Berlin: zwischen Scharoun und Mies van der Rohe keimt Hoffnung auf

Kultur auf’s Forum

Am Berliner Kulturforum wurde viel herumgeplant, -gebaut, -gedoktert – ein lebendiger Ort des Austausches ist dabei dennoch nie entstanden. Die Grundgedanken Hans Scharouns blieben unverstanden oder absichtlich außen vor. Bei der Planung des Potsdamer Platzes nahm man in Kauf, dass die Neubauten die architektonischen Kleinodien des Forums in den Schatten stellen würden. Stets fehlte das Geld, letztlich aber schlicht der politische Wille. Was war? Was kann, und was muss sein, um das städtebauliche Ärgernis in ein Kulturforum zu verwandeln, das seinen Namen verdient?

~Jürgen Tietz

Wie schnell eine gewaltige Brachfläche zu einem Stück Stadt werden kann, hat die Verwandlung des Potsdamer Platzes in den 90er Jahren gezeigt. Gleich nebenan dauert es etwas länger: Seit fast 50 Jahren wird am Berliner Kulturforum gewerkelt. Und das obwohl es von Berlins bedeutendsten Bauten des 20. Jahrhunderts eingefasst wird, der Philharmonie von Hans Scharoun und der dringend restaurierungsbedürftigen Neuen Nationalgalerie Ludwig Mies van der Rohes. Doch noch immer ist die Fläche zwischen den beiden Ikonen der Moderne ein Forum ohne Zentrum. Dabei spiegeln sich an dieser Stelle Berlins Hybris und Sophrosyne, Glanz und Elend des 20. Jahrhunderts in all ihren Schattierungen wider: Der Kemperplatz am Rand des Tiergartens etwa ist so gründlich aus dem Grundriss der Stadt verschwunden wie der Rolandbrunnen, der ihn einst zierte. Hier begann gleich hinter dem Leipziger Platz mit dem Tiergartenviertel der Alte Westen, jene Villensiedlung des frühen 19. Jahrhunderts, mit der die Stadt über ihre barocken Grenzen hinausgewachsen war. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wandelte sich das Villenquartier zum großstädtischen Geschäftsviertel. Eine Transformation, die freilich nur einen Vorgeschmack auf jenen Maßstabssprung bot, mit dem Hitlers Architekt Albert Speer an Kemper- und Matthäikirchplatz einen Pfeil in das Fleisch der Stadt bohrte: Die alten Häuser des Quartiers wurden entmietet und ihre jüdischen Bewohner in den Tod geschickt, um den »Runden Platz« der Nord-Südachse für die »Welthauptstadt Germania« zu verwirklichen. Doch die nationalsozialistische Mordmaschine funktionierte auch ohne Neubauten. In der Villa Tiergartenstraße 4 – etwa dort wo heute Richard Serras gekurvte Metallplastik »Berlin Junction« an der Philharmonie steht – befand sich jene »Euthanasiezentrale«, von der aus die Ermordung von Behinderten und Kranken im Deutschen Reich gelenkt wurde.
Mit der Ruine des »Hauses des Fremdenverkehrs« verschwand 1962 der erste Baustein des »Runden Platzes«, der vor 1945 nahezu fertig gestellt worden war. Er gab das Baufeld für West-Berlins »Kulturforum« frei, das sich Hans Scharoun eigentlich als größeren Teil eines innerstädtischen Kulturbandes gedacht hatte, beginnend an der Museumsinsel. Was für ein faszinierendes, heute kaum mehr nachvollziehbares Stadtverständnis, das die Kultur als gedankliches und bauliches Rückgrat einer Stadt begreift!
Zwar blieb Scharouns Idee eines kulturellen städtischen Herzstücks ein Fragment, doch es schuf Raum für zwei Antipoden der Moderne, die in ihrer wegweisenden Bedeutung und Qualität dringend auf die Liste des UNESCO Welterbes gehören: die organisch expressive Philharmonie (1963) und die Nationalgalerie (1968) mit ihrem modernistisch gefilterten Klassizismus.
Doch vor der organischen Landschaftlichkeit der Philharmonie und dem klaren Raster der Nationalgalerie sind alle nachfolgenden Bauten des Kulturforums gescheitert. Das beginnt schon mit der Staatsbibliothek, die bis heute durch das breite Band der Potsdamer Straße vom Forum abgeschnitten ist. Ach, am Kulturforum stapeln sich geradezu Fehlgriffe und vergebene Chancen: Der zur 750-Jahrfeier Berlins all zu üppig aufgeblasene Kammermusiksaal bereitet der Philharmonie unbotmäßige Konkurrenz, während sich zuseiten der Matthäikirche die banale Gemäldegalerie, die langweilige Kunstbibliothek und das mittelmäßige Kunstgewerbemuseum in schönster Belanglosigkeit aneinander reihen. Die Gründe für dieses Scheitern sind vielfältig. Sie reichen vom Mittelmaß der architektonischen Lösung bis zum Paradigmenwechsel in der Berliner Verwaltung, die