der Royal Mile siedeln solle, die sich von der Burg zur königlichen Residenz hinunterstreckt. Mit eingefügt in die Struktur musste ein historisches Gebäude werden, das 1667 erbaute Queensberry House. Dessen späterer Besitzer Duke James Douglas Queensberry hatte sich stark für die anglo-schottische Vereinigung eingesetzt. Die schottische Denkmalpflege beharrte auf den Erhalt des Hauses, in dem nun die Bibliothek des 2000 verstorbenen ersten Premiers Schottlands Donald Dewar eingerichtet ist. So leben dort die Geister gegensätzlicher politischer Ziele von schottischer Abhängigkeit und Eigenständigkeit.
Das mag ein genaues Abbild der Realität sein. Viele Schotten, so ist zu hören, sind enttäuscht über die eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten des Parlaments. Die einst politisch starken Nationalisten, die für schottische Unabhängigkeit und europäische Integration plädieren, verzeichneten bei den vergangenen Wahlen Einbußen; die Konservativen finden langsam in die schottische Politik zurück. Dass Miralles‘ neues Parlamentsgebäude dann mit 431 Millionen Pfund weit über den ursprünglich anvisierten Kosten liegt, führte zu weiterem Unmut, zumindest in den Medien.
Dabei waren die anfänglichen Zahlen ohnehin unrealistisch, sagt John Kinsley vom Edinburgher Architekturbüro RMJM. Nachdem die politischen Weichen für das Parlament gestellt worden waren, musste der Entwurf überarbeitet werden: Der Gebäudekomplex sollte um ein Viertel größer werden. Also setzte sich Miralles‘ Büro EMBT an Neuentwürfe, die in Zusammenarbeit mit RMJM umgesetzt wurden. Miralles hatte die schottischen Architekten schon in der Wettbewerbsphase angerufen, nachdem ihm signalisiert worden war, sein Entwurf würde mehr Chancen haben, wenn er sich mit einem Büro vor Ort zusammentue. Dennoch: Der Katalane erarbeitete fast den gesamten Komplex, bestehend aus vier Hauptelementen. Das historische Queensberry House wird umrahmt von einem Flügel für die Büros der Parlamentarier, vom dem ebenerdig ein weiter Flur – eine von Restauration flankierte Begegnungsstätte – zu dem zweiten Flügel führt, in dem in vier »Türmen« Ministerbüros sowie Tagungs- und Presseräume und in einem weiteren Haus der Plenarsaal untergebracht sind. Das Parlamentarierhaus unterscheidet sich in seiner Fassadengestaltung stark von dem gegenüberliegenden Trakt: verblenden ersteren Edelstahl und Holzelemente, sind auf den anderen vornehmlich Granitelemente appliziert.
Verweise auf Ort und Gechichte Ausgangspunkt war der Gedanke, dass das Gebäude sich in das umliegende Land einfügen solle, wofür symbolisch die Blattform steht. Über dem eingegrabenen, aber ebenerdig wirkenden Verbindungsflur zwischen den Trakten bieten blattförmige Deckenfenster Lichteinfall. Die vier Tagungsgebäude haben ebenfalls spitz zulaufende Formen; ihre Körper sind jeweils zu zwei Paaren zusammengeschoben. Auch der Plenarsaal hat eine ovale Form. Die Redner sprechen hier von ihren jeweiligen Sitzen aus – wie auch in Westminster, nur dass sich Regierungspartei und Opposition einander nicht gegenüber sitzen. Das schottische Parlament soll sich durch kooperatives Verhandeln auszeichnen: Diese politische Vorgabe spiegelt sich in der Anordnung der Sitzreihen wider. Um den Parlamentariern auch die nötige Ausgeglichenheit bei der Arbeit zu ermöglichen, hat Miralles die Büroräume der Politiker mit Fenstersitznischen versehen, die als Ruhezone oder Bücherregal genutzt werden können. Die Politiker werden nicht als Teil einer Büromaschinerie verstanden, sondern als Individuen mit Nerven und Gefühlen, denen die Architektur begegnen muss.
Enric Miralles erhielt den Zuschlag für seinen Entwurf Anfang 1998. Ein Jahr darauf war das erste Parlament gewählt und Donald Dewar zum ersten schottischen Premier gekürt. Doch wiederum ein Jahr später verstarben erst Miralles und dann Dewar. Das Parlament verlor seine Architekten im doppelten Sinne. Zum einen den Visualisierer einer demokratischen Institution, zum anderen den politischen Visionär, der wesentlich zum Entstehen einer schottischen Eigenständigkeit beigetragen hat.
