Das Ausstellungsgebäude »Futurium« in Berlin von Richter Musikowski

Haus ohne Zukunft

Eine Projektinitiative von wissenschaftlichen Einrichtungen, Netzwerken der Wirtschaft und der Bundesregierung hat sich einen Ort für Präsentation und Dialog zu Wissenschaft, Forschung und Entwicklung geschaffen.
Die Ausstellung gibt viel Anlass zur – notwendigen – Diskussion. Das Gebäude selbst bildet als Dokument des sattsam Bekannten eher eine Startrampe auf sicherem Terrain als einen Wegweiser ins Ungewisse.

~Nikolaus Bernau

Die Zukunft kann man bestenfalls ahnen, wissen kann man sie nie. Wer hätte vor einem Jahrfünft gedacht, dass ausgerechnet das neoliberale Großbritannien sich gegen den Rat so gut wie aller seiner Wirtschaftsleute in den Brexit stürzen wird? Wer, dass superblonde Populisten aus superreichem Haus sich als Hoffnungsträger der Armen inszenieren können? Dass Millionen von Kindern und Jugendlichen sich nicht mehr mit den hoffnungsfrohen Zukunftsbildern in Büchern zufriedengeben, die gerne zu Konfirmation, Firmung oder Jugendweihe verschenkt werden? Stattdessen stellen sie radikal die Legitimation ihrer Eltern und Lehrer infrage, zu entscheiden, was denn die Zukunft sein wird – einfach, weil diese seit Jahrzehnten die Grundlagen einer solchen Zukunft zerstören mit Raubbau an Rohstoffen, Natur und am Klima.

Schön, unpraktisch, inkonsequent

Was also kann die Zukunft des Menschen sein? Der Frage widmet sich das Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum »Futurium«. 60 Mio. Euro hat der Bau am nördlichen Spreeufer gekostet – viel Geld etwa in Relation zu den eher kultur- und kunsthistorisch ausgerichteten Bauhaus-Museen, die der Bund in Weimar und in Dessau mit jeweils 14 Mio. Euro teilfinanzierte. Am Rande: Es wird einmal gesprochen werden müssen über das krasse Missverhältnis zwischen den Summen die der Bundestag in Berlin und anderen Großstädten für Kulturbauten zur Verfügung stellt – wobei die Milliardensummen für die Bauten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz noch gar nicht mitgerechnet sind – und jenen Geldern, die in kleinere Städte gehen.

Beschlossen wurde das Projekt 2009 als »Haus der Zukunft« im Koalitionsvertrag der zweiten Regierung Merkel, bezahlt und unterhalten wird es vom Bund, von Sponsoren aus der deutschen »forschenden« Großindustrie, Wissenschaftsinstituten und Stiftungen. Auf der Webseite der Futurium GmbH ist zu lesen, dass man auf weitere Sponsoren hofft – vor deren Einfluss auf das Programm hat man offenbar keine Angst. Entworfen wurde der Bau von dem jungen Berliner Architektenteam Jan Musikowski und Christoph Richter sowie den Freiraumplanern von JUCA. Sie gewannen zusammen 2012 den Wettbewerb.

Ihr Futurium steht nun mitten in der langen Reihe von Ministeriums- und Bürobauten entlang des Nordufers der Spree, die mit ihren öden Fensterreihungen und dem banalen, allen vorhandenen Platz mit Baumassen zernutzenden Städtebaukonzept der »Steinernen Stadt« für viel Kritik gesorgt haben. Da wirkt der leicht zurückgesetzte Neubau mit seiner schimmernden Glasfassade und der geschlossenen Form erst einmal wie eine Erfrischung, zumal er der einzige Ort an dieser langen Straße ist, der nur der öffentlichen Debatte dienen soll, nur dem Zusammenkommen.

Eine im Grundriss fünfeckige Schachtel mit in der Mitte eingenicktem Dach und weit auskragendem OG steht vor uns. Das erinnert an viele Entwürfe der späten 90er-Jahre aus der Umgebung des aktuellen Abgotts der Avantgardisten Rem Koolhaas; von der nach Außen geschlossenen Großform über die machtvollen Auskragungen des OGs, die Lust an glatten Materialien bis hin zur sehr niederländischen Grundauffassung, dass öffentliche Gebäude sich ästhetisch nicht anschmiegsam zeigen müssen.

Wie kühl etwa ist die riesige, dunkle, 28 m breite Glaswand im OG. Von drinnen bietet sich eine Prachtaussicht auf Kanzleramt und Bundestag. Aber nur abends sind die Ausstellungsaufbauten und die Menschen, die darin herumgehen, zu ahnen. Das dunkle Glas schützt die Fotos, Schriften, Modelle und Installationen in den Ausstellungen vor Sonnenlicht und Wärmeeintrag – Probleme, die man ohne die Glaswand nicht hätte.

