Gespräch mit Andreas Degkwitz

Kathedralen des Wissens und Leselandschaften

Der Bibliotheksdirektor ist von einem neu erbauten Haus mit Spitzenarchitektur zum anderen gewechselt. Bislang war er Chef des Informations-, Kommunikations- und Medienzentrums der Universität Cottbus, nun leitet er die Bibliothek (UB) der Humboldt-Universität in Berlin und damit auch das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, das als Zentralbibliothek der UB fungiert. Kai-Uwe Scholz sprach mit Andreas Degkwitz über die neue Berliner Zentralbibliothek, die vor der Fertigstellung stehende Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, über intro- und extrovertierte Bauten sowie über Bibliotheken der Zukunft.

Interview: Kai-Uwe Scholz

Kai-Uwe Scholz: Herr Dr. Degkwitz, Ihre Bibliothek, das Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität, ist nach der Eröffnung im Jahre 2009 von Nutzern gleichsam überrannt worden und wird weiterhin stark frequentiert. Woran liegt das?
Andreas Degkwitz: Das liegt einerseits an der zentralen Lage inmitten von Berlin, nur ein paar Gehminuten vom Bahnhof Friedrichstraße entfernt, zum anderen natürlich am spektakulären Haus selbst, das viel Neugier auf sich zieht.
Was ist das hervorstechendste Merkmal?
Die hohe Aufenthaltsqualität, die schon im Foyer, besonders aber im großen Lesesaal erlebbar wird.
Inwiefern?
Das architektonische Herz des Gebäudes besteht aus gegenüberliegenden Leseterrassen auf vier Etagen, die als Verweis auf die hängenden Gärten der Semiramis, eines der Sieben Weltwunder, gelten. Dieser Lesesaal von besonderer Gestalt ist mit Glasdach und Nussbaumparkett, Holzpaneelen aus amerikanischer Schwarzkirsche sowie mit Referenzen an klassische Lesesäle ausgestattet – z. B. mit grünen Linoleumflächen und Lampen auf den Tischen.
Das klingt, als würden auch Sie am liebsten im Grimm-Zentrum arbeiten …
So ist es auch. Und so wäre es auch, wenn ich nicht ein eigenes Arbeitszimmer im Hause hätte. Gerade weil in diesem zentralen Stadtquartier so viel Betrieb herrscht, ist die konzentrierte Atmosphäre hier besonders beeindruckend. Die herrschende Ruhe hat eine besondere Intensität.
In welcher Bibliothek haben Sie selbst am meisten als Nutzer gesessen?
Als Student in Freiburg im Breisgau habe ich viel Zeit in der dortigen Universitätsbibliothek verbracht – ein damals neuer 70er-Jahre-Bau, der jetzt zu einem spektakulären Glasdiamanten umgebaut wird.
Worin lag die Aufenthaltsqualität?
Was die Arbeit in Bibliotheken so reizvoll macht, die Verbindung von konzentriertem Arbeiten und sozialem Kontakt, war auch dort gegeben, allerdings nicht in so attraktiver Form wie im Grimm-Zentrum. Seinerzeit gab es dort außer dem Eingangsbereich vom Katalogsaal im EG und einer Cafeteria keine Kommunikationsflächen. Daran, dass es heute überhaupt keine Katalogsäle mehr gibt, lässt sich ablesen, wie sehr sich die Bedingungen geändert haben!
Hätten Sie damals lieber in einer anderen Bibliothek gearbeitet?
Ja, in der Bayerischen Staatsbibliothek – während meiner Promotion über ein Thema der Physiognomik. Aber eher wegen der Bestände – ein Aspekt, der heute in seiner Bedeutung zurücktritt.
Was wird nun stattdessen wichtiger?
Äußere Arbeitsbedingungen wie eben die Ausstattung mit diversen kommunikativen Schnittstellen.
Die Deutsche Initiative für Netzwerkinformation (DINI) definiert Bibliotheken der Gegenwart und Zukunft als »hybride« Lernorte …
… in denen die Nutzung von Internet- und Printpublikationen, also verschiedener Medienkanäle, mit unterschiedlichen sozialen und kommunikativen Elementen korreliert?
