Wettbewerblicher Dialog Hanau

Kein Sommermärchen

Im Prinzip hat die Brüder-Grimm-Stadt Hanau alles richtig gemacht, als sie mit dem Verfahren des Wettbewerblichen Dialogs neue Wege zur Stadtentwicklung beschritt. Alle Beteiligten wurden rechtzeitig einbezogen, und es fand sich ein potenter privater Partner für die Neugestaltung der gesamten Innenstadt. Das Ergebnis fiel dennoch wenig zufriedenstellend aus, denn für den Investor ist und bleibt Stadtgestalt ein untergeordnetes Thema. Ein Problem, das es dringend zu lösen gilt, wenn das Verfahren auch andernorts Schule machen soll.

~Enrico Santifaller

Nimmt man als Beispiel die Rhein-Main-Region, so findet sich aus den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Architekturwettbewerben, die äußerst unbefriedigend verlaufen sind. Der Dom-Römer-Wettbewerb in Frankfurt etwa, ein städtebaulicher Ideenwettbewerb, löste mit seinem eher unsensiblen, aber investorengerechten Siegerentwurf jene große Bürgerempörung aus, die in der geplanten Teilrekonstruktion der Altstadt mündete. Auch der Wettbewerb um das Museum Sander auf der Darmstädter Mathildenhöhe hatte monatelange Diskussionen zur Folge, an deren Ende nun nicht der mit dem ersten Preis gekürte Entwurf des Leipziger Büros Schulze & Schulze realisiert werden soll, sondern jener des beim Wettbewerb leer ausgegangenen David Chipperfield. Und, blickt man ein paar Jahre weiter zurück, so erinnert man sich an das Dern’sche Gelände in Wiesbaden: Dort wurde 1993 die Realisierung des Wettbewerbsergebnisses nach einem Bürgerentscheid aufgegeben. Schlechte Vorbereitung, mangelhafte Auslobungstexte, ungeeignete Standorte, Fehlentscheidungen der Preisgerichte – Gründe für misslungene Wettbewerbe gibt es viele. Doch jenseits dessen herrscht spätestens seit Stuttgart 21 in vielen Kommunen immer größere Angst, dass einmal getroffene Investitionsentscheidungen am Bürgerprotest scheitern könnten. Und diese Furcht entwertet auch Wettbewerbe in all ihren Formen. »Die Autorität des Wettbewerbswesens«, sagt Roland Burgard, ehemaliger Leiter des Frankfurter Hochbauamts und später Professor an der Wiener Universität für Angewandte Kunst, »wird durch die Nichtakzeptanz der Bürger erheblich geschwächt«. Die Kommunalpolitiker, denen der Wettbewerb als praktikables, weil widerspruchsfreies Instrument bei der Vergabe von Bauaufgaben erschien, würden noch mehr als sonst nach anderen Verfahren rufen.
Griff nach dem Strohhalm
Ein Beispiel ist Hanau. Die Stadt, 20 km östlich von Frankfurt gelegen, in der Jacob und Wilhelm Grimm geboren wurden und deren Publikationen oft ein Konterfei der Brüder ziert, erlebt schon seit Jahrzehnten ein böses Märchen. Hohe Arbeitslosigkeit, viele Transferempfänger, Firmeninsolvenzen, Wegzug von Betrieben – der Boom der stets prosperierenden Rhein-Main-Region schlägt um Hanau regelmäßig einen großen Bogen. Schließlich zog auch noch die US-Armee aus der knapp 100 000-Einwohner-Stadt ab – übrig blieben 320 ha Konversionsfläche. Um die Stadtentwicklung voranzutreiben, wurde zwar zur Jahrtausendwende mit den Diskussionen um das »Leitbild Hanau« und um die »Agenda 21« der Dialog mit den Bürgern gesucht, doch außer mehreren dicken Büchern mit einer Vielzahl sich gegenseitig ausschließender Wünsche ist dabei nur wenig herausgekommen. Auch der städtebauliche Wettbewerb für den »Freiheitsplatz« im Zentrum der Stadt brachte außer einem Sammelsurium von nett aussehenden Vorschlägen nichts Greifbares. Wieder einmal fand sich kein Investor, der diese Schnittstelle zwischen mittelalterlicher Altstadt und der 1521 gegründeten Neustadt bebauen mochte. So entschloss sich das Hanauer Stadtparlament im Juni 2008, ein Vergabeverfahren aufzugreifen, welches das EU-Recht seit 2005 bietet, das aber zuvor keine bundesdeutsche Kommune in Angriff nahm – den Wettbewerblichen Dialog.
