Für diverse Einflüsse und Moden offen, aber auch streitbar zeigt sich Massimiliano Fuksas in seinem Büro vor einem Modell der »Nuvola«, dem neuen Kongresszentrum im Süden von Rom

Italienische Verhältnisse

Massimiliano Fuksas, 1944 als Sohn litauischer Eltern in Rom geboren, ist einer der bekanntesten Architekten Italiens und hat auf der ganzen Welt viel beachtete Gebäude errichtet. Doch erst im Alter von 66 Jahren konnte er die erste Bauaufgabe in seiner Heimatstadt beginnen. Im Gespräch mit Claudius Ziehr äußert er sich zu den Schwierigkeiten der Architektur in Italien und zeichnet dabei ein düsteres Bild von einem Land, wo nicht nur Zitronen blühen, sondern auch Korruption und Ignoranz.

Herr Fuksas, Sie arbeiten auf fast allen Kontinenten. Welches ist für Sie im Moment das wichtigste Projekt?

Eigentlich sind es drei. Der Flughafen in Shenzhen in China, der in zwei Jahren fertig werden soll und an dem 10 000 Arbeiter beschäftigt sind. Zweitens das Nationalarchiv in Paris. Ein Projekt von Sarkozy am nördlichen Stadtrand von Paris, das die Archive Frankreichs seit 1789 beinhalten soll. Das dritte ist das neue Kongresszentrum in Rom, »La Nuvola«, die Wolke.
Wieso Wolke?
Den Namen haben ihm die Römer gegeben. In einem Kasten aus Stahl und Glas wird ein Gebilde mit textiler Oberfläche wie eine Wolke schweben, in der der Kongresssaal untergebracht ist.
Die Idee kam mir schon 1990. Damals hatte ich eine Professur an der Columbia-Universität in New York und lebte in Paris und flog oft mit dem Flugzeug hin und her. Es ist etwas völlig anderes, eine Wolke von oben statt von unten zu sehen, manche sind leichter, manche schwerer, sie sind aber immer ganz amorphe Gebilde. Außerdem hat mich der Ayers Rock in Australien fasziniert. Eine Geometrie ohne Geometrie. Erst das Licht macht ihn zu einem sehr starken Ort. Diese Vorstellungen konnte ich in meinem Kongresszentrum umsetzen.
1998 haben wir den Wettbewerb gewonnen, seit zwei Jahren ist es nun im Bau. Ich bin mittlerweile 66 Jahre alt und es ist das erste Bauprojekt in meiner Heimatstadt Rom. 2012 soll die Eröffnung sein, falls nichts dazwischen kommt, denn Italien ist ein sehr ungewisses Land. Immerhin ist die Finanzierung geklärt und wir haben ein gutes Bauunternehmen.
Ist es ein Auftrag der Stadt Rom?
Nein, Auftraggeber ist die Eur S.p.a., eine Gesellschaft, die zu 90 % dem Finanzministerium gehört, deren Chef allerdings von der Stadt Rom bestimmt wird. Sie besitzt zum größten Teil jenen Stadtteil im Süden, der für die Weltausstellung 1942 gebaut wurde, die aber nie stattfand.
Ist es schwierig, in Rom zu arbeiten?
Es war ein mühsamer Weg, da uns zunächst ein korrupter Generalunternehmer vorgesetzt wurde, der vor allem über die Vermietung des alten Kongresspalasts Geld einstreichen wollte. Es gelang uns, ihn loszuwerden, als der Präsident des Eur während der kurzen Regierungszeit Prodis wechselte. So konnten wir das Projekt wieder selbst in die Hand nehmen, so wie das auch in Deutschland bei Architekten üblich ist. Wir gaben den Auftrag dann an eine große Baufirma und konnten endlich anfangen zu bauen.
Geht es Ihnen darum, mit der amorphen Struktur der umgebenden faschistischen Architektur etwas entgegenzusetzen?
Das Irrationale, das über das Rationale gewinnt. In einer einfachen Geometrie soll eine Geometrie mit einem viel komplexeren Algorithmus stecken. Rom steht nicht nur für das Rationale sondern auch für den Barock. Ich nehme das Element des Barocken als ein wichtiges Element der Stadt Rom wieder auf, das von der zeitgenössischen Architektur vergessen wurde.