Ja, und meine Kollegin Gabriele Beger von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, langjährige Präsidentin des Deutschen Bibliotheksverbands, charakterisiert ihr eigenes Haus als eine Art »verlängertes Wohnzimmer« der Studierenden und meldet hohe Verweilzeiten – erreicht durch ein neues, abgestuftes Konzept, das den klassischen ruhigen Leseplatz mit »lauten« und »leisen« Arbeitsräumen plus Kommunikations- und »Kuschelflächen« verbindet. Dabei ist die »Stabi« der Hansestadt kein auf solche Erwartungen hin entworfener Neubau, sondern ein Konglomerat von Bauteilen aus wilhelminischer Zeit und 70er Jahren.
Lassen sich die Erwartungen der Nutzer in Bezug auf »Kommunikationssituationen« womöglich in jedem Setting erfüllen?
Man kann natürlich x-beliebige Räume entsprechend deklarieren und sich dann auf Teppichböden und Hockern austauschen. Meine Erfahrung ist jedoch, dass auch etwa in den sogenannten Lounge-Bereichen oder Parlatorien die richtigen Möbel stehen müssen. Dann haben die Nutzer auch das Gefühl, mit ihren Bedürfnissen ernst genommen zu werden und gehen ihrerseits entsprechend mit Inneneinrichtung und Mobiliar um. Qualität schützt vor Verwahrlosung!
Kommt hier auch Design mit ins Spiel?
Unbedingt! Das konnte ich schon in Cottbus beobachten, bei dem – wie beim Grimm-Zentrum auch – Architektur und Inneneinrichtung jeweils aus einer Hand stammen und somit aus einem Guss sind.
Im Rahmen der Ausstellung »Die Weisheit baut sich ein Haus« zur Architektur und Geschichte von Bibliotheken, 2011 ausgerichtet vom Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne, wurden zwei strukturell gegensätzliche Lösungen sichtbar: die extrovertierte Bibliothek und die introvertierte Bibliothek. Lassen sich ihre beiden Häuser – IKMZ und Grimm-Zentrum – nicht perfekt diesen Gegenmodellen zuordnen?
Sicherlich: Das Grimm-Zentrum mit seinem zentralen Lesesaal hat in der Tat einen gleichsam zentripetalen und das IKMZ mit seinen vielen Arbeitsräumen auf verschiedenen Ebenen einen eher zentrifugalen Charakter. Aber es kann das eine wie das andere Modell vorteilhaft sein. Das hängt von den jeweiligen Nutzern ab. Kultur- und Geisteswissenschaftler brauchen in gewisser Weise das stille Kämmerlein; für sie ist die Bibliothek ein Denklabor, das auch ein Stück Zuhause ist. Bei Naturwissenschaftlern ist es tendenziell anders. Sie haben ihre Experimentallabore und sehen die Bibliothek mehr als Warenhaus des Wissens mit Kommunikationsfunktion, die das IKMZ ja sogar im Namen führt. Das IKMZ – Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum – ist in diesem Sinn gleichsam ein Umschlagplatz, den die Studenten nutzen, dann aber auch schnell wieder verlassen.
Als Extrembeispiel für eine extrovertierte Bibliothek präsentierte die Münchner Schau das Rolex Learning Center in Lausanne mit seinen offenen Strukturen. Gab es nicht schon früher ähnliche Modelle von Leselandschaften wie etwa Hans Scharouns Staatsbibliothek am Berliner Kulturforum?
Mag sein, aber eigentlich verfügt man ja erst heute über die Mentalität und zugleich die Informationstechnologie, um solche Landschaft mit Leben zu füllen. Erst heute sind wir Flaneure des Wissens, die mit dem iPhone durch die Gegend laufen und weiterhin am Strom der Information teilhaben können. Das Buch verunmöglicht im Grunde diese Form von Sozialität. Letztlich nutzt man das Buch für sich allein. Darum sind Bibliotheken auch im Internetzeitalter nicht überflüssig und darum entstehen jetzt auch die spektakulärsten Neubauten …
… die aber auch auf traditionelle Elemente zurückgreifen: Ist das Glasdach über dem Lesesaal des Grimm-Zentrums nicht das, was bei klassischen Bibliotheksbauten die Kuppel ist – ein überfangendes Element, das buchstäblich alle und alles unter einen Hut bringt?
Im Prinzip stecken diese Vorbilder dahinter. Die prächtigen Kuppeln ›
› der British Library oder der Library of Congress haben gewiss etwas Konzentrationsförderndes.
Ist darin nicht ein lese- und lernpsychologisch wichtiges Element zu sehen?
