The Vessel von Heatherwick Studio

In Manhattans Lüften

»It has to be big. It has to be monumental«, so beginnt das Magazin The New Yorker die Erzählung über eine machtvolle Installation für Hudson Yards, den neuesten Hochhauscluster in Manhattans Westflanke, die am 15. März eingeweiht wurde. »Sie muss groß, sie muss monumental werden«, soll Stephen Ross, Immobilien-Milliardär und CEO des Developers Related Companies, die Zielrichtung vorgegeben haben. Im Wettbewerb auf dem Markt für Luxus-Wohnimmobilien, der namhafte Architekten aus aller Welt nach NYC zieht – von Foster + Partners über BIG zu Rafael Viñoly, David Adjaye und Renzo Piano – bedient sich die Metropole teurer skulpturaler Hingucker für den öffentlichen Raum. Ein solches Objekt sollte die Plaza von Hudson Yards über den ausgedehnten Gleisfeldern zwischen Penn Station und Hudson-Ufer nobilitieren, deren erster Bauabschnitt seit einigen Jahren in den Himmel wächst.

Welcher der weltbekannten Bildhauer konnte dafür in Frage kommen? Frank Stella, der Mann monumentaler, auf die Wucht des Materials fokussierter Stahlskulpturen? Anish Kapoor, der 2012 für London den Olympic Tower kreiert hatte? Bei der Projektvorstellung setzte sich der Londoner Designer Thomas Heatherwick mit der Idee einer begehbaren Raumstruktur durch, die er prägnant »The Vessel«, »das Gefäß« nannte. Ein Name, der für eine Kreation steht, deren Gestalt so vielfältig wie assoziationsprägend ist. Ist es eine Theaterkulisse, eine konstruktivistische Treppenapokalypse für 150 Mio. Dollar, die, von der High Line umkurvt, inmitten der Türme steht?

Zu erkennen ist ein stählernes, dreidimensional verformtes Raumtragwerk. Dessen Knoten aus vorgefertigten, kompliziert gefalteten, verdrehten, geschweißten Stahl-Segmenten wurden an Ort und Stelle zusammengesetzt. Verdeckt verschraubt bilden die Segmente ein sich nach oben erweiterndes Treppenlabyrinth, eine »interactive art installation« (archpaper), eine »stair inspiration« (activemetal). Mit dem Auf und Ab einer oberen Reling schließt Vessel in 45 m Höhe ab. 154 Treppenläufe, durch 80 Podeste wabenförmig so miteinander verbunden, dass die Struktur nicht nur 1 000 Menschen gleichzeitig aushalten soll, sondern auch Anklänge an Bienenkörbe bietet (»beehive-esque sculpture« nannte es das Magazin curbed). Das dynamisch aufgeweitete Raumgitter reflektiert durch Kupferspiegel auf den Unterseiten der Läufe und Podeste sowohl das Umfeld und die Struktur selbst als auch die Bewegungen der Menschen auf den Treppenabschnitten. Heatherwick nannte das komplexe Treppenwerk einer rajasthanischen Brunnenanlage als Inspirationsquelle, hob aber das, was im indischen Abhaneri tief in die Erde führt, hinauf in Manhattans Lüfte.

~Reinhard Wustlich