Gut gemeint – gut gemacht
Insgesamt acht Investoren hatten sich dabei um die Entwicklung eines 80 ha großen Gebiets beworben, das in etwa der Hanauer Kernstadt entspricht. Es umfasst die historische Enfilade von fünf Plätzen – angefangen vom Schlossplatz, über den Altstädter Markt, den erwähnten Freiheitsplatz und den Marktplatz hin zum Platz um die Wallonisch-Niederländische Doppelkirche – und die sie verbindenden Straßenräume. Erwartet wurde ein Gesamtkonzept – oder wie es in der Projektbeschreibung heißt: »ganzheitliche Lösungsvorschläge, die funktionale, soziale, wirtschaftliche und zeitliche Wechselwirkungen darstellen«. Diese Lösungen sollten »unter Berücksichtigung der Historie die Stadtentwicklungsziele mit wirtschaftlicher und nachhaltiger Realisierbarkeit verbinden« und in einem Masterplan münden. Gefordert waren Planungen zu den Bereichen Einzelhandel, Kultur und Freizeit, zu einem vielfältigen Gastronomieangebot und einem Hotel, eine Modernisierung der Wohnungsbestände, teilweise mit Neubauten, ein ÖPNV- sowie ein Individualverkehrskonzept und Vorschläge zur Aufwertung der öffentlichen Räume. Um das Vertraulichkeitsprinzip des Vergabeverfahrens zu wahren, verhandelte man zuerst nicht öffentlich mit den Bewerbern. Als die Planungen ein gewisses Reifestadium erfüllten, keine substanziellen Veränderungen zu erwarten und bereits vier Investoren ausgeschieden waren, suchte man offensiv den Dialog mit der Öffentlichkeit. Bürgerwochenenden wurden veranstaltet, Gespräche mit Einzelgruppen und Verbänden fanden statt. Man beauftragte zudem eine Kommunikationsagentur, traf sich mit den lokalen Meinungsmachern und ermunterte die Bürger, ihre Anregungen und Einwendungen vorzubringen. Stadtentwicklung wurde, wie ein Hanauer Architekt erfreut berichtet, endlich ein breit diskutiertes öffentliches Thema.
Wirtschaftlichkeit sticht
»Hanau ist eine schöne Stadt – wenn man von Offenbach kommt«, witzelt der einheimische Kabarettist und frühere Architekt Rainer Bange. So wie das benachbarte Offenbach ist auch Hanau kein Schmuckkästchen der Baukunst. Im Gegenteil: Brachen, Tristesse auch und gerade in der Innenstadt, viele Problemflächen und ein Trading Down mit 1-Euro-Läden, Erotik-Shops etc.. Der Problemdruck ist groß. Pragmatismus erscheint als einziger Lösungsansatz – auch wenn die Gestaltung leidet. Selbst der heimische Architekten- und Ingenieurverein verschließt sich nicht diesem Ansatz. Zwar hatte einer der Bewerber, das Niederländische Firmenkonsortium 3w/Ing mit Jo Coenen einen prominenten Architekten aufgeboten, dessen Pläne nicht nur bei der Fachwelt, sondern auch bei der Bevölkerung auf größtes Wohlwollen stießen, doch der Investor schied aus. Ebenso wie die ECE mit Speer & Partner und die MAB mit Astoc und Kees Christiaanse. Die Stadt entschied sich für die Hanseatische Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft (HBB) aus Lübeck, die bundesweit Einzelhandels- und Seniorenimmobilien betreibt und die in Hanau bereits ein Fachmarktzentrum namens »Postcarré« auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofs nach den Plänen der Düsseldorfer Architekten RKW realisiert hatte: eine äußerst mediokre Kiste mit einer Reihe von städtebaulichen Fehlern. In der umfangreichen Bewertungsmatrix des wettbewerblichen Dialogs allerdings, die neben räumlichen und inhaltlichen Handlungsschwerpunkten auch Aspekte der Wirtschaftlichkeit und der Realisierungsfähigkeit umfasste, schnitt das von HBB, RKW und den Landschaftsarchitekten GTL (Kassel/Düsseldorf) erarbeitete Konzept am besten ab.
