Galerien als Architektur-Multiplikatoren

Architektur wird heute über zahlreiche Kanäle kommuniziert. Einen wesentlichen Beitrag zur Architekturdiskussion leisten dabei die teils geschäftlich betriebenen, teils institutionell angebundenen Architektur-Galerien. Nirgendwo in Deutschland ist ihre Präsenz und Bedeutung so spürbar wie in Berlin, wo sich derzeit nicht weniger als vier um die Aufmerksamkeit des geneigten Publikums bemühen. Wie sie arbeiten und welche programmatischen Ideen dahinterstecken wird im Text genauer betrachtet.

~Mathias Remmele

Es ist ganz unvermeidlich, dass einem beim Stichwort Architektur-Galerie sofort ein Name ins Bewusstsein kommt: Aedes. Mit Recht, muss man hinzufügen, denn Aedes war bei ihrer Gründung 1980 nicht nur die erste privat betriebene Architektur-Galerie Europas, sondern sie hat durch ihre überaus erfolgreiche Tätigkeit unsere Vorstellung der Arbeit einer der Baukunst gewidmeten Galerie nachhaltig geprägt. Als Kristin Feireiss zusammen mit Helga Retzer (die 1985 bei einem Unfall ums Leben kam) in der Grolmannstraße in Charlottenburg ihre erste Galerie eröffnete, gab es dafür keinerlei Vorbild. Umso erstaunlicher, dass sich seither weder an der programmatischen Idee noch am Geschäftsmodell viel geändert hat.
Die Ausstellungen der Galerie, die sie begleitenden Kataloge, aber auch die parallel dazu organisierten Diskussionsveranstaltungen und Vortragsreihen dienen alle dem Ziel, Architektur über die engen Fachkreise hinaus zu popularisieren und ihre Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung zu steigern. Die Galerie stellt dafür ihre Räumlichkeiten zur Verfügung, kümmert sich ums Organisatorische und um die gesamte Kommunikation. Finanziert wird diese Arbeit durch Sponsorengelder aus der Wirtschaft, die Aedes in Absprache und mit Unterstützung der ausstellenden Architekten einwirbt. Versteht sich, dass es unter solchen Umständen auch manches Ausstellungsprojekt gab, das nicht zustande kam. Allen chronischen finanziellen Schwierigkeiten zum Trotz aber hat die Galerie – längst ein international bekanntes und beachtetes kulturelles Aushängeschild Berlins – mittlerweile sage und schreibe rund 350 Ausstellungen realisiert. Die Teilnehmerliste liest sich wie ein Who is Who der internationalen zeitgenössischen Baukunst. Bemerkenswert scheint im Rückblick, dass das Ausstellungs-Programm von Anfang an international und pluralistisch angelegt war. Diese bisweilen ganz pragmatisch begründete Offenheit für unterschiedliche, ja konträre Positionen in der Architektur ist bei dogmatisch veranlagten Zeitgenossen natürlich auf Kritik gestoßen. Tatsächlich aber würde die Galerie wohl kaum so lange überlebt haben, hätte sie sich als Propagandainstrument für eine bestimmte Architekturdoktrin verstanden. Ebenso wenig wäre es ihr auch gelungen, immer wieder unbekannte, hoffnungsvolle Talente zu präsentieren und der Architekturdiskussion damit neue Impulse zu verleihen.
Geschichte und Erfolg von Aedes spiegeln sich nicht zuletzt in den Standortwechseln der Galerie: 1985 zog man aus der Grolmannstraße in die S-Bahnbögen am Savingyplatz. Zehn Jahre später gründete Freireiss mit ihrem Partner Hans-Jürgen Commerell dann in den gerade renovierten Hackeschen Höfen im Bezirk Mitte die Galerie Aedes East als zweites Standbein. Vorletztes Jahr, als die Hackeschen Höfe gar zu touristisch geworden waren, zog man von dort in die ehemalige Brauerei Pfefferberg in Prenzlauer Berg. Die alte Galerie im Westen firmiert seit 2007 unter AedesLand. Die Ausstellungsaktivitäten konzentrieren sich an diesem Standort entsprechend auf Landschaftsarchitektur und Raumplanung. Und das Aedes-Team, das inklusive Feireiss und Commerell auf sechs Personen angewachsen ist, verfolgt weiter Expansionspläne. Direkt neben der Galerie am Pfefferberg soll demnächst der Aedes Micro Campus entstehen – Räumlichkeiten für Workshops und Symposien, die die Galerie gemeinsam mit ihren internationalen universitären Partnern bespielen möchte.
