In welchem Stile sollen wir bauen?

Nach sechs Jahren intensiver Debatten- und Planungszeit rundet sich das Bild der neuen Frankfurter Altstadt. Zwischen Dom und Römerberg, dort, wo bis vor

~Matthias Alexander

zwei Jahren das gewaltige Technische Rathaus stand, soll sie in den nächsten Jahren als lebendiges Wohn-, Geschäfts- und Kneipenviertel wiedererstehen.
Für alle der rund 35 Parzellen des nur rund 7 000 m² großen Areals liegen inzwischen Entwürfe vor. In neun Fällen muss noch geklärt werden, ob die historische Bebauung rekonstruiert werden (maximal wird es 17 Rekonstruktionen geben) oder ob nicht doch ein Neubau entstehen soll. Und in einigen anderen Fällen steht noch die Entscheidung zwischen zwei Preisträgern aus, die nach dem Wettbewerb im März 2011 mit der Überarbeitung ihrer Entwürfe beauftragt worden waren.
Das Gesamtbild wird sich durch die ausstehenden Entscheidungen nicht mehr maßgeblich verändern. Das liegt daran, dass sich fast alle Neubauten einer sehr konservativen Formen- und Materialsprache bedienen. Das hat wiederum mit der rigiden Gestaltungssatzung zu tun, die vom Stadtparlament erlassen wurde.
Verstärkend wirkt die ästhetische Haltung einer großen Mehrzahl jener Architekten, die sich im Wettbewerb durchsetzen konnten. So präzise orientieren sich einige von ihnen mit ihren sogenannten Neubauten bis hinein in die Platzierung der Fensteröffnungen am Vorkriegsbau auf der jeweiligen Parzelle, dass die Grenze zur Rekonstruktion unkenntlich wird. Das ist angesichts der Entstehungszeit der Vorgänger zwar urheberrechtlich unbedenklich, geschichtspolitisch und mit Blick auf das Selbstverständnis heutiger Architekten bleibt aber ein schaler Beigeschmack.
Die Tatsache, dass die historische Altstadt immer offen gewesen ist für neue Baustile und sich so im Jahr ihrer Zerstörung 1944 als eine Mischung aus Gotik, Barock, Klassizismus und, ja, Moderne präsentiert hat, wird ignoriert. Stattdessen soll die Verbindung zur Gegenwart gekappt werden. Höchstens drei Häuser werden auch von Laien als zeitgenössische Entwürfe zu erkennen sein, was an ihrer betont reduzierten Fassadengestaltung liegt, keineswegs an manieriert-angeberischen Formenspielereien am Rand der Gestaltungssatzung.
Auch die Entwurfsarbeiten am Stadthaus, der vielleicht schwierigsten Bauaufgabe, neigen sich dem Ende zu. Es soll als Mischung aus Museum und Veranstaltungsort über dem Archäologischen Garten entstehen, einer Ansammlung von Mauerresten römischen, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ursprungs neben dem Domturm. Nach mehreren Überarbeitungsphasen eines Wettbewerbs hat sich das ursprünglich nur viertplatzierte Frankfurter Büro Meurer Architekten durchsetzen können. Die Aufgabe, ein großes Volumen möglichst kleinteilig zu präsentieren, hat Tom Meurer unter den gegebenen Umständen recht geschickt und elegant gelöst. Und doch bleibt der Eindruck eines gewollten, zerfasernden Gebäudes, das vielen Zwecken dienen muss. Einen größeren Lückenbüßer hat Frankfurt noch nicht gesehen.
Soweit sich das messen lässt, wird der Stand der Dinge von der breiten Öffentlichkeit mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Dafür sprechen die Eintragungen in das Besucherbuch einer Ausstellung, die in der Paulskirche gezeigt wurde. Und dafür spricht auch das abebbende Erregungsniveau in den Leserbriefspalten der lokalen Medien.
Das ist angesichts des Debattenverlaufs keineswegs selbstverständlich. Nachdem das Technische Rathaus für den Abriss freigegeben worden war, hatten Verwaltung und Politik nur wenig inspirierte Ideen für die künftige Bebauung und Nutzung der Fläche parat. Es waren engagierte Bürger, die an die historische Bedeutung des Kernstücks der Altstadt erinnerten und daran baulich anknüpfen wollten. Schnell stand aber der unrealistische Wunsch nach einer Totalrekonstruktion im Raum, der dann wiederum etliche Vertreter der organisierten Architektenschaft auf den Plan rief, die auf dem Primat zeitgenössischer Lösungen beharrten. Da der Riss auch quer durch die maßgeblichen politischen Parteien verlief und das schwach geführte Planungsdezernat keine Verantwortung übernehmen mochte, herrschte vorübergehend eine gewisse Ratlosigkeit.
Mit der Gründung einer stadteigenen Gesellschaft, der Dom-Römer-GmbH, erhielt das Vorhaben im Jahr 2009 eine entscheidende Wendung. Die Abläufe wurden professionalisiert und entpolitisiert. Es schlug die Stunde der Fachleute. Sie wusste der Frankfurter Architekten Christoph Mäckler zu nutzen, auf dessen Betreiben ein Gestaltungsbeirat berufen wurde, dem er selbst angehört. Der Beirat soll nominell v. a. auf die Einhaltung der Gestaltungssatzung achten, Mitglieder des Gremiums haben aber auch maßgeblichen Einfluss auf den Ausgang der beiden Wettbewerbe genommen – ein Lehrstück, wie man sich im richtigen Moment in ein Verfahren einschleust.
Wer hofft, dass das Altstadt-Projekt von der bevorstehenden Wirtschaftskrise zum Scheitern gebracht wird, könnte sich täuschen. Nach den Zahlen der Dom-Römer-GmbH wird das Projekt für die Stadt selbst bei der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Eintrübung finanziell verkraftbar bleiben.
Die meisten Frankfurter und ihre Besucher werden es als gute Investition betrachten und gern in ihre neue Altstadt gehen. Das ist für die an unwirtlichen Orten immer noch überreiche Stadt ein Erfolg. Und das muss in einer Demokratie, die die Bürgerbeteiligung in Planungsverfahren künftig noch größer schreiben will, als Argument Gewicht haben.
Wer aber die Bilder des alten Frankfurt im Herzen hat, dem wird traurig zumute sein, wie beliebig Baugeschichte von oberflächlichen Freunden der Historie als Verfügungsmasse zur Erzeugung von Gemütlichkeit behandelt wird.
Der Autor ist Ressortleiter der F.A.Z./Rhein-Main-Zeitung.