Für die Architekten entstand zwar ein trauriges Vakuum, aber der Arbeitsfluss wurde dadurch nicht wesentlich unterbrochen. Miralles hatte fast alle Details fertig gezeichnet, nur der Verbindungstrakt zwischen Bürohaus und Tagungsgebäuden bedurfte weiterer Aufmerksamkeit. Der Tod Donald Dewars allerdings führte zu einem Verlust der Führungsgestalt. Da sich der Auftraggeber aus mehreren Instanzen von Parlamentskommitees zusammensetzte, ergab es sich von 1999 an, dass Entscheidungen von einer Instanz gebilligt und von der nächst höheren verworfen wurden, was zuweilen die Arbeit zum Stocken brachte. Dewars Einfluss hätte dies möglicherweise verhindern können. Der vormalige Schottlandminister der britischen Regierung war schließlich schon an den Plänen beteiligt, bevor das Parlament 1999 die Verantwortung für das Projekt übernahm.
Trotz der traurigen Widrigkeiten ist ein eigensinniger Gebäudekomplex entstanden, der den politischen Hoffnungen eine Identitätsfläche bieten kann. Anders als die niederländische Zurückhaltung in Den Haag oder die deutsche Protzigkeit in Berlin, bekleidet Miralles‘ Entwurf die Behausung der Parlamentarier mit dekorativer Eigenwilligkeit und menschlichem Maßstab. Hier geht es vor allem um die Kommunikation und das Wohlbefinden politischer Akteure der Gegenwart. Äußerliches Auftrumpfen tritt hinter eine geschichtliche und landschaftliche Einbettung; die Materialien Granit und Eiche wurden entsprechend dem Wunsch nach Dauerhaftigkeit gewählt und sollten soweit möglich aus Schottland kommen. Der Stein repräsentiere die Materialität des Landes und nicht den für Edinburgh typischen Hausbau, hebe sich also ab von den architektonischen Eigenheiten der Stadt. Des weiteren verlängerte Miralles den Gebäudeentwurf in eine umliegende Parklandschaft. Straßenführungen am Holyrood House werden verkehrsberuhigt, der Holyrood Park mit Teichen dekoriert und mit neuen Anlagen bereichert, die zugleich als Sicherheitsbollwerk dienen. Hier endet die edinburghische Innenstadt und es beginnt eine neue Stadtlandschaft: Nur das Parlamentarierbürohaus liegt noch auf einer parallelen Achse zu den Häuserreihen des Stadtteils Canongate, aber mit den Tagungshäusern und dem Plenargebäude wird diese urbane Struktur aufgelöst. Die Gebäude weisen von den strickten grafischen Anlagen in eine andere Richtung: zu den wilden Formen der schottischen Landschaft. Die Architektur spricht mit spezifischer Symbolik ihre direkte Umgebung an.
Insofern haben die beiden Architekturbüros EMBT und RMJM bei der visuellen Ausarbeitung eine identitätstragende Form gefunden. Ob sich diese bei den Menschen als positive politische Form etablieren kann, bleibt naturgemäß abzuwarten. Allerdings sind die ersten Zeichen erfolgsversprechend. Jene Zeitungen, die im Vorfeld und während der Bauzeit über die steigenden Kosten unkten, haben nun den Zauber von Miralles‘ dekorativen Bau entdeckt. Der Architekt hat dieses Gebäude wie eine Zeichnung behandelt, in der gewisse Formenelemente immer wieder neu auftreten. Vor den Fenstern dünne Stöcke, die den Sonneneinfall mildern; an den Fassaden eine polygonale Blendform, die auch im Inneren wieder auftaucht. In den Decken der Büros sind grobe Linien eingelassen, in den Besucherräumen ein stilisiertes schottische Kreuz, und vage humanoide Figuren finden sich an den Wänden des Plenarsaals. Jedes dieser Details stellte für Miralles einen Aspekt des Landes dar: die Landschaft und seine Menschen, die auch dann, wenn einmal nicht über politische Zukunft verhandelt würde, immer noch im Gebäude präsent blieben. So die Politik in die Architektur und das Leben dringt – das Parlament also wie in Crawfords Gedicht aus den Alltäglichkeiten zurückgerufen wurde. Jörn Ebner
Der Autor ist freier Künstler und Journalist und lebt in Newcastle upon Tyne.