Architektur Galerie Berlin werkraum
Seit zwei Jahren existiert in Berlin eine zweite, auf die Präsentation von zeitgenössischer Architektur spezialisierte, privat betriebene Galerie: die von Ulrich Müller geleitete Architektur Galerie Berlin werkraum im Bezirk Friedrichshain. Müller ist bereits seit 1999 in Berlin präsent, doch stellte er in seiner Architektur Galerie Berlin – anders als es der Name suggeriert – nicht Baukunst aus, sondern vorwiegend Bildende Kunst, die sich mit Architektur beschäftigt. Im Jahr 2006 hat Müller seine Aktivitäten auf einen zweiten Standort ausgedehnt. In der Karl-Marx-Allee gründete er den Werkraum der Architektur Galerie Berlin. Und hier, an architekturge- schichtsträchtigem Ort, wird seither wirklich Architektur ausgestellt. Im hellen, 60 m² großen Raum, der früher als Laden genutzt wurde und über entsprechend großzügige Schaufenster verfügt, veranstaltet Müller pro Jahr rund acht monografische Ausstellungen. Statt klassischer Werkschauen erwarten die Besucher hier thematisch zugespitzte Präsentationen, in denen die beteiligten Büros etwa ihre Auseinandersetzung mit Material, Farbe oder Volumen reflektieren.
Diese konzeptionelle Idee sei, so berichtet Müller, sowohl bei den ausstellenden Architekten als auch beim Publikum sehr gut angekommen. Dass bedingt durch diesen Ansatz die Lesbarkeit der Präsentationen hohe Ansprüche stellt, ist insofern kein Problem, als sich der Werkraum dezidiert an die Fachwelt und Personen mit einschlägiger Vorbildung richtet. Die Laufkundschaft sei hier in der Karl-Marx-Allee marginal. Trotzdem findet Müller den Standort in der einstigen sozialistischen Prachtstraße – seit der Wende für Gewerbetreibende eigentlich ein chronischer Problemfall – für seine Zwecke ideal. Allen an Architektur interessierten Menschen sei diese Straße ein Begriff und nach den Vernissagen bietet sich die direkt benachbarte, angesagte CSA Bar für einen stilvoll entspannten Ausklang des Abends an.
Im Vergleich zu Aedes backt der Werkraum zwar eher kleine Brötchen – Kataloge gibt es bei Müller (noch) keine und die Büros, die er präsentiert, stammen bisher ausschließlich aus dem deutschsprachigen Raum – trotzdem ist der umtriebige und enthusiastische Galerist, der im Bedarfsfall auf drei freie Mitarbeiter zurückgreifen kann, sehr zufrieden mit der Resonanz auf seine Arbeit. Das Geschäftsmodell ist – vom Größenunterschied abgesehen – das gleiche wie bei Aedes. Die Finanzierung des Programms über Sponsorengelder aus der Wirtschaft ist zeitraubend und mühsam, aber sie trägt den Laden und zwingt immer wieder zur Entwicklung neuer Ideen.
Deutsches Architektur Zentrum DAZ
Das vom BDA initiierte und getragene Deutsche Architektur Zentrum DAZ in der Köpenicker Straße blickt als Ausstellungsforum auf eine wechselhafte Geschichte zurück. Das lag sowohl an der personellen Situation als auch an der unbestreitbaren Problematik seines eher unwirtlichen Standorts, der sich entgegen Mitte der neunziger Jahre gehegten Hoffnungen lange überhaupt nicht entwickeln wollte. Erst seit der BDA 2004 die Kuratorin Kristien Ring engagierte – in Berlin einschlägig bekannt durch die mit Beate Engelhorn (die mittlerweile als Kuratorin bei ›
› Aedes arbeitet) betriebene Galerie suitcasearchitecture – um das Ausstellungsprogramm neu auszurichten, gelang es, ein eigenständiges und erkennbares Profil zu entwickeln.
Gleich drei Ausstellungsreihen betreut Frau Ring heute im DAZ. Unter dem Label AGENDA werden – oft in Kooperation mit anderen Institutionen wie etwa der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung – aktuelle architektonische oder baupolitische Themen aufgegriffen, die man in selbst konzipierten Ausstellungen behandelt. Ein bis zwei Produktionen kann Frau Ring, von projektbezogenen Mitarbeitern unterstützt, pro Jahr realisieren. In der Themenwahl dieser Ausstellungen, die nach der Präsentation im DAZ meist auf Wanderschaft gehen, gewährt der BDA der Kuratorin vollständige Autonomie. Im Gegensatz zur AGENDA werden in der Reihe FORUM Fremdproduktionen gezeigt – etwa Ausstellungen des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt oder solche, die von den Kulturabteilungen ausländischer Botschaften entwickelt wurden. Entsprechend variiert das thematische Spektrum, aber auch die kuratorische Qualität der Präsentationen. Die dritte Ausstellungsreihe schließlich wendet sich unter dem Titel GLASHAUS speziell an junge Büros und Architekten unter 45 Jahren, die hier die Möglichkeit bekommen, über einen Zeitraum von zwei Monaten jüngst vollendete Projekte vorzustellen und dabei einen Einblick in ihre Arbeitsweise zu geben. Für diese Reihe gibt es einen offenen »Call for entries«, daneben spricht man Büros auch gezielt an.
