Kräftemessen der Pharma-Giganten

Vor 15 Jahren legten Herzog & de Meuron mit Rémy Zaugg die städtebauliche Studie »Eine Stadt im Werden?« über den Großraum Basel vor, mit der sie die Aufmerksamkeit auf schwer zugängliche Bereiche zwischen Kernstadt und Grenze lenkten. Auch heute noch wirken Gleistrassen, Verkehrsschneisen, Hafenanlagen und Industrieareale als kaum passierbare Sperrzonen – bieten aber Potenziale für eine zukünftige Entwicklung. Basel-Stadt ist der Schweizer Kanton mit dem größten Anteil an Brachflächen.

~Hubertus Adam

Ein Entwicklungsschwerpunkt liegt im nördlich der Altstadt gelegenen linksrheinischen Quartier St. Johann. Motor der Transformation ist der bisherige Produktionsstandort des Pharmakonzerns Novartis, der nach einem von Vittorio Magnago Lampugnani 2002 vorgelegten Masterplan sukzessive umstrukturiert und neu bebaut wird. »Novartis Campus« heißt das Projekt, demzufolge das Industriegelände zu einem Ort des Wissens und des fachlichen Austauschs wird – ganz ohne Produktion.
Während Lampugnani die Bausubstanz westlich der Hüninger Straße zum Teil bewahrt, bleibt auf dem Ostareal lediglich das 1939 in reduzierten neoklassizistischen Formen errichtete Hauptverwaltungsgebäude erhalten. Aus dessen Proportionen destillierte Lampugnani gleichsam den Maßstab seiner Planungen: Das bestehende, streng orthogonale Straßenraster adaptierend, entwarf er ein rigides Gebäudeensemble, das durch die Traufhöhe von 22 Metern, steinverkleidete Fassaden und eine zwischen Rationalismus und purifiziertem Klassizismus oszillierende Ästhetik vereinheitlicht werden sollte. Das erste Gebäude, das von Diener & Diener auf Basis von Lampugnanis Konzept realisiert wurde, folgt den Vorgaben hinsichtlich der Proportionen – und sieht doch mit seiner farbigen gläsernen Haut des Künstlers Helmut Federle ganz anders aus als man es erwartet hätte (siehe db 7/2005, S. 37 ff).
Nun ist schräg hinter dem ersten Neubau das »Besucherzentrum« enstanden, entworfen vom Zürcher Architekten Peter Märkli, der bei aller Sechziger-Jahre-Ästhetik, welche das Äußere seines Baus prägt, im Inneren ebenso suggestive wie luxuriöse Raumfolgen inszeniert.
Das gläserne Gebäude von SANAA, das zusammen mit dem Riegel von Diener & Diener die der Stadt zugewandte Schauseite des Novartis Campus bildet, nimmt sich wie eine Gegenwelt zu Märklis Adaption historischer Verwaltungsinterieurs aus. Das Volumen der Japaner ist extrem schmal – und wirkt so entmaterialisiert, dass von Ferne nicht einmal die Geschossdecken auffallen. Die nächsten Projekte werden von Adolf Krischanitz, Frank O. Gehry, Tadao Ando und Rafael Moneo entworfen.
Hatte Novartis-CEO Daniel Vasella die Auswahl der Architekten zunächst einem Beraterteam übertragen, so entscheidet er inzwischen selbst, übernimmt die Rolle des Bauherrn in einem Maße, wie man es heute kaum noch kennt. Dieses Vorgehen erinnert ein wenig an die durch Rolf Fehlbaum ins Werk gesetzte Planung des Vitra-Firmengeländes im benachbarten Weil am Rhein, das mit seinen Bauten längst zu einem Wallfahrtsort für Architekturinteressierte geworden ist. Auch Vitra plant zurzeit Erweiterungen; die Namen, die inoffiziell gehandelt werden, sind SANAA und Herzog & de Meuron. Der zweite Pharma-Gigant und eigentliche Konkurrent Novartis` ist Roche. Im Gegensatz zum dispersen Novartis-Gelände besitzt Roche seit jeher ein klar strukturiertes Industrieareal östlich der Innenstadt auf Kleinbasler Seite. Von Otto Rudolf Salvisberg stammt das Grundkonzept paralleler Werksgebäude mit Fensterbändern und weiß gestrichenen Betonfassaden (1935–37), das später von seinem Nachfolger Roland Rohn weitergeführt und verdichtet wurde. Herzog & de Meuron sind seit längerem mit der Weiterentwicklung des Areals befasst: 2000 wurde das Gebäude 92 fertig gestellt, ein gläserner Baukörper, der im Osten den Auftakt markiert; ein weiterer gläserner Körper (Bau 95) ist nahezu fertig.