Ja, aber die Form hat etwas allzu Sakrales, die Zeit dafür ist um. Wir bewegen uns nicht mehr in Kathedralen des Wissens. Der erste Einstieg in ein Thema ist nicht mehr das Konsultieren von ringsum aufgestellter Literatur, sondern immer das Internet. Auch in der wissenschaftlichen Welt ist das Internet der zentrale »Zugangskanal« – was nicht im Internet ist, ist nicht existent.
Aber wird nicht der von HG Merz gestaltete Lesesaal der fast fertig wiederhergestellten Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Unter den Linden mit einem Kuppel-Äquivalent bekrönt?
Da ist die Kuppel zu einem Glasquader mutiert, zu einer Art Aggregationskristall, der zwar vom Forschungslesesaal im Grimm-Zentrum, jedoch von den »Linden« aus gar nicht sichtbar ist. In jedem Fall wird der neue Lesesaal ein besonderer Meilenstein in der Entwicklung dieser einzigartigen Bibliothek sein und viel Potenzial aktivieren.
Wie bewerten Sie andere symbolische, gleichsam »sprechende« Formen, etwa den Neubau der französischen Nationalbibliothek von Dominique Perrault – vier Hochhäuser, die wie rechtwinklig aufgeklappte Bücher ein Karree umstellen – oder die Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin von Norman Foster, die wie ein Hirn aussieht und gern »Brain« genannt wird?
Ich halte die symbolische Form schon für sehr wichtig – wenn sie denn auch wahrgenommen wird. Fosters »Brain« wird leicht übersehen, weil es nur als graues Etwas aus dem Baukörper der Rostlaube hervorragt. Ich glaube, dass Bibliotheken sichtbar sein müssen – egal, ob es eine Architekturplastik wie das IKMZ ist, die auf der grünen Wiese steht und nichts neben sicht verträgt, oder ein Bau wie das Grimm-Zentrum, der sich aber trotz beeindruckender Architektur in den städtebaulichen Kontext einfügt.
Wie schätzen Sie die Entwürfe der Zentral- und Landesbibliothek für Berlin auf dem Tempelhofer Feld ein? Zuerst war ich im Hinblick auf die Lage in der Stadt ein wenig skeptisch. Schon klar, dass sich wohl kaum genügend Freiraum an einem zentralen Standort finden ließe. Jetzt, wo ich weiß, dass das Tempelhofer Feld in thematische Bereiche aufgegliedert werden und die neue Bibliothek in einem Kontext von Bauten ihren Ort finden soll, die der Bildung, Weiterbildung, Qualifizierung dienen, bin ich überzeugt, dass sie dort sehr gut aufgehoben ist.
Bald kann man alles herunterladen, und doch gibt es einen Boom von Bibliotheksneubauten. Wird sich diese Tendenz fortsetzen?
Wir brauchen beides: Die virtuelle Cloud, die Informationen speichert und weltweit zugänglich macht, und gleichzeitig den Ort der Bibliothek, der uns Kommunikation und Konzentration in medialer Umgebung erleben lässt – jedenfalls gibt die Akzeptanz der neuen Bibliotheksgebäude genau diese Richtung vor.
Herr Degkwitz, vielen Dank für das Gespräch und Ihre Zeit.
  • Das Interview führte Kai-Uwe Scholz am 20. November 2011. Der Autor arbeitet als Kultur- und Reisejournalist in Hamburg und publiziert u. a. zu Architektur und Design.
  • Andreas Degkwitz, geboren 1956 in Frankfurt/M., studierte Bibliotheks- und Informationswesen, Germanistik und Klassische Philologie in Basel, Freiburg, Köln und Wien. Nach Stationen in Frankfurt/M., Bonn und Potsdam 2004-11 Leitung des Informations-, Kommunikations- und Medienzentrums (IKMZ) und CIO der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. Seit September 2011 Direktor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Lehrauftrag am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.
Literatur:
Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte in Bibliotheken. Hg. von Winfried Nerdinger. Prestel, München 2011
Das Ende der Bibliothek? Vom Wert des Analogen. Hg. von Uwe Jochum und Armin Schlechter. Klostermann, Frankfurt a. M. 2011
Studentischer Ideenwettbewerb »Lebendige Lernorte 2009«. DINI – Deutsche Initiative für Netzwerkinformation, Göttingen 2010
»Qualität schützt vor Verwahrlosung!«
»Ich glaube, dass Bibliotheken sichtbar sein müssen.«