Es ist heute in Italien sehr schwierig, einen guten Auftraggeber zu finden, jemanden mit Format, der weiß, was Bauen bedeutet.
Gibt es einen Unterschied zu Frankreich unter Sarkozy?
Aber ja. Sarkozy ist sehr engagiert. Ich treffe alle zwei Monate den Kulturminister. Auch der Ministerpräsident kommt regelmäßig dazu. Sarkozy lässt sich informieren.
Mit dem Auditorium von Renzo Piano und dem MAXXI, dem Museum für die Kunst des 21. Jahrhunderts von Zaha Hadi, entsteht ein neues kulturelles Zentrum im Norden von Rom. Das Kongresszentrum »La Nuvola« entsteht im Süden. Funktionieren zwei solche Zentren außerhalb der römischen Altstadt?
Es gibt »das« Zentrum von Rom so nicht mehr. Rom ist eine Stadt mit 3,5 Mio. Einwohnern. Davon leben gerade 127 000 in der Altstadt. Die Peripherie ist das Zentrum von heute. Da ist die Kultur. Die Stadt braucht dort nicht nur Wohnhäuser sondern auch Zentren für Kultur, Wirtschaft und das alltägliche Leben.
Kann die Olympiabewerbung von Rom für 2020 die Stadt weiterbringen?
Man sollte langsam anfangen, darüber nachzudenken. Italien muss aus seiner selbst gewählten Isolation herauskommen. Paris z. B. ist eine internationale, aber auch sehr französische Stadt, dagegen nehmen sich die wichtigsten italienischen Städte Mailand und Rom sehr provinziell aus.
Das Kolosseum wurde in sieben Jahren gebaut, das wäre heute nicht mehr möglich.
In fünf Jahren. Der Rest waren Arbeiten zur Trockenlegung des Baugrunds. Ich habe die Messe in Mailand mit einer Mio. m² mit sechs Monaten Planung und 26 Monaten Bauzeit realisiert. Das ging sehr gut. Wenn man einen guten Bauherrn hat, die privaten sind besser als die öffentlichen, ein gutes Bauunternehmen und einen Architekten, der nicht schlecht ist, dann kann man schnell bauen.
Können Sie einem ausländischen Kollegen noch raten, ein Projekt in Italien zu beginnen?
Nein, nein. Das ist sehr schwierig. Es gibt Fälle mit privaten Bauherren, wo das geht. Aber wenn man komplizierte Genehmigungen braucht …
Es heißt, Sie seien in ein Gerangel mit Guido Bertolaso, dem Chef des Zivilschutzes und zuständig für den G8-Gipfel, geraten. Sie sollen eine Käseschale nach ihm geworfen haben.
Da wir uns in einer Pizzeria begegneten, gab es keine Käseschale, man streut keinen Käse auf Pizzen. Ich habe nicht mal gesehen wie er hereingekommen ist. Er hat mich angegriffen und ich habe mich gewehrt. Italien ist ein gewalttätiges Land geworden. Bertolaso ist in einen gigantischen Skandal verwickelt, der mit dem G8-Gipfel zu tun hat, der auf der Insel La Maddalena vor Sardinien geplant war und über den ich geschrieben habe. Ich bin im Juli 2009 nach La Maddalena gegangen, um mir das anzuschauen. 430 Mio. Euro, das sind sieben- bis zehntausend Euro/m², wurden aus dem Fenster geworfen, da der Gipfel nach dem Erdbeben nach L’Aquila verlegt wurde und heute nur Bauruinen geblieben sind. Es gab keine öffentliche Ausschreibung, weder für Architekten noch für Bauunternehmen. Das ist eine absurde Situation.
Wieso trat für so ein Projekt der Zivilschutz als Bauherr auf?
Das ist ohne Zweifel seltsam. Normalerweise tritt der Zivilschutz bei Überschwemmungen oder Erdbeben auf den Plan. Aber es gibt in Italien ein neues System der Erlasse. Die Regierung erlässt Dekrete an den Zivilschutz, auch wenn das mit europäischem Recht nicht übereinstimmt. Dafür muss das Amt für Zivilschutz herhalten.