Zu den Roche-Erbinnen bestehen ohnehin gute Kontakte seitens der Architekten: Die Kunstsammlerin Maja Oeri war die treibende und finanzierende Kraft hinter dem Schaulager in der Basler Nachbargemeinde, während Gigi Oeri den FC Basel unterstützt, für den Herzog & de Meuron das Stadion St. Jakob-Park bauten und derzeit erweitern.
In den kommenden Jahren soll das Firmenareal von Roche grundlegend restrukturiert werden. Ziel ist es einerseits, 1700 in Mietobjekten untergebrachte Arbeitsplätze auf das Kerngelände zurückzuführen, und andererseits, dort die Nutzungen zu entflechten. So werden alle Labors zukünftig im Norden und Osten des Areals angesiedelt sein, die Büros konzentrieren sich auf den Süden. Spektakulär zeigt sich die Umgestaltung des Südareals. Zukünftiges Wahrzeichen wird der Büroturm, der – ebenfalls von Herzog & de Meuron – bis zum Jahr 2011 realisiert sein soll. Kompakte Cluster aus jeweils fünf Bürogeschossen bilden Einheiten, die um 90 Grad gegeneinander verdreht sind und mit anderen Nutzungen (Gastronomie, Lobby, Foyer, Archiv, Auditorium und den zwei obersten Ebenen für die Konzernleitung) zu einem Volumen verschmolzen werden; als Grundelement für die Geschosse wurde der Kreis gewählt. Seine besondere Gestalt erhält der Turm für 2400 Mitarbeiter durch zwei sich gratartig an der Fassade abzeichnende Erschließungssysteme aus Rampen und Treppen: eine flache Spirale mit mehreren Umdrehungen (Walkway) und eine steile, gegenläufige mit nur einer Windung (Broadway).
Die vier Schnittpunkte – auf verschiedenen Höhen und verschiedenen Seiten – werden als kommunikative Zonen mit spektakulären Aussichten ausgebildet. Mit 160 Metern Höhe wird der von Roche voller Understatement »Bau 1« genannte Turm als Vertikaldominante der Stadt den von Morger & Degelo mit Daniele Marques errichteten Messeturm (mit 105 Metern derzeit höchstes Gebäude der Schweiz) überragen. Und auf jeden Fall stellt Roche seinen Erzkonkurrenten Novartis in den Schatten, denn die beiden in Planung befindlichen Hochhäuser auf dem Novartis Campus müssen wegen der Nähe zum Flughafen deutlich niedriger ausfallen.
Bei der bevorstehenden Diskussion um das Roche-Hochhaus wird es nicht zuletzt auch darum gehen, ob die Öffentlichkeit den Wunsch des Pharmakonzerns nach einem stadtbildprägenden Markenzeichen akzeptiert – und adoptiert. Architektonische Qualität kann zweifelsohne als Gleitmittel fungieren, was angesichts des hermetisch verschlossenen Areals wohl auch dringend nötig ist. Denn Broadway und Walkway werden externen Besuchern kaum jemals zur Verfügung stehen.
Ohne Eingriff in die konsistente Bausubstanz von Roland Rohn ist der Turmbau von Basel überdies nicht zu haben: Das die Grenzacherstraße auf der Südseite flankierende Gebäude 15 wird ihm zum Opfer fallen. Außerdem plant Roche, die geschlossene Rheinfront visuell aufzubrechen. Damit geht eine wesentliche Idee von Rohn verloren: das Abschließen des Werkskomplexes per Kammstruktur, die sich nach außen abschottet, nach innen jedoch öffnet.
Angesichts des unausgesprochenen architektonischen Gerangels der beiden großen Basler Pharmakonzerne geraten die öffentlichen Großprojekte etwas ins Hintertreffen. Die Messe Basel, nördlich des Rheins gelegen, plant nach dem bislang stadtbeherrschenden Messeturm eine das Areal neu strukturierende Erweiterung, für welche Herzog & de Meuron engagiert wurden. Nach den Vorstellungen von Architekten und Messe werden die beiden südlichen Messehallen abgerissen und durch ein zusammenhängendes Gebäude ersetzt, das brückenartig die Straße überspannt und den Messeplatz optisch Richtung Süden abriegelt.
Im Zentrum der historischen Altstadt, am Barfüsserplatz, soll Zaha Hadid das hier traditionell »Stadtcasino« genannte Konzerthaus errichten (siehe db Kommentar 8/2006) – falls das Projekt nicht an der schwierigen Finanzierung oder an Einsprachen scheitern sollte.