Gesichter der Moderne

Gesichter der Moderne

Vielfach und vielfach unbekannt ist das reiche baukulturelle Erbe der Moderne in den kleinen und mittleren Städten im ostdeutschen Sachsen-Anhalt. Dabei findet es sich kaum anderswo in einer derartigen Dichte. Im Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 glänzten die drei großen Städte Magdeburg, Halle (Saale) und natürlich Dessau, es fiel aber auch ein längst fälliges Streiflicht u. a. auf Elbingerode, Sangerhausen, Aschersleben, Wittenberg oder Stendal und rückte die dortigen Schätze ins öffentliche Bewusstsein – ein Überblick.

~Cornelia Heller

Es gehörte zu den großen Entdeckungen auf der »Grand Tour der Moderne« im Bauhausjahr: das Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg [1/2] im kleinen Harzstädtchen Elbingerode. Anfang der 30er Jahre war dort, wildromantisch zwischen grünen Hügeln und unterhalb des Brockens gelegen, ein hochmodernes Gebäude erbaut worden. Durch die Aufnahme in den erlesenen Kreis der Top 100 Deutschlands geriet das Zuhause der Elbingeröder Schwesternschaft und bis heute Zentrum für evangelische Diakonie und Mission in ein helles, weltweit strahlendes Rampenlicht. Dass das Gebäude unsere Gegenwart so unverfälscht in der Anmutung seiner Erbauungszeit erreichte, ist neben glücklichen Umständen der warmen schwesterlichen Obhut zu danken, die das Haus und seine herausragende Architektur durch vielfach schwierige Zeiten hindurch wertschätzte, schützte, pflegte. »Mit Weitblick und großem Verständnis für die moderne Baukunst«, so wird berichtet, hätte sich die damalige Oberin Schwester Klara Sagert für einen Neubau eingesetzt und den aus Thüringen stammenden Architekten Godehard Schwethelm und seine Frau Isolde, eine Innenarchitektin, für das Projekt gewinnen können. Zeitlos, schlicht, sachlich und funktional wird der Bau zumeist beschrieben. Die noch junge Stahlskelettbauweise hatte die schnelle Fertigstellung des Rohbaus begünstigt. Fünf Geschoss hoch der Hauptbau, zwei Geschoss der Seitenflügel und eine rötlich-beige lebendige Spaltklinkerfassade mit kubischen wie runden Formen. Doch viel überzeugender ist die wohlproportionierte Setzung der einzelnen Baukörper und -elemente, ist die Wahl damals modernster Technik in nachhaltiger Nutzung von Ressourcen und sind die feinsinnig erdachten und kunstfertig ausgeführten Details im Innern wie am Äußeren, kurzum: die überzeugende Schönheit des ganzen Baus. Überall finden sich bis heute passgenaue Holzeinbauten, eigens gefertigte Möbel, Geländer, Griffe, Türklinken. Dazu ein integriertes Schwimmbad direkt unter dem Kirchraum zur optimalen Ausnutzung der durch einen modernen Hochdruckkessel erzeugten Wärme.

Schwethelms Mutterhaus ist ein Manifest für die Kraft der Moderne. Dass die nicht auf einen Stil und schon gar nicht auf einen, vielfach und irrtümlich »Bauhaus-Stil« genannten, reduziert werden kann, zeigt Sachsen-Anhalt exemplarisch. Die Bauten jener 20er und 30er Jahre zeugen – entstanden im Kontext komplizierter politischer, gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche in der mitteldeutschen Region mit rasant wachsender Industrie – von einem wachen, verantwortungsvollen und gestaltungsfreudigen Zeitgeist, der den umfassenden Reformen in allen nur denkbaren Lebenswelten frischen baulichen Ausdruck verlieh und neue Bauaufgaben zu erfüllen angetreten war, unter Inanspruchnahme technischer Innovationen und neuartiger, aber auch altbewährter Baustoffe. Die stilistische Spannbreite reichte dabei von Expressionismus mit Bauschmuck in runden und gezackten Formen, gern gebaut in Backstein, Ziegel, Klinker, über Neue Sachlichkeit, die das Ornament schlichtweg ablehnte, bis hin zum der Harmonie verpflichteten Heimatschutzstil, der sich auf lokale und regionale Bautraditionen berief und Historismus und Jugendstil überwindend die Moderne erreichte.