Aber es war keine schlechte Idee, den G8-Gipfel nach L’Aquila zu verlegen, um die Öffentlichkeit für die Erdbebenopfer dort zu sensibilisieren.
Aber es ist doch nichts passiert. Es wurde nichts aufgebaut, nichts restauriert. L’Aquila ist noch immer eine verlassene Stadt. Man muss endlich mit dem Wiederaufbau beginnen. Italien hat keine handlungsfähige Regierung und Berlusconi interessiert sich in Wirklichkeit nur für seine eigenen Unternehmen.
Aber auch wenn er weg ist, ändert das noch nichts. Politische Diskussionen finden nicht statt. Es gibt nur das Fernsehen von Berlusconi und das hat die Köpfe der Leute seit 25 Jahren, seit einem Vierteljahrhundert mit Müll gefüllt. Auch in Deutschland sieht man nicht nur Arte, sondern auch RTL. Doch in Italien ist das öffentliche und das private Fernsehen das gleiche. Big Brother und Dschungelcamp gibt es sowohl bei Berlusconis Sendern wie auch bei der RAI. Das Fernsehen ist schuld an der heutigen Kulturlosigkeit.
In Italien sind die Schulen unterfinanziert und die Universitäten in Schwierigkeiten. Es gibt zu wenig Forschung und Erneuerung. Keine Regierung in Europa gibt so wenig für Kultur aus wie die italienische. Die Italiener sind ein Volk von Ja-Sagern geworden und die Wähler von Berlusconi und der Linken unterscheiden sich im Grunde nicht mehr.
Wie kann es sein, dass in Italien ganze Quartiere schwarz gebaut werden?
Quartiere? Ganze Städte werden schwarz gebaut. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden sieben Mio. Häuser schwarz gebaut – mehr als in der Türkei. Auch Architekten bauen natürlich schwarz. Es gibt 180 000 Architekten in Italien, außerdem Statiker, Bauingenieure usw. 500 000 Menschen sind in der Baubranche beschäftigt. Aber es wird nur gebaut und keine Architektur geschaffen. Wie viele italienische Architekten sind wirklich bekannt? – Zwei! (Anm. d. Red.: Renzo Piano und Massimiliano Fuksas)
Wird in Italien weiter schwarz gebaut?
Aber sicher. Es gibt keine starke Regierung, die das verhindern kann und will. Ein Wohnungsbaugesetz ist seit 50 Jahren überfällig. So wird auch in Zukunft jeder bauen, wie es ihm einfällt, und es werden furchtbare Dinge dabei entstehen.
Wird sich Italien in eine kulturelle Wüste verwandeln?
Ja! Ich habe versucht, mich dagegenzustemmen. Aber mir ist klar geworden, dass die Leute nicht mehr nachdenken. Es ist schrecklich, aber Berlusconi hat das Land zerstört. Es wird mehr als zehn Jahre brauchen, um das wieder auszugleichen. Wir brauchen jemanden, der gegensteuern kann, aber ich sehe im Moment niemanden in der italienischen Politik, der das kann.
War Prodi wirklich besser?
Ja. Er war der einzige, der gegen Berlusconi Wahlen gewinnen konnte.
Wird Italien weiter quasi ohne Regierung sein?
Man kann in Zeiten der Globalisierung nicht ohne Regierung sein. Die Globalisierung zwingt ein Land, sich der ganzen Welt zu stellen, nicht nur Europa.
Wie wird sich die Situation der Architekten entwickeln?
Es muss wieder echte Architektenwettbewerbe geben. 2009 gab es in Italien nur 60 Wettbewerbe, in Deutschland und Frankreich dagegen fast 1 700. Doch selbst mit den wenigen Wettbewerben brüsten sich die Verwaltungen nur. Verwirklicht werden die meisten nicht. Wenn sich das nicht ändert, entsteht auch keine qualitätvolle Architektur. •
  • Das Interview führte Claudius Ziehr am 23. September in Rom.
  • Der Autor war als Architekt und Stadtplaner in der Bauforschung und im Denkmalschutz tätig und arbeitet seit 2008 als freier Architekturjournalist in Rom.