Das mit Photovoltaiktechnik vollgestellte Dach, wie sie inzwischen jeder uckermärkische oder schwäbische Bauer sein Eigen nennt, und ein Biogas-Blockheizkraftwerk sind die wichtigsten Öko-Aspekte des Baus. Doch nicht einmal ein Drittel der im Haus verbrauchten Energie wird so produziert – in einer Zeit, in der solche Anlagen längst Energie ins Netz eintragen, in der Glasfassaden Kraftwerke sein können. Und wird der Treibstoff für das Biokraftwerk nicht auch in Monokulturen gewonnen, die für das Massensterben von Pflanzen, Insekten, Vögeln, Reptilien und menschlichen Kulturen sorgen? Diese Inkonsequenz zwischen Avantgarde-Ästhetik und letztlich konservativer Einstellung zu neuen Technologien ist schon im Wettbewerbsprogramm von 2012 angelegt gewesen. Es verlangte weder konkret nach der Verwendung nachhaltiger Baustoffe noch nach Energiebilanzen – also konnte einmal mehr mit energieaufwendigem und CO2-lastigem Stahlbeton gebaut werden.

Zur Stadtbahntrasse hin ergeben die Auskragungen des OGs kaum einen Sinn, dort ist wenig Besucherverkehr zu erwarten. Attraktiver ist der Platz zur Spree, der im Sommer Schatten und im Winter unter dem weit vorkragenden OG noch wärmendes Licht erhält. Gepflastert wurde er mit runden Platten im Quadratraster – ein Motiv des um 2010 modischen 70er-Jahre-Revivals, das auch sonst im Gebäude an vielen Stellen zu finden ist. Es geht bei diesem Entwurf v. a. um eine Ästhetik, die Avantgarde verspricht, nicht aber um tatsächliche Fortschrittlichkeit.

Ein Cafe lockt mit Terrasse, leichter, niederländisch anmutender Möblierung und gesundem Essen. Das Foyer fällt luftig und hell aus, so auch die Vortrags- und Veranstaltungssäle, die hier künftig heftige Debatten animieren sollen. Der Shop ist effizient am Rand des Foyers untergebracht. Es wird, so die Pressesprecherin des Futuriums, darauf geachtet, dass die Produkte ökologisch nachhaltig sind und aus deutscher, wenigstens europäischer Produktion stammen. Die Wasserflaschen aus Blech tun das schon einmal.

Eine elegante Treppe – rätselhaft, warum sie vom Hauptfluss des Besucherverkehrs abgewandt ist – mit angenehm begehbaren Stufenhöhen führt in das Ausstellungsgeschoss. Dunkler Gussasphaltboden, edel, aber unpraktisch für die Ausstellungsmacher, die ihre Leitungen und Installationen nicht einfach frei aufstellen können, sich an fest montierten Elektranten orientieren müssen. Ähnlich edel und unpraktisch sind die dunkelgrau gestrichenen Wände, auf denen jede Ausbesserung sofort zu sehen sein wird.
Und wer hat die zwar schicke, aber für alle, die nicht gut zu Fuß sind, nur schwer nutzbare Wendeltreppe genehmigt, die in die gleich einer Lastschiffkommandozentrale unters Dach geklemmten Büros und Sitzungsräume führt?

Alles nicht so schlimm?

In ihrer Vielfalt hoch spannend, auch streitbar ist die Ausstellung in sogenannten Denkräumen zu den Themen Natur – Technik – Mensch, die in Zusammenarbeit mit ART+COM und Schiel Projekt entstand. Sicher fehlen viele Themen, das kann nicht ausbleiben, und ob wirklich fliegende Drachen als Kraftwerke dienen können in einem Land, das nicht einmal Windräder zu ertragen bereit ist, das sei dahingestellt. Auch wird zu debattieren sein, warum eigentlich die Volltechnisierung unserer Wohnungen eine sichere Zukunft sei, ob nicht das hier angesprochene Modulfertigen von Häusern längst Realität ist, warum wieder einmal fast nur von Neubauten die Rede ist, obwohl doch der Umgang mit dem Bestand als eigentliches Zukunftsthema allenthalben auf der Tagesordnung steht. Weiterhin werden energetische Nachhaltigkeit, Serienfertigung, Grün an den Wänden und auf den Straßen, Landwirtschaft auf den Dächern der Städte, Energieproduktion durch die Häuser, neue Verkehrssysteme gefordert. Dumm nur, dass im Futurium selbst nichts davon eingelöst wird. Der älteren Generation fällt auf die Proteste der Kinder und Jugendlichen oft wenig mehr ein als technokratisches »die Ingenieure« schaffen das schon, nett pädagogisches »Wir haben verstanden« oder schlichte Abwehr: »Das versteht ihr noch nicht«. Dabei wissen wir alle seit Langem, dass die Grenzen des Wachstums erreicht sind, dass der Mensch, um als Gattung zu überleben, sich zurückziehen, den anderen Bewohnern dieser kleinen Erde Raum geben muss. Dieses Futurium aber gehört mit seiner Architektur in den Reigen der Abwiegelung und Verleugnung der Realitäten. Dass an der Decke des einen Ausstellungsraums im Bereich »Mensch« über all den Statistiken, die die Ineffizienz, die ökologische, ökonomische, städtische und soziale Katastrophe des Individualverkehrs zeigen, das wirklich tolle Modell eines schnittigen Sportwagens hängt, ist eben durchaus charakteristisch für ein deutsches Futurium.

Der Autor ist ausgebildeter Kunstwissenschaftler und Architekt. Er arbeitet als Architekturkritiker in Berlin.


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