unter der aufglühenden Postmoderne mit der städtebaulichen Idee der Stadtlandschaft nichts mehr anzufangen wusste. So verlief auch Hans Holleins Bemühung von 1983 im Sande, die Solitäre durch eine Platzanlage mit Kolonnade, Turm und Haus der Kirche zu verbinden. Und als wären dies nicht schon genügend Halbheiten, so blieb auch der Entwurf von Valentien + Valentien, die 1998 den Raum »dazwischen« als eine Landschaft in strenger Regelmäßigkeit gestalten wollten, Fragment. Anstelle der von ihnen vorgeschlagenen Kiefern wurden Götterbäume gepflanzt, von denen die meisten mittlerweile eingegangen sind. Vom Senat zwar beschlossen, aber bisher nicht umgesetzt wurde auch der Versuch von Hans Stimmann, ausgerechnet dem Kulturforum das Siegel des historischen Stadtgrundrisses aufzudrücken. Dabei wurde die Architekturwerkstatt der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz im Rahmen einer Konzeptplanung u. a. von den Architekten Hilmer, Sattler und Albrecht beraten.
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Jetzt wird die Ganzheit des Fragments am Kulturforum erneut zum Thema: Mit einer Ausstellung von 40 Skizzen im Format 40 x 40 cm, bei der manch Gelungenes und manch Grausames in stiller Eintracht beieinander hing, haben sich Vertreter des Berliner BDA Gedanken über die Zukunft des Areals gemacht. Konkrete Konzepte standen dabei entsprechend dem bewusst skizzenhaften Ausstellungsformat im Hintergrund. Vielmehr erwies sich die Ausstellung als Berliner Lockerungsübung für eine neue Gedankenfreiheit am Kulturforum.
Befreit von der Blockrand-Dogmatik, überarbeitet derzeit auch das Freiraumarchitekturbüro Valentien + Valentien im Auftrag der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher seinen Entwurf aus dem Jahr 1998 – unter Einbeziehung der Ergebnisse eines Workshopverfahrens vom Frühjahr 2010 [1]. Vier Veränderungsstufen sind geplant: So soll der Eingang der Philharmonie zur Potsdamer Straße hin aufgewertet werden und der Parkplatz dort verschwinden. Weitere Entwicklungsstufen sehen vor, die Platzfläche zwischen Philharmonie und Nationalgalerie zu begrünen und ein Pavilloncafé anzulegen, die Hans-Scharoun-Straße in eine bessere Busspur mit steinernem Platzcharakter zu verwandeln und schließlich den derzeit eher trennenden als verbindenden Matthäikirchplatz räumlich an die Staatlichen Museen anzubinden. Doch die Umsetzung hängt – einmal mehr – am lieben Geld. Vorerst sind zwei Mio. Euro bereitgestellt. Wichtig ist, dass der Stimmannsche Masterplan noch vor den Berliner Wahlen 2011 vom Senat angepasst wird, um so einer künftigen Berliner Regierung eine städtebauliche Weichenstellung für das Areal mitzugeben.
Der eingeschlagene Weg bietet Chancen, denn mit ihm könnte es endlich gelingen, das Scharounsche Kulturforum mit einem Motto von Mies van der Rohe zu vollenden: Weniger ist mehr. Doch der kluge Verzicht auf Neubauten im zentralen Bereich des Forums, für die es ohnehin keine Investoren gibt, wird ebensowenig ausreichen, das Areal dauerhaft zu beleben, wie die Anlage einer Grünfläche. Vielmehr gilt es, endlich das Kulturforum beim Namen zu nehmen und Kultur auf das Forum zu bringen! Dass meint allerdings mehr, als den öffentlichen Raum mit ein bisschen Kunst zu garnieren. Es muss ja nicht gleich ein kleinteiliges Programm aus Konzert und Lesung, Yoga und Theater wie beim New Yorker Bryant-Park sein. Um das Areal angemessen kulturell zu bespielen, sind im schmerzhaft unterfinanzierten Berlin die Anrainer gefordert. Allen voran die Philharmonie aber auch das schwerfällige Kulturschiff der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, deren Blicke derzeit all zu starr nach Mitte gerichtet sind. Bleiben die Firmen rund um den Potsdamer Platz, die es ebenfalls für die Kultur auf dem Kulturforum zu gewinnen gilt. Das kann dauern – doch das ist man am Provisorium Kulturforum ja gewöhnt. Die aktuelle Grünflächenplanung jedenfalls stellt sicher, dass der Platz zwischen Nationalgalerie und Philharmonie an Aufenthaltsqualität gewinnt und zudem nicht ohne Not durch banale Investorenarchitektur verstellt wird. Für einen künftigen Antrag auf den Welterbestatus für diese beiden Ikonen der Moderne sollte dies nur förderlich sein. •
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.