Goldene Aue

Wie etwa in der Kupferschieferbergbau- und Rosenstadt Sangerhausen, gelegen am östlichen Rand der Goldenen Aue zwischen Harz und Kyffhäuser. Hier dokumentiert in einzigartiger Weise gleich eine ganze Reihe von im Auftrag von Stadt- und Kreisverwaltung sowie privater Bauherren errichteter Gebäude den baulichen Aufbruch in politisch schwieriger Zeit und prägt bis heute ein stimmiges Stadtbild. Etwa der Eckbau in der Göpenstraße 35, für die Stadtsparkasse [3], heute Volksbank, von 1931. Drei verputzte Quader scheinen hier ineinandergeschoben, dabei übernimmt der erhöhte auf der Ecke eine Art Turmfunktion. Ein Rundbogenmotiv aus dunklem Klinker beflaggt diese Dominante und zieht sich gleichzeitig durch die Putzfassade bis hinunter in den Eingangsbereich. Der Bau ruht auf einem mit den zeittypisch dunkel-violetten Eisenschmelzklinkern verblendeten EG: eine fein gestaltete Fassung mit einer applizierenden Baukunst in allegorischen Keramikreliefs. Sie umkränzen Türen, bekrönen das vierbogige Fenster und darüber schwebt Götterbote Hermes. Bestechende Details wie der Strahlenschmuck über dem hochgestreckten Treppenhausfenster wiederholen sich an weiteren Beispielen etwa am ehemaligen Bibliotheks- und Wohnhaus in der Ulrichstraße 19 von 1930, beide von Adolf Leipold.

Nicht minder markant wurde 1932 das Gebäude für die Kreissparkasse [4], heute Sparkasse Mansfeld-Südharz, auf der Ecke Hüttenstraße 18 erbaut (Otto Klepel) mit bemerkenswerten Eisenschmelzklinkern im EG, das man ebenfalls mit einem staunenswerten figürlichen Formenkanon verblendete. Nicht versäumen: Das Stadtbad (wieder Adolf Leipold, 1930) in der Riestedter Straße 70. Der langgestreckt-flache Baukörper aus Putz und Klinkern schützt wie ein Riegel das rege Badegetümmel zur Straße, die Neugier wird sogartig auf den mittig gesetzten erhöhten Eingangsturmbau gelenkt. Kleiner Einblick, große Auswahl: Sangerhausen jedenfalls ist in Sachen Neues Bauen unbedingt eine Reise wert.

Traditionslinien in Aschersleben

Wie ein einzelner Architekt das Bild einer ganzen Stadt in jener Zeit nachhaltig prägte, zeigt die Vorharzstadt Aschersleben. Hans Heckner, der in München Schüler Carl Hocheders war, wirkte hier ab 1906 zunächst als Stadtbaumeister, als Stadtbaurat ab 1910. Rund 100 bis ins Detail überzeugende Gebäude – überwiegend in einem ihm eigenen reformerischen Heimatschutzstil, aus dem regional Typischen das Beste schöpfend – finden sich bis heute, darunter Wohnhäuser, Villen, Fabrikgebäude wie die zum Bildungszentrum Bestehornpark umgebaute und erweiterte Papierfabrik der Bestehorns (2010, LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart, s. db 8/2010, S. 54) öffentliche Gebäude wie die Rathauserweiterung mit Sparkasse [5], Alten- und Invalidenheime.

Ein Kleinod in der ältesten Stadt Sachsen-Anhalts: der 1930 vom Erfurter Architekten Carl Fugmann erbaute »A.-M.-Palast«, mitten in der Altstadt in der Platzecke zur Marktkirche gelegen [6]. Die helle, hoch aufragende Fassade mit ihren farbig abgesetzten horizontalen Fensterbändern und zwei flankierenden, leicht vorspringenden Gebäudeteilen feiert die Moderne. Das der Tradition verpflichtete Walmdach versteckt sich perfekt dahinter.

Fugmann baute zu jener Zeit auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts weitere Kinos: in Zeitz, Wittenberg, Quedlinburg (als Kino oder Theater noch immer in Betrieb), für das seit Jahren vor sich hindämmernde »Gloria« in Weißenfels keimt nach dem Kauf durch die Stadt im Jahr 2018 Hoffnung auf.

