Jenseits von Bilbao

Fortsetzung Titel … Die Wirtschaft erholt sich, und auch für einige Architekten läuft es wieder runder. Ausgerechnet jetzt mehren sich die Zeichen, dass der eigentliche Charakter des Berufes auf

dem Prüfstand steht: Bürger stellen die Gestaltungshoheit der Architekten in Frage! Drei exponierte Beispiele scheinen das zu beweisen.

Mit dem Projekt »Bauhaus Europa« plante die Stadt Aachen im Bereich der ehemaligen Pfalzanlage ein »Leuchtturmprojekt« der EuRegionale 2008, das Geschichte, Gegenwart und Zukunft Europas erlebbar machen sollte. Die Realisierung des preisgekrönten Entwurfs von Wolfgang Tschapeller wurde am 10. Dezember 2006 durch einen Bürgerentscheid verhindert.
Die Regensburger wollen an ihrem schön gelegenen Donaumarkt kein Kultur- und Kongresszentrum sehen: An der vermeintlichen Architekturqualität liegt es nicht; mit Kleihues, Dinse Feest Zurl oder Bangert ist die Elite der deutschen Entwerfer beteiligt. Es müssen auch keine Bauten von Substanz abgebrochen werden, das Donau-Filetgrundstück ist eine bedauernswerte Stadtbrache. Die Gründe für den Widerstand hier, aber auch in Aachen und anderswo sind der Wucht der neuen Baukörper und ihrer unverhohlenen Modernität geschuldet, die die Bewohner ihren historischen Stadtbildern nicht mehr zumuten mögen (siehe auch Seite 14).
In Hamburg sollte an historischer Stelle am Domplatz ein gläserner Geistesblitz von Auer+Weber als neue Zentralbibliothek die Altstadt krönen. Alles schien gut, bis dann einer sich der Qualitäten backsteinerner Bautradition erinnerte und von einem »scheußlichen Entwurf« sprach. Da dieser eine zufällig ein angesehener Exbundeskanzler aus Hamburg war, verschwand das Projekt erst einmal wieder von der Tagesordnung. Helmut Schmidt, der selbst gern Architekt geworden wäre, hatte sich ungeniert zum Sprachrohr eines zwar unklar umrissenen, aber hörbaren Teils der Bürger gemacht. In einer prominent besetzten Kritikervortragsreihe in der Hamburger Freien Akademie würdigte Olaf Bartels den Vorfall mit der Frage nach der »Gestaltungshoheit in der Architektur« – und sah sich einer vox popoli gegenüber, die genau diese Gestaltungshoheit für sich einforderte.
Das ist ungefähr so, als würde der Ärzteschaft nicht mehr zugestanden, richtige Diagnosen zu stellen und adäquate Therapien zu entwickeln, weil man sich durch permanentes Informieren im Internet und durch andere Medien zutraute, solches jetzt selbst zu beurteilen. Werden hier architektonische Qualitäten dem demokratischen Prinzip geopfert?
Die Gefahr ist (noch) relativ klein und überschaubar. In allen drei Fällen geht es um einen historischen Kontext und öffentliche Bauten von ausgesprochen hohem Stellenwert. Aber: Alle drei sind von üblichen Immobilieninteressen oder hochfliegenden stadtpolitischen Vorgaben verursacht. Immer häufiger wird die Architektur vor den Karren eines »Stadtmarketings« gespannt. Mit so genannter Spitzenarchitektur sollen Standortqualitäten in einem Konkurrenzkampf der Städte gewürdigt werden. Dieser Ansatz ist erst einmal richtig. Dann aber wird es kompliziert, weil man zu eindeutig und zu offensichtlich auf Landmarken und Wahrzeichen setzt. Noch deutlicher: Der Bilbaoeffekt, durch den im Norden Spaniens scheinbar mittels eines aufsehenerregenden Gebäudes eine marode Montanregion gerettet werden konnte, soll auch in Aachen, Regensburg oder Hamburg Erfolge zeitigen. Und genau das wird nicht funktionieren, denn die Voraussetzungen sind hier völlig anders. Zumal spektakuläre Architektur immer eine sehr moderne, zeitgenössische ist, die sich mit heutigen Materialien auseinandersetzt. Man schaue nur auf den Glaubenskrieg der Avantgarde gegen die Traditionalisten im 20. Jahrhundert: Zwar blieben die Modernisten, bezogen auf den Verkehrsstrom der Massen, meist die Geisterfahrer, wären sie aber im Abwehrgefecht gegen die Traditionalisten zimperlich gewesen, gäbe es heute zum Beispiel keine Stuttgarter Weißenhofsiedlung zu bestaunen.
Das etablierte Bildungsbürgertum von heute will das alles aber nicht mehr einsehen, und die neue ökologische Bildungselite setzt auf neue Werte wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Also: Für die kleine glänzende Brosche Architektur ist in der Kleiderordnung der vernünftigen Stadt keine sinnvolle Aufgabe mehr übrig geblieben, der Kalvinismus wird katholischem Barock vorgezogen.
Eine Entwicklung, die nicht zu ignorieren ist. Trotzdem: Unter den Ärzten gibt es immer gute und schlechte, Homöopathen und Schulmediziner – was zählt, ist die richtige Therapie. Für die Architektur bedeutet das die richtige Lösung für den Ort, also für das Donauufer oder den Domplatz: Architekten sind und bleiben die Gestaltungsspezialisten und kennen die richtigen Rezepte, vielleicht sollten sie sich nicht so häufig von Politikern und Immobilienkaufleuten nach Bilbao verschleppen lassen.
~Dirk Meyhöfer
Der Autor ist freier Journalist für Architektur, Design und Städtebau. Er lebt und arbeitet in Hamburg.