Hört die Signale! Gentrifizierung und Mieterhöhungen in Berlin

Was für eine Stadt! In der Beliebtheitsskala der europäischen Städtereisen belegt Berlin Platz drei, nur London und Paris sind noch erfolgreicher. Die deutsche

~Jürgen Tietz

Hauptstadt hat es geschafft, gilt nicht mehr nur als Partymetropole für Billigheimer – hipp, hipper, Berlin. Doch leider ist in Berlin deshalb noch lange nicht alles gut, denn die Stadt ist immer noch so arm wie zu Beginn der Regentschaft von Klaus Wowereit, dem (gefühlt) Ewigen. Und zunehmend wird Berlin das Opfer seines eigenen Erfolgs. Es ist die ewig gleiche Spirale aus wachsender Beliebtheit und touristischem Erfolg, der mit steigenden Mieten und der Verdrängung alt eingesessener Gruppen einhergeht. Das kennt man auch von anderen Orten. Viele Berlinbesucher steigen nämlich nicht in einem der zahlreichen und daher vergleichsweise günstigen Hotels ab. Stattdessen wohnen sie lieber in einer zur Ferienwohnung umgewandelten Mietwohnung. Der Versuch, solche Zweckentfremdungen gerichtlich zu unterbinden, ist jüngst fehlgeschlagen. Doch das ist nicht die einzige Ursache, weshalb der Berliner Wohnungsmarkt in Aufruhr ist. In den vergangenen Jahren stiegen die Mieten um knapp 8 %. Für eine Stadt, wo weder die Regierung noch größere Teile der Bevölkerung über ein besonderes finanzielles Polster verfügen, ist das dramatisch. Lange Zeit schätzten die Jungen und Kreativen, die als wichtiges Zukunftspotenzial Berlins gelten, nämlich nicht nur die besondere Atmosphäre, sondern auch die günstigen Mieten. Damit ist es erst einmal vorbei. In den Zeiten unsicherer globaler Entwicklungen haben internationale Investoren den Berliner Wohnungsmarkt als lohnendes Objekt entdeckt. Getreu dem alten Motto »Sachwert schlägt Geldwert« kaufen sie Wohnungen und Mietshäuser auf, die im Vergleich der europäischen Großstädte als günstig bewertet gelten.
Rückblickend erweist sich das Jahr 2002 als entscheidende Weichenstellung für Berlins Zukunft: Aufgrund der katastrophalen Haushaltslage verabschiedete sich der Senat damals vom Sozialen Wohnungsbau. Ob mit diesem Schritt jedoch wirklich Geld eingespart wurde, ist unter Experten stark umstritten. Für den Berliner Mieterverein jedenfalls gilt der Verkauf städtischer Wohnungsbaugesellschaften als »schwerer politischer Fehler«. Merke: Privatisierung kann sinnvoll sein – eine ökonomische Allzweckwaffe ist sie jedoch nicht.
Nach den zahlreichen Dachgeschossen der 90er Jahre, mit denen die geforderten 20 % Wohnanteil eingelöst wurden, und den »Townhouses« für Besserverdienende, bewegte sich der Berliner Wohnungsmarkt in den letzten Jahren v. a. durch die Baugruppen. Vom Nischenmodell haben sie sich zum architektonischen und städtebaulichen Trendsetter entwickelt. Um die steigenden Mieten aufzufangen, reicht das aber bei Weitem nicht aus. Und so fällt das Thema Mietpreisentwicklung den Berlinern jetzt auf die Füße. Die klamme Stadt verfügt nur noch über wenige Steuerungsmechanismen, um den Folgen der Entwicklung entgegenzuwirken. In einem »Stadtentwicklungsplan Wohnen« will der Senat laut der Koalitionsvereinbarung mögliche Maßnahmen bündeln. So soll die oft beklagte Politik des Liegenschaftsfonds verändert werden – schließlich kann Berlin sein Tafelsilber nur einmal verscherbeln. Beim Verkauf von Grundstücken gilt es, tatsächlich sehr bewusst zwischen maximaler Gewinnerwartung und politischer Steuerungsfunktion abzuwägen. Beides zusammen ist schwerlich zu erreichen. Bei Neubauprojekten wird eine Quersubventionierung angestrebt: Die teureren Mieten in den oberen Geschossen sollen günstigere Mieten in den unteren Stockwerken ermöglichen. Weitere Aspekte sind die Nachverdichtung der Großsiedlungen, die Stärkung des genossenschaftlichen Bauens und die Einwirkung auf die Mietpolitik der Wohnungsbaugesellschaften. Noch ist der »Stadtentwicklungsplan Wohnen« selbst in der Entwicklung. Er soll Teil der geplanten IBA 2020 werden, die nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus neu ausgerichtet wurde und nun verstärkt das Thema Wohnen in den Blick nimmt.
Doch wie scharf die Klingen dieser Gestaltungsschwerter sind, bleibt abzuwarten. Wird es gelingen, der Segregation in den kleinteilig organisierten Mikrokosmen der Berliner Kieze entgegenzuwirken? Ohnehin besitzt die Gentrifizierung ja unterschiedliche Facetten: Zwar steht gelegentlich »Scheiss Gentrie« an den Bauzäunen in Mitte. Doch wer will darüber klagen, dass seit Jahren junge Familien die Mitte der Stadt bewohnen, statt an den grünen Rand zu ziehen?
Für die stadträumliche Entwicklung, ja für den sozialen Frieden Berlins ist das viel zu lange vernachlässigte Thema Wohnen von zentraler Bedeutung. Der Blick auf die Berliner Entwicklung beweist, dass die »Renaissance der Innenstädte« kein Selbstzweck ist – sie bedarf einer weitsichtigeren und langfristigeren Steuerung durch die Politik als bisher und eines konstruktiven Dialogs der beteiligten Akteure. Schonungslos entlarvt die aktuelle Berliner Situation, wie sehr die vordergründige Diskussion um Blockränder und steinerne Fassaden den Blick auf die eigentlichen Herausforderungen verstellt hat. Und es erscheint eine fragwürdige Schwerpunktsetzung, wenn in einer Stadt ohne Geld und ohne politischen Handlungsspielraum unter Federführung des Bundes drei Projekte – die Sanierung des Pergamonmuseums, der Schlossneubau und die BND-Zentrale – für rund zwei Mrd. Euro aus dem märkischen Sand gestemmt werden. Daher sollte der Senat dringend darüber nachdenken, ob er mit der geplanten neuen Landesbibliothek am Tempelhofer Feld das richtige Signal setzt, während etliche Berliner Schulen vergammeln und die Mieten weiter steigen.
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.