Gartenstadt Piesteritz

Im beschaulichen Piesteritz vor den Toren der heutigen Lutherstadt Wittenberg baute zwischen den Jahren 1916 bis 1919 der Schweizer Architekt Otto Rudolf Salvisberg »Heimat im Reformstil«. Ein Jahr zuvor hatten hier die kriegswichtigen Reichsstickstoffwerke Ansiedlung gefunden. Für die rund 2 000 überwiegend aus Bayern stammenden Beschäftigten entstanden den sozialreformerischen Ideen der Gartenstadtbewegung folgend knapp 360 Reihen- und Einfamilienhäuser [7]. Virtuos folgen sie sanft geschwungenen Straßenzügen im Vor- und Rücksprung, spiegeln sich entlang von Achsen an grünen Plätzen und vereinheitlichen sich in alternierenden Motiven von farbig gestalteten Türen oder Fensterläden, Rankspalieren oder sparsamem Bauschmuck. Ruhige Höfe mit Nutzgärten zur Selbstversorgung komplettierten die einer organisch gewachsenen Stadt nacheifernde Siedlung mit u. a. Rathaus, Kirche, Schule, Ärzte- bzw. Kaufhaus. Bis heute bietet sie ihren Bewohnern hohe Wohnqualität, zur EXPO 2000 wurde sie beispielhaft saniert.

Besseres Leben in Stendal

Und dann wäre noch die Hansestadt Stendal, die – ebenso wie die anderen zuvor- und die vielen nicht genannten Städte Sachsen-Anhalts – überzeugende Bauten zeigt, die für ein Bauen für ein besseres Leben stehen. Auch zur Linderung der allgegenwärtigen Wohnungsnot. Hierfür sei als Beispiel für viele andere im Land die Sparda-Wohnanlage von 1929 (Paul Dobert) genannt, eine von der Beamten-Spar- und Darlehenskasse Stendal erbaute Wohnanlage dreigeschossiger Häuser mit klugen Grundrissen für ausreichend Licht, Luft, Sonne für alle. Großstädtisch mutet der Kaufhausbau der Ramelows an [8] (1929/30, Fritz Ebhardt): mit der großen Geste einer einladenden runden Ecke sowie den die Stahlskelettkonstruktion offenbarenden hochaufragenden, den Bau strukturierenden Wandvorlagen, die über die Dachkante pfeilartig in den Himmel ragen. 1931 eröffnete in der Blumenthalstraße 40 das Staatliche Oberlyzeum [9], heute Comeniusschule. Den Architekturwettbewerb hatte Paul Schaeffer-Heyrothsberge gewonnen. Er verband Kuben (und ein Halbrund) zu einem flachgedeckten L-förmigen strengen, funktionalen Ensemble, wobei er im turmähnlichen Eckbau eine breite, dreiläufige, der im Dessauer Bauhausgebäude ähnelnde Haupttreppe in starken Farben unterbrachte. Das Stendaler Schulgebäude zeigt Neue Sachlichkeit in konservativer Prägung: glasklar in Linie und Ausführung, werthaltig in Materialwahl und -verwendung von rotem, langlebigem Klinker, konsequent in der Umsetzung reformpädagogischer Auffassungen.

Sachsen-Anhalts Städte haben sich – befeuert durch Bauhausjubiläen der letzten Jahre – bewusst ihrem wertvollen Erbe genähert und zeigen stolz eine authentische, im Mangel während der Zeit der DDR erhaltene und in den vergangenen Jahren sensibel, denkmalverpflichtend sanierte, vielfältige und variantenreiche Moderne.

Auch abseits der Zentren wie Magdeburg, der »Stadt des Neuen Bauwillens«, von der ein »Frühlicht« ausging, und Dessau, das als Bauhausstadt im Glanzlicht des vergangenen Jahres steht, gibt es viel zu schauen und zu staunen in Sachsen-Anhalt, Land der Moderne.

Die Autorin ist freie Journalistin in Magdeburg, Schwerpunkte Architektur und Baukultur in Sachsen-Anhalt. Publikationen u. a. »Architektouren durch Sachsen-Anhalt – Neues Bauen im Land von Reformation und Moderne« und »Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2019 – Kein schöner Land«.