Ein Baseler Gewerbegebiet wird zum Kreativquartier umgebaut

Kleine Schritte

Der »Dreispitz«, eines der größten Gewerbe- und Dienstleistungsgebiete der Region Basel befindet sich seit jeher in privater Hand und war deshalb dem Zugriff der Stadtplanung entzogen. Grundbesitzer und Stadt arbeiten aber seit geraumer Zeit an der Öffnung des Areals und beweisen dabei einen langen Atem, wie er auch andernorts wünschenswert, aber kaum je zu spüren ist.

~Hubertus Adam

Lange Zeit war der »Dreispitz« für die Baseler Bevölkerung mehr oder minder unzugänglich. Ursprünglich Teil des riesigen Hofguts, mit dem der Großgrundbesitzer Christoph Merian seinen Landsitz Brüglingen umgab, entstand hier seit 1901 ein »öffentlicher Materiallagerplatz« der schließlich auf eine Fläche von 50 ha anwuchs. Die verkehrsgünstige Lage nahe den Bahntrassen führte dazu, dass sich Firmen und Logistikunternehmen ansiedelten, die einen Gleisanschluss benötigten; langgestreckte, zumeist in Nord-Süd-Richtung orientierte Lagerhäuser, durch Gleisstränge voneinander getrennt, bilden die typische Bebauungsstruktur des keilförmigen, halb auf dem Boden des Kantons Basel-Stadt, halb auf dem der Nachbargemeinde Münchenstein befindlichen Areals. Der gesamte Grund und Boden gehört seit Anbeginn der gemeinnützigen Christoph Merian Stiftung, deren Gründung entsprechend dem testamentarischen Willen Merians nach dem Tod seiner Frau 1886 erfolgte. Die einzelnen Parzellen werden im Erbbaurecht vergeben, der Zinsertrag fließt in das Stiftungsvermögen ein. Mehr als 350 Firmen haben sich auf dem Areal eingemietet.
Von Veränderungen im Logistikgeschäft, welche sich in den vergangenen Jahren ereigneten, blieb auch der Dreispitz nicht unberührt: So wurden das Zollfreilager und das Transitlager an dieser Stelle aufgegeben. Und an den Rändern begannen sich Dienstleistungsunternehmen einzumieten. Doch auch heute noch prägen Containerstapel, die dreispitzeigene Güterbahn, Lkw und die Umschlagaktivitäten das Bild.
Der sich abzeichnende Strukturwandel bewog die Christoph Merian Stiftung (CMS), das Büro Herzog & de Meuron mit der Ausarbeitung einer städtebaulichen Studie für das Dreispitzareal zu betrauen. 2002 lag die »Vision für einen neuen Stadtteil des 21. Jahrhunderts« vor. Als Auftraggeber fungierten neben der Stiftung auch das Finanz- und das Baudepartement des Kantons Basel-Stadt, und das aus gutem Grund: Während die CMS, die ihre Projekte über Erträge aus ihren Liegenschaften finanziert, an einer intensivierten Nutzung des Dreispitzes interessiert sein musste, erhielt die Stadt einen Hebel, ein bisher gleichsam exterritorial gehandeltes Terrain in das Kalkül der städtischen Planung zu integrieren. Es ist dabei der Weitsicht und dem Augenmaß der Beteiligten zu danken, dass die Transformationsprozesse nur schrittweise erfolgen. Ziel ist eine sukzessive Veränderung oder Ergänzung der Nutzungen.
Bausteine und Pioniere
Die Herzog & de Meuron-Studie basierte auf den Prinzipien des Aufschneidens, Entdeckens und Transformierens der Terra Incognita Dreispitz und sah als Abschluss des langen Prozesses eine funktionale Differenzierung vor: Im Norden an der Spitze sollten sich Dienstleistung, kommerzielle Nutzungen und Wohnen konzentrieren (»Manhattan«), in der Mitte Mischnutzungen aus Wohnen und Gewerbe (»SoHo«), im Süden die Lagerflächen (»Queens«). Eine wesentliche Rolle bei der Transformation spielte den Vorstellungen der Architekten zufolge dabei ein »Campus des Bildes« auf dem Gelände von Zollfrei- und Transitlager, ein öffentlicher kultureller Komplex mit Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie Galerien und Ateliers.
Die aus New Yorker Bebauungstypologien abgeleiteten Begriffe spielen inzwischen keine Rolle mehr, die von Baumärkten und Supermärkten samt zugeordneten Parkflächen besetzte Spitze des Areals wird sich so schnell nicht in ein Manhattan überführen lassen. Doch die Vision eines »Campus des Bildes« ist Realität geworden – aufgrund der Entscheidung der Fachhochschule Nordwestschweiz, die bislang auf sieben Standorte verteilte Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) mit ihren zehn Instituten hier zusammenzuführen. 