Schild und Baucontainer des Kronprinzengärten-Projekts vor der Friedrichswerderschen Kirche, Berlin. Foto: Sven Hoch

»Is-mir-egal-Mentalität« der Berliner Bauverwaltung

»Roboter mit Senf – is mir egal«, rappen sich die Berliner Verkehrsbetriebe BVG mit Kazim Akboga derzeit so werbe- wie klickreich durch

~Jürgen Tietz

Worum geht es? Das berühmt berüchtigte Planwerk-Innenstadt sah im Rahmen der Kritischen Rekonstruktion in Mitte eine Wohnbebauung vor, die der Friedrichswerderschen Kirche dicht auf die Pelle rückt, ihr im Innern viel Licht und ansonsten viel Wirkung raubt. Inzwischen ist diese westliche Nachbarbebauung weit fortgeschritten – und die kongeniale Kirche, in der die Staatlichen Museen Skulpturen der Berliner Bildhauerschule ausgestellt hatten, aufgrund der massiven Bauschäden seit 2012 geschlossen. Derweil geht die Kritische Rekonstruktion östlich der Schinkelkirche in die nächste Runde. Auf Nachfrage schließt die Berliner Bauverwaltung nicht aus, »dass durch das Bauvorhaben auf dem Nachbargrundstück der Friedrichswerderschen Kirche weitere Schäden an dem Gebäude entstehen«. Man habe daher »die vom Denkmalschutz geforderten Messsysteme installiert«, um die Auswirkungen auf das Baudenkmal zu überwachen. Angesichts der drohenden Gefahr haben die universitären Bauhistoriker Berlins Kerstin Wittmann-Englert, Kai Kappel und Christian Freigang in einem offenen Brief gegen eine »Stadtplanung, die ohne schöpferischen Impetus allein den Vorkriegsgrundrissen verpflichtet ist« protestiert und eine »unverzügliche, sachkundige und bestandserhaltene Sanierung« des Denkmals gefordert. Es wäre übrigens bereits die dritte seit 1979.
Derweil prangt direkt vor dem verschlossenen Portal der geschundenen Kirche in obszöner Größe ein Werbeplakat für die nebenan entstehenden »Kronprinzengärten«, auf dem die Passanten den künftigen Ausblick vom Dach-Pool zu den Türmen des Gendarmenmarkts genießen können. Die Perspektive erweist sich als eine peinlich platte Anspielung auf das wunderbare Panoramabild, das der Berliner Vedutenmaler Eduard Gärtner kurz nach deren Fertigstellung vom Dach der Kirche anfertigte. Schließlich ist die Friedrichswerdersche Kirche nicht irgendein Gebäude: Es handelt sich um ein ziegelschönes Hauptwerk Karl Friedrich Schinkels, eines der letzten, das auch im Innern noch weitgehend im bauzeitlichen Zustand erhalten war. Zwischen 1824 und 1830 errichtet, ist die Kirche ein frühes Beispiel der Gotikrezeption in Preußen. Doch anders als es sich Schinkel in seiner Idealansicht vorgestellt hatte, nahmen die Nachbarbauten die Kirche schon bald in die Zange, ehe sie nach 1945 für lange Zeit frei stand. Mit Recht kann man sich nun fragen, wieso das 21. Jahrhundert dazu verdammt ist, die städtebaulichen Fehler des 19. Jahrhunderts zu wiederholen anstatt der Kirche ihren Freiraum und damit ihre Wirkung zu belassen? Zudem ist Berlin offenbar nicht in der Lage, seine wichtigsten Denkmale zu schützen. Das Erbe wackelt, während die Denkmalpflege die Erschütterung misst – und öffentlich schweigt. Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall, denn in der Kakofonie der unterschiedlichen Interessen bekommen die deutschen Denkmalämter immer häufiger einen politisch verordneten Maulkorb angelegt, besonders in Großstädten, die einem immensen Wachstumsdruck ausgesetzt sind. Die Situation auf dem Friedrichswerder entbehrt dabei nicht einer besonderen Tragik: Dort wird im Namen der Kritischen Rekonstruktion der Historie das erhaltene historische Erbe der Stadt ruiniert! Man könnte lachen, müsste man nicht so viel heulen.
Dem Fall der Friedrichswerdersche Kirche wächst aber auch deshalb beispielhafte Bedeutung zu, weil der Riss längst nicht mehr nur durch die Kirche geht, sondern bereits durch die Stadt und die Gesellschaft. So droht die Renaissance der Städte an ihrem eigenen Erfolg kaputt zu gehen. Neben der Kirche entstehen u. a. fünf einfamilientaugliche Stadthäuser mit jeweils rund 500 m² (!) Wohnfläche und drei Tiefgaragenplätzen, die der Investor auf seiner Webseite bewirbt. Das kann man wohl nur dann als eine angemessene Stadtplanung begreifen, wenn man in Berlin Londoner Verhältnisse anstrebt, wo Innenstadtlagen selbst für Besserverdienende nicht mehr erschwinglich sind. Um es deutlich zu sagen: Es geht hier weder um Sozialneid noch um eine billige Neoliberalismuskritik, sondern um die Frage, in was für Städten wir künftig leben wollen und ob wir dafür unser Erbe opfern wollen. Es geht darum, dass Verdichtung um jeden Preis, selbst wenn sie unter dem Deckmantel der historischen Stadtreparatur daherkommt, nicht zwangsläufig Urbanität und Qualität erzeugt. Vielmehr trägt die »Verzweitwohnung« der Stadtzentren den Keim für die nächste Krise der Stadt in sich.
Und die Friedrichswerdersche Kirche? Im Berliner Abgeordneten Haus forderte die baupolitische Sprecherin der Linken, Katrin Lompscher, den Bausenator zum Handeln auf und wollte den Totalverlust der Schinkelkirche nicht ausschließen. Mit Berliner Fatalismus lässt sich da nur antworten: »Is mir egal!« Gleich hinter der Kirche steht ja Unter den Linden die rekonstruierte Fassade der Kommandantur und am noch betonpuren Rohbau des Schlosses hat Berlin auch schon geübt, sich seine Baugeschichte pflegeleicht neu zu erfinden. Da stört ein gebrechliches Schinkeloriginal nur. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja ein paar Risse an den Kronprinzengärten, wenn für die Gründung der Tiefgarage unter der Totalrekonstruktion der Friedrichswerderschen Kirche ein paar Pfeiler in den Boden gerammt werden. Is mir auch egal!
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.
das Internet und setzen der Schulter-Zuck-Mentalität der Hauptstadt damit ein fragwürdiges Denkmal. Diese wurschtige »Is-mir-egal«-Attitude hat offenbar auch die Berliner Bauverwaltung fest im Griff.