Umspannwerk Kreuzberg
Das Umspannwerk Kreuzberg soll zum Google-Campus werden
Foto: Avignon Kapital
db-Kommentar: Berliner Vermischung

Ein jeder nach seiner Fasson

In Berlin gibt es viel ideologisch aufgeblähte Dogmatik aber keine Entwicklungsidee für die gesamte Stadt.

Jeder bekommt, was er verdient: Spandau erhält einen Forschungscampus von Siemens und Kreuzberg bekommt anstelle des geplanten Start-up-Campus ein neues Haus für soziales Engagement von Googles Gnaden.

And the winner is? Kreuzberg? Spandau? Berlin? Auf den ersten Blick sieht das alles sehr fritzisch aus: An der Spree darf noch immer jeder nach seiner Fasson selig werden. Wer an der Zukunft mitarbeiten möchte, der kann das künftig im 5G-Netz in der neuen Siemensstadt. Wer die Welt ein bisschen gemeinnütziger gestalten will, der wird das bei »Betterplace« oder »Karuna« im ehemaligen Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer tun. Das also ist die Berliner Luft, Luft, Luft. Die war allerdings vor dem Umschwenken von Google in Kreuzberg auf Gemeinwohl ziemlich dick. Nein, nicht aufgrund der Umweltverpestung durch die kuscheligen Kaminöfen. Vielmehr regte sich aggressiver Widerstand gegen das Bestreben des Internet-Giganten, sich ins gemachte Berliner Start-up-Nest zu setzen und einen eigenen Campus in dem denkmalgeschützten Gebäude am Landwehrkanal aufzuziehen. »F… off Google« lautete die letztlich (fast) erfolgreiche Devise, um das zu verhindern und der befürchteten Gentrifizierung mit steigenden Mieten und Verdrängung im Quartier entgegenzuwirken. Nun also unterstützt Google, die rund ein Viertel des Baudenkmals angemietet haben, mit 14 Mio. Euro auf fünf Jahre die Initiativen Betterplace und Karuna. Man habe in vielen Gesprächen erkannt, erläutert Google den eigenen Lernprozess in einer Pressemitteilung, dass in Berlin »die Bedürfnisse von Nonprofit-Organisationen viel größer als die von Start-ups« seien. Deshalb stellt man die Räume ausschließlich für soziale Zwecke zur Verfügung. Die »bestehenden Partnerschaften mit der Berliner Digitalwirtschaft« werden fortgesetzt, aber eben nicht im Umspannwerk.

In einer ganz anderen wirtschaftlichen Liga spielt der geplante Siemens-Campus in Siemensstadt. Nur wenige Tage nach der Absage der Kreuzberger Start-up-Pläne wurde dafür ein »Memorandum of Understanding« zwischen Senat und deutschem Global Player unterzeichnet, der zu den Wurzeln des Unternehmens zurückkehrt. Rund 600 Mio. Euro sollen in die Entwicklung des riesigen Areals fließen. Zwar sind die Details noch zu bestimmen, um anschließend in einen städtebaulichen Wettbewerb zu münden. Doch so viel ist bereits jetzt klar – hier kann eine »Smart City« made in Berlin entstehen, in der gewohnt, gelebt und geforscht wird. Und weil der Denkmalschutz sich schwertut, sein Schreckgespenst-Image abzulegen, hat man sich von Siemensseite vorsichtshalber ausbedungen, dass die Investitionen nicht an allzu strikten Denkmalschutzforderungen scheitern dürfen. Eigentlich unnötig, hat doch die Denkmalpflege besonders bei den Bauten für die »Elektropolis« Berlin des 20. Jahrhunderts vielfach bewiesen, wie ein erfolgreiches denkmalgerechtes Weiterbauen aussieht.

Also alles gut an der Spree?

Das kann man mit einem beherzten Jein beantworten. Gegen einen guten Ort im einstigen Umspannwerk für Betterplace und Karuna ist nichts einzuwenden. Ebenso wichtig ist eine differenziert kritische Haltung gegenüber den Global Playern der digitalen Revolution, Google inklusive. Diskussionskultur ist ein zentraler Teil jeder Baukultur. Doch die streitfreudige alte Kreuzberger Mischung, sie hat sich in eine schale Klientelpolitik verwandelt, die besserwisserisch und zunehmend intolerant daherkommt. Das trägt dazu bei, notwendige gesellschaftliche Partizipation in ein abschreckendes Partizipainment zu verwandeln. So aber funktioniert eine Stadt von morgen für alle ebenso wenig wie mit einer rein spekulationsgetrieben Wohnungsbaupolitik. Beide Ansätze sind nämlich gleichermaßen exklusiv und leider nicht inklusiv ausgerichtet. Berlin holen endgültig die (städtebaulichen) Fehler von gestern ein. Die Stadt hat es versäumt, eine tragfähige Vision zu formulieren, die über das Schließen von Blockrändern hinausgeht. Was ist Berlin 2050? Dazu gibt es weder eine Idee noch eine gemeinschaftliche Diskussion. Jeder kocht das eigene Kiez-Süppchen seiner Partikularinteressen, gewürzt mit ideologisch aufgeblähter Dogmatik. Die Folge ist, dass innerhalb derselben Stadt mit völlig divergierenden Maßstäben gearbeitet, geplant und gebaut wird. Das fördert die vielzitierte Spaltung der Stadt und der Gesellschaft insgesamt. Nicht auszumalen, wenn der 600-Mio.-Euro-Investor aus Spandau nicht Siemens, sondern Alphabet oder Apple hieße und statt in Siemensstadt möglicherweise in Kreuzberg seinen Campus hätte verwirklichen wollen. In dem dezidiert innovations- (und damit zukunfts-) feindlichen Klima, das Teile Berlins beherrscht, wäre ein Stadtentwicklungsprojekt wie die Smart City »Sidewalk Toronto« von Investor Alphabet undenkbar. Die Investoren der Welt werden das leicht verschmerzen. Ob Berlin diese Haltung auf Dauer verschmerzen kann, erscheint angesichts des bevorstehenden Endes des momentanen Konjunkturzyklus fraglich. Umso wichtiger, dass Siemens nach Spandau kommt. Kaum vorstellbar, dass sich in der selbsterklärten Start-up-City Berlin heute in einem Hinterhof ein kleines Telekommunikationsunternehmen binnen weniger Jahre zum High-Tech-Giganten mausern könnte. Hat aber schon mal geklappt. 1847. Die Gründer der kleinen Werkstatt in der Schöneberger Straße hießen Johann Georg Halske und Werner Siemens.

~Jürgen Tietz

Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.