2006 lag ein Richtplan für den Dreispitz vor, im gleichen Jahr erwarb die CMS die Bauten des früheren Zollfreilagers und des Transitlagers von der Freilager AG und ebnete damit den Weg für den ersten Transformationsschritt. Im Oktober 2014 wurde der neue »Campus Dreispitz« eröffnet: Das Baseler Architekturbüro Morger + Dettli hat für die Institute ein neungeschossiges, mit seinem Wechsel aus Fensterbändern und Brüstungszonen aus gefalzten Chromnickelstahl zwischen Industrieästhetik und spätmoderner Formensprache oszillierendes Hochhaus errichtet. Dieses bildet die neue vertikale Dominante des »Campus Dreispitz«, während der denkmalgeschützte Bestandsbau des früheren Zollfreilagers von Müller Sigrist für Ateliers und Werkstätten umgebaut wurde. Die Struktur des Innern mit den Pilzstützen aus Beton blieb weitgehend erhalten, neue Treppenhäuser gewährleisten die Erschließung und zusätzliche Dachgauben sorgen für die Belichtung. Ausbruchmaterial der Betondecken wurde auf der Westseite zur Gestaltung eines »Pocket Parks« verwendet, der wie die gesamte Umgebungsgestaltung des Areals von Westpol Landschaftsarchitekten stammt. ›
› Wie erhofft, hat der Umzug der HGK auf den Dreispitz die weitere Entwicklung forciert. So ist ebenfalls im Oktober nach Plänen von Herzog & de Meuron und finanziert durch das Ostschweizer Immobilienunternehmen Senn das Gebäude »Helsinki Dreispitz« an der Helsinkistraße fertiggestellt worden, ein verzerrter Turm aus Sichtbeton, dessen viergeschossiger Sockel Archiv und Modelllager von Herzog & de Meuron umfasst, während in den acht Geschossen großzügige Loftwohnungen entstanden sind. Hinter dem markanten Betonraster befinden sich großzügige Loggien. Zu diesen ersten Wohnungen auf dem Dreispitz werden sich bald weitere gesellen: BIG aus Kopenhagen transformiert mit der UBS als Investorin derzeit das Transitlager, einen viergeschossigen Betonriegel aus den 60ern, in ein hybrides Gebäude, das Ateliers, Büros, Geschäfte sowie Wohnungen vereint. Ein Großteil der Wohnungen wird dabei in einer dreigeschossigen Aufstockung realisiert, die zickzackförmig vor- und zurückspringt und damit Platz für opulente Dachgärten lässt.
Weitere Loftwohnungen baut der Architekt Rolf Stalder im »Chillespitz«, einem Lagerhaus neben dem Helsinki-Turm von Herzog & de Meuron, und auch das Gebäude »Oslo Nord«, welches das Architekturbüro Zwimpfer Partner mit den Helvetia Versicherungen umsetzt, folgt einem ähnlichen Modell.
Vorangegangen war den aktuellen Umnutzungen und Neubauten übrigens der Umbau des Lagerhauskomplexes Oslostraße 8 und 10 durch Bearth & Deplazes. Hier haben verschiedene kulturelle Akteure wie das Radio X, der Kunstraum Oslo 10, eine Fotogalerie, Fotobetriebe und Künstler ihr Domizil gefunden. Daran anschließend erstellt die CMS derzeit ihre internationalen Austauschateliers (iaab) sowie die Ausstellungsflächen für das 2011 gegründete Haus der elektronischen Künste (HEK) ein, die im November eröffnet wurden. Ursprünglich war an dieser Stelle ein Neubau von Bearth & Deplazes geplant, der neben iaab und HEK auch das bislang in der Nähe des St. Jakob-Stadions ansässige Kunsthaus Baselland umfassen sollte. Das Projekt scheiterte allerdings an dem Baukostenanteil von 10 Mio. Franken, der das Kunsthaus Baselland überforderte. Die CMS verzichtete auf den Neubau und beauftragte das Architekturbüro Rüdisühli Ibach mit dem Umbau der bestehenden Gebäude für iaab und HEK. Neuerdings bekundet auch das Kunsthaus Baselland wieder Interesse am Dreispitz und beauftragte fünf Architekturbüros mit Studien zum Umbau der Dreispitzhalle, einem bisherigen Veranstaltungsort, der sich vis-à-vis vom HEK an der Helsinkistraße befindet.
Die Transformation des Dreispitz hat durchaus erfolgversprechend begonnen. Die von der CMS ausgelöste Ansiedlung von Kultur und Kreativwirtschaft beginnt, in deren Umfeld die erhofften privatwirtschaftlichen Investitionen auszulösen. Verdichtete Wohn- und Gewerbe-Strukturen ersetzen die flächenintensive, aber umsatzschwache Lagerwirtschaft. Die neuen Bewohner des Loftturms von Herzog & de Meuron sind wahre Pioniere: Von der Baustelle des Transitlagers dröhnt der Baulärm herüber, Lkw mit Containern fahren am Haus vorbei, jenseits der Münchensteinerstraße, welche die östliche Begrenzung des Dreispitzareals bildet, reiht sich Autohaus an Autohaus. Restaurants oder Geschäfte sucht man in der näheren Umgebung vergeblich. Die Transformation des Dreispitz ist eben ein Prozess, der gerade erst begonnen hat. •
  • Der Autor ist Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums (S AM) in Basel und als freier Architekturkritiker tätig.
  • www.dreispitz.ch