Älter als das Bauhaus: Die Kölner Architektenfamilie Böhm und ihr Jubilar

Gottfried Böhm zum Hundertsten

Das lange Jubiläumsjahr »Bauhaus 100« ist zu Ende gegangen, und viele Fragen sind offen geblieben. Zum Beispiel die, ob und was die (Bauhaus-)Moderne letztlich gegen den »unerfreulichen Zustand der Textur« der Stadt zu bewirken vermochte – eine Frage, die Colin Rowe und Fred Koetter bereits 1984 aufwarfen. Noch vor der Bauhaus-Gründung 1919 – in der Hannes Meyer erst ab 1928 in Dessau eine Architekturklasse einrichten konnte – begann mit der Bürogründung von 1910 durch Dominikus Böhm, der dem Werkbund verpflichtet war, der außergewöhnliche Werk- und Lebenszyklus der Kölner Architektenfamilie Böhm.

Wenn dieser Tage »Böhm 100« begangen wird, der einhundertste Geburtstag von Gottfried Böhm, so geschieht dies vor einer Generationenfolge, deren zur Zeit dreifältig-aktive Nachkommenschaft – Stephan, Peter und Paul Böhm mit je eigenen Büros – weiter in die Zukunft weist. In einer privaten Anekdote erläuterte Peter Böhm einmal, dass das von Dominikus Böhm 1931/32 erbaute Wohnhaus der Familie in Köln, in dem sich heute Teile der Architekturbüros befinden, »im Bauhausstil errichtet (war), mit großen weißen Flächen, in welche die Fenster mit den feinen Stahlprofilen grafisch eingeschnitten sind«. Allerdings besitzt es, Sakrileg zur Bauhaus-Architektur, ein Satteldach. So willkommen Abstraktion und formale Elemente der Moderne gewesen seien, beim Böhm-Domizil ging es um das Eigene, »eine Vorstellung des (individuellen) Lebens«, einen »Geist«, den »man unmittelbar spürt, wenn man das Haus betritt«. Für Dominikus Böhm galt, so sein Enkel: »Ich glaube, was ich baue.« Es liegt nahe, anzunehmen, dass dies prägend war für die Architektengenerationen, die in diesem Haus aufgewachsen sind.

Wer, wie ich, in einem verdichteten Wohnquartier der dritten Böhm-Generation lebt, der wird, das Problem des Flächen- und Naturverbrauchs in den wachsenden Städten vor Augen, vielleicht weniger die berühmten Sakralbauten Gottfried Böhms im Blick haben, die zurzeit zu Recht im Rückblick gefeiert werden. Er könnte fragen, was die Idee des Böhm’schen Bauens auf dem Weg zur Verdichtung und Belebung der Stadt von morgen beizutragen hätte: Vorstellungen von individuellen Lebensweisen, die in neu definierten Räumen und Raumfolgen der Stadt heimisch werden, in der Aneignung des Raums vertrauten Ausdruck finden könnten.

Das Projekt des Stadtzentrums Neue Stadt Düsseldorf-Garath (1964), von Gottfried Böhm zusammen mit seinem Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung und Werklehre an der RWTH Aachen entworfen, gegen die Anonymität der Massensiedlungen gerichtet, geht in differenzierten Raumgliederungen weit über den später realisierten Teilbereich des Altenzentrums St. Hildegard und der Pfarrkirche St. Matthäus (1962-70) hinaus, zeigt aber als Stadtbereich auffallende Qualitäten der Raumgliederung der dicht bebauten Stadt: skulpturale Kraft und vertraute Maßstäblichkeit, zugleich zu Hochhäusern gestaffelte Baukörper, die von einer schlanken Hochhausstele hinter der Pfarrkirche überragt werden sollten.

Für die – heute berüchtigte – Satellitenvorstadt Köln-Chorweiler entwickelten Gottfried Böhm und sein Team eine feinfühlig durchdachte, zweihüftig detaillierte Wohnanlage mit Sozialwohnungen (1963-74). Sie ist ein Statement, das vom Halbrund einer neungeschossigen Bebauung am Eingangsplatz gekrönt wird. Endlich, so Gottfried Böhm damals bei einer Werkschau der Aachener Architekturfakultät, durfte er einmal Wohnungen bauen. Als stolze Behauptung gegen die nivellierende Gleichmacherei der Vorstadt brachte Böhm kantige Präsenz der Gebäude und Filigranität der stählernen Brüstungsvorbauten in Einklang.

Der Entwurf für die Stadtmitte in Dudweiler (1979-84) enthielt – neben einem Bürgerhaus und einem Ladenzentrum – eine angerförmige, an den äußeren, gebogenen Rändern zeilen- und hofförmig angelegte Wohnbebauung, von der nur das nordöstliche Halbrund realisiert werden konnte. Die Idee der Geschlossenheit, des umschlossenen Mittelraums, wurde einem nach Südwesten offenen »Bürgerpark« geopfert. Und damit die Idee, zu den Raumqualitäten der geschlossenen Stadt mit modernen, annehmbaren Mitteln zurückzukehren – weder einer puristischen Moderne verpflichtet noch durch Postmoderne korrumpiert. Gerade darin lägen Möglichkeiten der Anknüpfung für künftige Ideenräume der modernen Stadt!

Ähnlichen Prinzipien ist Peter Böhms »modern old town«, das »Quartier Chronos« in Hennef verpflichtet (Fertigstellung 2001), das mit seiner Piazza zum Ufer des Flusses Sieg die Öffnung in der Stadtkante zur Flussbiegung, den Durchgang zur unverbaubaren Auenwaldkulisse markiert: eine glänzende stadtgestalterische Inszenierung. In Anlehnung an die Äußerung über sein Elternhaus: »Eine Vorstellung des (individuellen) Lebens« in der Stadt, ein »Geist«, den »man unmittelbar spürt, wenn man das Quartier betritt«.

~Reinhart Wustlich