Weil HBB darüber hinaus das direkt am Freiheitsplatz gelegene Karstadt-Gebäude sowie ein daran anschließendes Sporthaus erwarb und überbauen will, beträgt die geplante Investitionssumme nun 400 Mio. Euro. 30 Mio. trägt die Stadt, die dem Investor darüber hinaus etwa 25 000 m² Fläche überträgt. Geplant ist u. a. ein Hotel und ein Kulturzentrum am Schlossplatz. Das Herzstück ist allerdings das sogenannte Literatur-Quartier am Freiheitsplatz: drei Baukörper mit Stadtbibliothek, Stadtarchiv und Einkaufszentrum, die ein Y-förmiges Gassensystem umschließen. An der erwähnten Doppelkirche soll HBB einen Wohnblock abreißen und neu bauen, die restlichen Wohnquartiere saniert die städtische Baugesellschaft. Der Marktplatz wurde aus dem wettbewerblichen Dialog herausgelöst und wird nun unter städtischer Regie mit Beteiligung lokaler Architekten weiterentwickelt. Die Pläne gerade für das Literaturquartier und für das Hotel sind freilich bei aller Sympathie für die Arbeit der Düsseldorfer Architekten arg enttäuschend. Auch der von der Stadt immer wieder eingebrachte Einwand, das letzte Wort über die Gestaltung sei noch nicht gesprochen, auch der erneute Versuch, die Bürgermeinung zu den einzelnen Fassadenvariationen abzufragen, kann nicht überzeugen. Was bisher vorliegt, ist schlicht banal und beliebig und kann nicht zu der ursprünglich »gewollten Identitätsstiftung« beitragen – auch nicht, wenn man eine Tapete aus ortstypischem Buntsandstein daran klebt. Zwar sind im wettbewerblichen Dialog auch nachgeschaltete Architektenwettbewerbe theoretisch möglich, so jedenfalls Thomas Dilger, Geschäftsführer der Nassauischen Heimstätte, welche dieses Verfahren in Hanau in immobilienwirtschaftlicher Sicht begleitete. Doch die HBB und die von ihr beauftragten Architekten sperren sich dagegen. Überdies würden Wettbewerbe unter solchen Umständen möglicherweise zu reinen Fassaden-Malereien reduziert. Allgemein fällt auf, dass es unter den vielen Beratern der Stadt kein fachliches Gremium gab, das die Kommune auch in gestalterischer Sicht beraten hätte. In dem etwa 20-köpfigen Beratungsteam war gerade ein ausgewiesener Stadtplaner, der Aachener Professor Kunibert Wachten. Zwar wurden rund zwei Dutzend Gutachten eingeholt – u. a. auch eines zum städtebaulichen Denkmalschutz –, einen Städtebau- oder Gestaltungsbeirat, der unabhängig die Vorschläge hätte prüfen können, gibt es in Hanau jedoch nicht. Und der Eindruck drängt sich auf, dass dies auch gar nicht gewollt ist. Interessant auch der heftige Drang zu einer großräumlichen Lösung. Die Hanauer Stadtplaner erteilten Realisierungs-, städtebaulichen und auch Investorenwettbewerben eine klare Absage: Damit würden Fragmente behandelt, wichtig seien jedoch die Wechselwirkungen und ein integriertes Konzept für die gesamte Innenstadt, das sich betriebswirtschaftlich rechnen müsse, um für einen privaten Investor realisierungsfähig zu sein.
Bei den Kommunen stößt das Geschehen in der Brüder-Grimm-Stadt auf großes Interesse. Um auf eine ganze Reihe von Einzelanfragen angemessen reagieren zu können, berief die Stadt Hanau Anfang Februar einen Kongress zum wettbewerblichen Dialog ein, bei dem im Publikum zahlreiche Vertreter von hessischen Städten und Gemeinden, aber auch aus anderen Bundesländern saßen.
Insgesamt hinterlässt das in Hanau angestrengte neue Vergabeverfahren gemischte Gefühle. Zwar ist eine Aufbruchsstimmung zu spüren, die nicht nur Hoffnungen, sondern vielleicht auch zusätzliche Chancen weckt – es gibt jetzt auch einen prosperierenden »Technologie-Park« –, doch darüber wie die Gestaltqualität gesichert werden kann, muss man unbedingt neu nachdenken. Darüber hinaus bleibt die Frage, ob es für Kommunen tatsächlich so ratsam ist, ihre wertvollsten Flächen einem letztlich nur an Rendite interessierten Investor zu überlassen. •
  • Der Autor ist freier Architekturjournalist und Autor und seit 2000 außerordentliches Mitglied im BDA. Er lebt in Frankfurt.
  • www.wettbewerblicher-dialog.de