Kulissenzauber Bauakademie

Rosarot leuchtet Berlins neuester Kulissenzauber, der für den Wiederaufbau von Friedrich Schinkels Bauakademie werben will. Seit dem 12. August steht in der alten Mitte Berlins eine neue Attrappe, die 46 x 46 x 21 Meter groß im Maßstab 1:1 an ihrem historischen Standort vermitteln soll, was einst den Reiz und die Bedeutung von Schinkels Gebäude ausmachte, das 1962 dem mittlerweile schon wieder verschwundenen DDR-Außenministerium weichen musste. Unter der Leitung von Hans Kollhoff will nun der Verein »Internationale Bauakademie« wiederholen, was Anfang der neunziger Jahre anderen mit der Attrappe der Berliner Hohenzollernresidenz gelang, nämlich erfolgreich für eine Rekonstruktion eines längst verlorenen Gebäudes zu werben. »Schaufassade« nennen seine Mitglieder fast liebevoll den mit bedruckten Planen behängten Gerüstbau, der nicht wie beim Schloss nur einen Sommer, sondern zwei bis drei Jahre am Ufer der Spree stehen soll. Wozu ein potenter Sponsor, Daimler-Chrysler, nicht nur den Bau der Kulisse, sondern auch ein umfangreiches Filmprogramm unter dem Titel »Was ist Architektur?« zu finanzieren bereit ist. Denn man strebt weit mehr als nur die Rekonstruktion eines Gebäudes. Die Schätze der Architektursammlungen von Berlin und Brandenburg sollen hier zugänglich gemacht werden, das Haus sich zu einem informellen Zentrum über die Geschichte, Theorie und Praxis der Architektur entwickeln. Ein Anliegen, das man gerne begrüßen würde, wäre da nicht das altmeisterliche Gehabe seiner Initiatoren, die Geschichte nur recht selektiv wahrnehmen wollen, um ihre Wende zu einem architektonischen Konservativismus zu legitimieren und öffentlich zu befördern.

So gab sich am Abend seiner Eröffnungsrede Hans Kollhoff zwar überraschend versöhnlich, doch seine Botschaften waren unmissverständlich. Wider das »Individuelle« und für Konventionen in der Architektur, wider »ökonomische Verwertung und verschwommenes Künstlertum« solle ein Ort neu erstehen, der sich in den »Kontext der Überlieferung« stellt. Mit seinem Filmprogramm möchte er den »Bruch mit den Brüchen« einleiten.
So visuell attraktiv sich auch entgegen der allzu plakativen Kulisse aus dem Hause Kollhoff der erste Film »Von der Bauakademie zum Bauhaus« präsentiert, der nun allabendlich in den Stadtraum projeziert wird, so klar sind seine Botschaften. Nur rhetorisch stellen Helmut Geisert und Fritz Neumeyer, die für die wissenschaftliche Konzeption der Filme verantwortlich zeichnen.ihre Fragen nach »Was ist Architektur?«. Architektur ist vor allem Körper, nicht Hülle oder Raum. Transparenz, Farbe und Abstraktion seien Mittel zweifelhafter Bedeutung für die Architektur. Sie implizierten sie zu bezaubernd schönen Bildern, die Bauakademie und Bauhaus eher antipodisch denn verbunden präsentieren. Schließlich gehe es hier nicht um Innovation, weder um die zeitgenössische Stadt, noch um die gesellschaftlichen Dimensionen von Architektur, sondern um edle Baukunst, um solides Handwerk und ewig gültige Theorie.
Einmal mehr scheint sich Berlin in seiner Zeitschleife zu verfangen, die die Stadt nicht vor, sondern zurück ins 19.Jahrhundert treibt. Schinkels Credo »Überall ist man da nur wahrhaft lebendig, wo man Neues schafft« findet kein Echo, wo die Politik und führende Architekten die Rekonstruktion der Bauakademie als einen weiteren Baustein für die Rückkehr zur verlorenen Stadt feiern. Dabei war damals die Bauakademie mit ihren Geschäften der erste bürgerliche Solitärbau in der Stadt, ein sehr ökonomisches, halb industrielles Gebäude, das aus den Konventionen der alten Stadt ausbrach.
Doch nun soll es Ergänzung für ein neues Quartier am Friedrichwerder sein, welches das historisierende Mimikry des nahen Nikolaiviertels fortsetzen wird. Einmal mehr fragt man sich, was wohl Schinkel, der sich wenig aus den Zöpfen der Tradition machte, der Innovation mit einer Ökonomie begrenzter Mittel vertrat, davon gehalten hätte. Claus Käpplinger