Kann eine Shopping-Mall stadtverträglich sein?

Fortsetzung Titel Kurz vor Jahresende schlug die letzte Stunde der sogenannten Brühlbauten in Leipzig. Binnen weniger Wochen

zerschredderten Abrissbagger mit ihren gigantischen Abbruchausrüstungen die drei schräg gegenüber dem Hauptbahnhof gereihten Hochhausscheiben samt ihrer flachen Verbindungsbauten. Vorausgegangen waren Entmietung und jahrelanger Leerstand der einst heiß begehrten 450 Kleinwohnungen. Mehrere Initiativen hatten sich für den Erhalt des maroden, aber sanierungsfähigen Ensembles eingesetzt, in dem sie ein markantes Zeugnis der DDR-Moderne sahen. Doch die Stadt entschied sich für einen Verkauf an den meistbietenden Investor, die Essener Management für Immobilien AG (MfI), die auf dem Areal – na was wohl? – ein Einkaufszentrum errichtet.

Billiger Wohnraum weicht einem Konsumtempel, spröde Moderne macht für Investorenarchitektur Platz: Auf den ersten Blick erscheint die Entwicklung am Leipziger Brühl als Paradebeispiel für die hemmungslose Kommerzialisierung des Stadtraums, die sich derzeit nicht nur in Ostdeutschland vollzieht. Dementsprechend wurden in den Diskussionen immer wieder die von Shopping-Malls ausgehenden Gefahren beschworen: Banalisierung des Stadtbilds, Zerstörung des traditionellen Einzelhandels, Verdrängung der Bewohner und damit Verödung des Zentrums. Doch die Stadt hat auch gute Argumente auf ihrer Seite. So entfalteten die die Altstadt abriegelnden, unmaßstäblichen Brühlbauten allenfalls aus der Perspektive eines vorbeibrausenden Autos urbane Qualitäten, aus Fußgängersicht waren sie aber ein städtebauliches Debakel. Die Stadt verspricht sich von dem neuen Einkaufskomplex vor allem eine Stärkung des Zentrums im Kampf gegen die Konkurrenz auf der grünen Wiese, die gerade im Leipziger Umland besonders übermächtig ist. Zugleich aber gibt sich Leipzig, von den schmerzlichen Erfahrungen anderer Städte lernend, alle Mühe, für die Stadtverträglichkeit des Projekts zu sorgen. So gelang es, den Investor zu einem hochkarätig besetzten Architektenwettbewerb zu bewegen, bei dem die Kubatur des Neubaus ebenso festgeschrieben war wie seine Mischnutzung aus Einkaufen, Wohnen und Kultur. Um dessen stadträumliche Durchlässigkeit zu gewährleisten, wurde zudem die Wiederherstellung einer mitten hindurchführenden Straße verordnet, die unter der DDR-Bebauung des Areals verschwunden war. Ganz gegen den Zeitgeist, gehörte sogar die Erhaltung der sperrigen, aber wegen ihrer Prägnanz geschätzten DDR-zeitlichen Aluminiumfassade der »Blechbüchse«, eines ebenfalls von der MfI erworbenen benachbarten Kaufhauses, zu den Vorgaben.
Aus dem Wettbewerb ging das Berliner Architektenduo Grüntuch und Ernst als Sieger hervor. Der einstimmig gekürte Entwurf gruppiert fünf- bis siebengeschossige Kuben um verschränkt angeordnete Passagen und Lichthöfe, die als Fortführung der handelsstädtischen und auch zu DDR-Zeiten gepflegten Leipziger Bautradition gedacht sind. Um der allseits befürchteten Monotonie entgegenzuwirken und den flachgestreckten Riesen mit seinen fast 50 000 Quadratmetern Nutzfläche in das kleinteilige Stadtbild zu integrieren, haben die Architekten die Baukörper mittels Höhenstaffelungen sowie Vor- und Rücksprüngen gegliedert und die gerasterten Stahl-Glas-Fassaden mit Verblendungen aus Natursteinlamellen aufgelockert. Die obersten Geschosse wurden für sechzig Wohnungen reserviert. Sie werden zwar nur einen Bruchteil der früheren Wohnfläche auf dem Areal bieten und viel teurer als ihre Vorgänger sein, doch empfehlen sie sich dank der intimen, begrünten Innenhöfe und einer innerhalb des Komplexes geplanten Kindertagesstätte nicht nur als Yuppie-Lofts, sondern auch als Familiendomizile.
Ob das Projekt wirklich der große Wurf ist, als welcher es von der Jury gefeiert wurde, wird sich erst im Zuge der Detailbearbeitung erweisen – das Renommee von Grüntuch und Ernst gibt dabei Anlass zu Optimismus. Auf jeden Fall aber wurden die städtischen Vorgaben im Wesentlichen umgesetzt. Möglicherweise werden sie sogar übererfüllt. So ist zu hören, dass der Investor wegen der sich schon jetzt abzeichnenden hohen Nachfrage an eine Ausweitung des Wohnanteils denke. Auch wird er nicht müde, zu betonen, wie sehr ihm an einer starken Präsenz von Kultureinrichtungen in dem Komplex liege. Mittlerweile wird sogar über eine Ausstellungshalle oder ein Fotografiemuseum in der alten »Blechbüchse« nachgedacht. Gewiss, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben und vonseiten der Stadt wurden natürlich auch Zugeständnisse gemacht: So befinden sich im zweiten und dritten Geschoss Parkebenen, die dem bestehenden Baurecht, das keine oberirdischen Stellplätze im Zentrum erlaubt, widersprechen. Aber auch Kritiker des Projekts staunen inzwischen über das überraschend kooperative Gebaren der MfI.
Dabei hat sich der Betreiber der berüchtigten »Arcaden«-Malls bisher keineswegs als Förderer von Baukultur und Urbanität hervorgetan. Tritt hier der Wolf im Schafspelz auf? Eher nicht. Denn er könnte nun, da das Projekt nicht mehr verhindert werden kann, das Fell abstreifen. Vielmehr scheint es Leipzig bislang gelungen zu sein, einen gefürchteten Großinvestor zu domestizieren. Dies wurde dadurch erleichtert, dass die MfI anscheinend ohnehin im Begriff ist, ihre Unternehmensstrategie zu ändern – aus der Einsicht, dass sich Kooperation langfristig mehr auszahlt als Konfrontation. Aber auch die Beharrlichkeit und das Verhandlungsgeschick der Stadt tragen nun ihre Früchte.
Genau darin liegt der Modellcharakter des Brühl-Projekts. Denn Shopping-Malls lassen sich kaum verhindern. Aber sie lassen sich vielleicht sozialisieren.
~Arnold Bartetzky
  • Der Autor arbeitet als Kunsthistoriker am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig und ist als Architekturkritiker tätig.
  • Siehe zum Thema Shopping-Malls und ihre Auswirkungen auf die Stadt auch S. 68–69.