Hartmut Mehdorn Experience

Zwischen dem Vorzeigeschriftsteller des französischen Existentialismus Albert Camus (1913-60) und dem deutschen Manager Hartmut Mehdorn (Jahrgang 1942) eine Brücke zu schlagen, ist nicht leicht – aber wir

~Christian Marquart

zögern nicht, den gern zitierten Satz aus Camus‘ berühmtem Essay »Der Mythos des Sisyphos« auf die Arbeitsbiografie des Ingenieurs Mehdorn zu übertragen: »Wir müssen uns (ihn) als glücklichen Menschen vorstellen.« Nicht Sisyphos, sondern Mehdorn.
Wir erinnern uns: Sisyphos war dieser Bursche aus der griechischen Mythologie, den die Götter dazu verurteilten, immerfort einen dicken Stein einen Berg hinaufzurollen; jedesmal kurz vor dem Gipfel entgleitet dem Entkräfteten der Stein und kullert talwärts. Auf ein Neues!
Ähnlich handelt – ohne dass ein göttlicher Fluch auf ihm lastet – auch Hartmut Mehdorn. Immer wieder übernimmt er heikle Jobs, um deren Erfolgschancen es nicht sonderlich gut steht. Und immer macht er was draus: wenn schon keinen Erfolg (das meistens nicht!), so doch jede Menge Publizität. Hartmut Mehdorn ist ein Aufmerksamkeits-Junkie im vorletzten Stadium; wie bei ihm das letzte aussehen wird, wollen wir uns nicht ausmalen. Derzeit ist er Chef des Hauptstadtflughafens BER, der partout nicht fertig werden will. Vom alten Mehdorn verspricht man sich die »starke Hand«, die nun alles richten kann.
Sie erinnern sich? Vor ein paar Jahren, auf dem Chefsessel der Deutschen Bahn (1999-2009), brillierte Mehdorn nicht nur als Bauherr des selbst in seiner Stagnation rasant teurer werdenden Tiefbahnhofprojekts »Stuttgart 21«, sondern auch als »Sanierer« der Bahn, die er durch Personalabbau und Service-Demontage börsenreif machen wollte – vergeblich. 2006 zeichnete man ihn wegen der konstant fragwürdigen DB-Informationspolitik mit der »Verschlossenen Auster« aus. Ein paar Jahre zuvor verstümmelte Mehdorn fast nebenbei das Erscheinungsbild des neuen Berliner Hauptbahnhofs mit dem Argument, Zeit und Kosten zu sparen: »Wir haben einen Bahnhof bestellt und keine Kathedrale.« Den folgenden Rechtsstreit mit den Architekten verlor die Bahn. Jene bereits gelieferte und bezahlte Stahlkonstruktion für die elegante Vollverglasung der Bahnsteige, die Mehdorn verkürzen ließ, ist in Teilen eingemottet, aber durchaus noch verwendungsfähig.
Vor dem Hintergrund dieser Details erscheint Mehdorns aktuelles Handeln nicht bloß als purer Pragmatismus. Eine veritable Pointe wird daraus, wenn er jetzt als BER-Chef jene Architekten wieder ins Boot holen will, mit denen er sich schon in alten Tagen Kräche lieferte und die ein paar Monate vor Mehdorns Wechsel zur Berliner Flughafengesellschaft von jener – mutmaßlich zu Unrecht – gefeuert und gleich auch mit hohen Schadensersatzforderungen konfrontiert worden waren. Welche Architekten nochmal? Natürlich, die des Büros gmp – von Gerkan, Marg und Partner! Bereits ein paar Minuten nach Amtsantritt hatte der neue Flughafenchef Mehdorn schon angeregt, BER erstmal nur schrittweise in Betrieb zu nehmen und die Fliegerei in Berlin-Tegel eine Weile parallel weiterlaufen zu lassen: Überraschung! Aber juristisch purer Unfug.
Auch Berlin-Tegel ist ein gmp-Projekt, ein sehr erfolgreiches sogar – einst ausgelegt für wenige Millionen Fluggäste pro Jahr, bewältigt der Airport heute mühelos ein Vielfaches. Soviel zur Professionalität der Planer, die seit Monaten öffentlich infrage gestellt wird – nach dem »bewährten« Muster, bei Bauskandalen immer die Architekten zu Sündenböcken zu machen. Das klappt prima, denn Kammern und Berufsverbände stehen in solchen kritischen Fällen ihren Mitgliedern vielleicht juristisch-defensiv, aber selten mit »offensiven« Argumenten zur Seite.
Mittlerweile werden über Mehdorn und »seinen« Flughafen gerne Witze gemacht; auch darüber, dass anscheinend zunächst versucht wurde, nur einzelne gmp-Mitarbeiter abzuwerben. Der Fall BER taugt auch schon als Werbegag. Da fanden wir kürzlich eine ganzseitige Anzeige in der »Süddeutschen Zeitung: »Zum Glück gibt es auch Großprojekte in Deutschland, die in Ruhe zu Ende gebracht werden. Evonik ist an der Börse.« Was Evonik macht, blieb unerwähnt. Ein paar Tage zuvor schaltete ein Anbieter für »modulare Gebäude« im Magazin »Der Spiegel« mehr oder minder zielgruppengenau eine Anzeige, die als Brief an den BER-Chef getextet war: »Lieber Herr Mehdorn, falls Sie mal ein Bauprojekt mit Punktlandung hinlegen wollen … sind sie bei (…) an der richtigen Adresse. Ob bei Gebäuden für Verwaltung und Unternehmen, fürs Gesundheitswesen oder für einen neuen Flughafen, mit [uns] bleiben beim Bauen Kosten und Termine auf dem Boden.«
Schluss mit lustig! Man muss sich jedenfalls wünschen, dass der talentierte Bahnkundenvergrämer Mehdorn neben seinem bewährten Krisenmanagement in Sachen Projektplanung nun auch auf dem Flugfeld des BER – über dem die gefiederte Tierwelt Brandenburgs derzeit noch arglos kreist –, als Obervergrämer der fliegenden Fauna tätig wird, um der Gefahr künftigen »Vogelschlags« zu begegnen. Man weiß ja: Ein einziger Kranich kann im Falle einer Kollision ein Großraumflugzeug ins Trudeln bringen. Allerdings – die ganz großen Jumbos, die sich Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit so dringend gewünscht hat, dass auch deshalb aufwendig umgeplant werden musste, werden den BER wohl großräumig umfliegen: Mehdorn hat als Chef der Fluggesellschaft »Air Berlin« keinen »A 380« bestellt – was noch sein Vorgänger Hunold wohl vage zugesagt hatte. Und auch die Deutsche Lufthansa will BER nicht zum Drehkreuz ihrer Interkontinentalflüge machen.
Der Autor ist freier Publizist und Herausgeber der Zeitschrift »Kultur«; des Weiteren Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Er lebt in Stuttgart.