Provokante Panoramacollage der Wanderausstellung zur europäischen Geschichte
Die Ausstellung »Das Bild Europas« in Brüssel und München

Informativer Bildersturm

Mit der Einführung des Euro und der neuen europäischen Verfassung ist es aus mit der Ruhe in Brüssel. Die Europäische Kommission ist nicht länger eine Exklusiv-Veranstaltung für Politiker, sondern ab jetzt Teil des Alltagslebens und damit immer häufiger Mittelpunkt erhitzter politischer Debatten. Da kam die Ausstellung »Das Bild Europas«, gezeigt in einem Zirkuszelt auf dem Verkehrsrondell des »Schuman Plein« gerade recht. Mit einer provokanten Panoramacollage zur Geschichte Europas durchbricht sie das bisherige Image und möchte die breite Bevölkerung für die Ideale des vereinten Europas gewinnen. Die Ratspräsidentenschaft der Niederlande und die Europäische Kommission investierten gemeinsam über 400000 Euro in diese dynamische Identitätsstudie, die zur Zeit in München zu sehen ist und danach weiter auf Wanderschaft gehen wird. Die Autoren der Ausstellung, Rem Koolhaas, sein 1998 gegründetes Research-Office AMO unter der Leitung von Reinier de Graaf und das Foreign Policy Center (London) montierten aus Sprechblasen, Pressefotos, Diagrammen und Kulturfragmenten einen informativen Bildersturm, der tief in die Trickkiste der Kunstgeschichte greift. Mit Montagetechniken von Dada bis Pop-Art zieht die Ausstellung die unsichtbare Hinterzimmerdiplomatie der EU-Bürokratie hinter dem Schleier der Verschwiegenheit hervor. »Mutig, klar und populär« soll die Zukunft der Staatenunion werden, die nicht erst seit der Erweiterung von 15 auf 25 Mitgliedsstaaten eine geringe Wahlbeteiligung und ein Imageproblem beklagt.

Als Stimme aus dem gesellschaftlichen »Off« montiert der »Sach-Comic« historische Momentaufnahmen der fünfzigjährigen EU-Geschichte im Zeitraffer plakativ auf die Wände. Ähnlich der paradiesischen und apokalyptischen Panoramen des Hieronymus Bosch umringt die raumhohe »EU-Tapete« die Betrachter mit den Irrungen und Wirrungen der Geschichte. Während in Brüssel die Wanderausstellung mit dem frechen Charme der Improvisation eine lebendige EU-Euphorie ausstrahlte, birgt die Präsentation im »Haus der Kunst« reichlich Konfliktpotenzial. In dem von Paul Ludwig Troost für Adolf Hitlers NS-Propaganda entworfenen neo-klassizistischen Monumentalbau von 1937 ist die Ausstellung in drei Sälen getrennt tapeziert. Sie büßt so die spannenden assoziativen Blickbeziehungen ein, die im runden Zirkuszelt die Betrachter in ihren Bann zogen. Angelehnt an die didaktischen Panoramen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, erzählte in Brüssel ein sechzig Meter langer Innenring die 3000-jährige Geschichte Europas. Auf dem äußeren Panorama dahinter dokumentierte ein achtzig Meter langes »elastisches EU-Zeitband« die Geschichte von 1949 bis heute. Darunter porträtierte ein Sockelstreifen die 25 Mitgliedsstaaten in skandalträchtigen Bildern. Gedankenverloren standen Diplomaten, Kinder und joggende Passanten vor dem Panorama und tauchten in ihr individuelles EU-Erlebnis ein.
»Nur Comics …« urteilen manche vorschnell über diese Ausstellung, die ohne Berührungsängste die Bildsprache des Massenkonsums und der Architektur ineinander collagiert. In dieser »Topographie des Zeitgeistes« nehmen Ikonen der Baukunst wie das Bauhaus Dessau oder die Unité d’Habitation in Marseille als Eyecatcher einen prominenten Platz ein. Gemeinsam mit städtebaulichen Ensembles aus der ganzen Baugeschichte bilden sie eine rahmende Kulisse, vor der sich die Geschichte als Collage aus Ereignissen und Einzelschicksalen abspielt. Zwischen den Fragmenten entdeckt man Schritt für Schritt die Ergebnisse der EU-Studie des Foreign Policy Center unter der Leitung von Mark Leonard. »Man kann nicht immer ernst sein«, entschuldigt das FPC die populäre Vermittlung ihrer wissenschaftlichen Inhalte und hofft, damit mehr öffentliches Interesse für die sonst so bürokratische EU zu erzeugen. Fast fünf Meter breit ist das ausgestellte Gesetzesbuch der EU, das seit 1949 durch eine unermüdliche Politik der kleinen Schritte entstanden ist. Jean Monnet, dem unterschätzten Visionär und Diplomaten der ersten Stunde, ist stellvertretend für das Engagement vieler Einzelpersonen das vergoldete, fünf Meter hohe »Mahnmal für den unbekannten Beamten« gewidmet, das kritisch auf den symbolischen Besprechungstisch der EU-Kommission im Zentrum des Zeltes hinunterblickt.
So unscheinbar wie ihre Helden war auch die Architektur der stetig wachsenden Patchwork-Organisation in Brüssel, Straßburg und Luxemburg in den ersten fünfzig Jahren. Doch seit dem Vertrag von Venedig ist um die Pendler-Diplomatie der EU eine Hauptstadtdebatte entflammt. »Brussels – Capital of Europe« war ein interndisziplinärer Brainstorming der EU-Kommission im Jahre 2001. Umberto Ecos Vision einer »soft-capital« der temporären informellen Politevents prallte unvermittelt auf den Masterplan der »hard-capital« von Rem Koolhaas. Die poppig populäre »EU-Propaganda« der Ausstellung ist in diesem Sinne durchaus auch ein Werbezug in eigener Sache. Das speziell für die Ausstellung angefertigte Zelt trug die Farben der von Rem Koolhaas entworfenen »Barcode-Flagge«. Logo, Flagge und Masterplan der Imagestudie von AMO aus 2001 sind geschickt in die Panoramacollage eingefügt und erinnern daran, dass man nach so viel Visualisierung gerne auch bei der Realisierung der wachgeküssten EU-Metropole mitmischen möchte. Ob nun direkte Demokratie oder EU für alle – die Ausstellung macht nachhaltig Lust auf mehr von beidem, auch wenn in politischer wie städtebaulicher Hinsicht der Ausgang noch offen ist.
Bettina Schürkamp
Bis 9. Januar, Haus der Kunst, Prinzregentenstraße1, München; Mo – So 10 – 20 Uhr, Do bis 22 Uhr.
Die Autorin ist mit selbstständiger Lehre und Forschung als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Architekturgeschichte und -theorie an der Universität Wuppertal und als freie Journalistin tätig.