Den Ausstellungsaktivitäten im DAZ liegt ein einfaches Geschäftsmodell zugrunde. Der BDA trägt die Personalkosten der Kuratorin und stellt seine Räumlichkeiten zur Verfügung. Das eigentliche Ausstellungsprogramm muss hingegen mit Drittmitteln bestritten werden. Und so besteht auch hier ein nicht unerheblicher Teil der Arbeit im Fundraising. Immerhin konnten für die GLASHAUS-Reihe vier langfristig engagierte Partner gefunden werden, so dass hier nicht jedes Mal aufs Neue mit der Sponsorensuche begonnen werden muss. Und was die Standortproblematik des DAZ betrifft, gibt sich Frau Ring betont optimistisch. Die Gegend entwickle sich zusehends und die Investoren für die Stadtbrachen in der unmittelbaren Nachbarschaft stünden mittlerweile schon Schlange. Sicher ist so viel: Es kann hier nur besser werden.
BDA Galerie
Auch der vierte und kleinste nicht staatlich getragene Architektur-Ausstellungsort in Berlin ist mit dem BDA verbunden. 2004 wurde die von der Kuratorin Veronika Brugger geleitete BDA Galerie gegründet, die ihr Domizil in der Charlottenburger Mommsenstraße hat. Dahinter steht der Berliner Landesverband des exklusiven Architektenclubs, der die Galerie in erster Linie als »Schaufenster« für seine Mitglieder verstanden wissen will. Für das Ausstellungsprogramm ergibt sich daraus zweierlei: Zum einen eine klare lokale bzw. regionale Verortung, zum anderen eine Ausrichtung auf das interessierte Laienpublikum – anders ausgedrückt: auf potenzielle Bauherren.
Das Programm entwickelt Frau Brugger im Dialog mit den BDA-Mitgliedern. Die jährlich drei bis vier Ausstellungen stehen jeweils unter einem vorher festgelegten Oberthema – zuletzt etwa »Wohnen in der Stadt« – zu dem dann intern um Beiträge gebeten wird. Ein kuratorisches Team, dem außer Frau Brugger eigens bestimmte Verbandsmitglieder und Architekturjournalisten angehören, übernimmt die Auswahl der eingereichten Arbeiten für die Präsentation. Ein großer materieller Aufwand kann und soll dabei nicht betrieben werden. Frau Brugger versteht die formal stets zurückhaltend gestalteten, kostengünstig realisierten Ausstellungen als Kommunikationsbasis. Wichtig ist ihr ein niederschwelliger Zugriff auf die Projekte. Als »Vertiefungsebene« bieten sich den Besuchern das Personal der Ga- lerie an. Mit dem Standort in der Mommsenstraße, einer vergleichsweise beschaulichen Geschäftsstraße im Berliner Westen, ist Frau Brugger sehr zufrieden. Über Laufkundschaft könne man hier nicht klagen. Und wie bei den anderen Galerien auch, tragen Berichte in der Berliner Tagespresse und in den Stadtmagazinen dazu bei, die öffentliche Wahrnehmung des Ortes zu stärken.
Überblickt man die Arbeit der Berliner ArchitekturGalerien wird schnell klar, dass sie mit ihren vielfältigen Aktivitäten den Ruf der Stadt als Architekturmetropole wesentlich mitbegründen. Trotz des prinzipiell gleichen Tätigkeitsfeldes – der Präsentation zeitgenössischer Architektur – gelingt es den einzelnen Galerien erstaunlich gut, sich durch ihre programmatische Ausrichtung und die jeweils angesprochenen Zielgruppen voneinander abzusetzen und ein individuelles Profil zu entwickeln. Die Galerie Aedes ist mit ihren zwei Standorten der unangefochtene Platzhirsch. Dank ihres über Jahrzehnte hin aufgebauten internationalen Renommees spielt sie in einer Liga für sich. Die Architektur Galerie Berlin werkraum bewirtschaftet mit seinen thematisch zugespitzten Präsentationen erfolgreich eine Nische, die von vielen Architekten nicht nur aus ökonomischen Gründen geschätzt wird. Dem DAZ gelingt es, vor allem mit der AGENDA und der GLASHAUS-Reihe eigene Akzente zu setzen und die BDA Galerie beweist schließlich, dass auch ein regional ausgerichtetes und mit wenig Aufwand realisiertes Programm sein Publikum findet. •
Der Autor ist als Architektur- und Designkritiker tätig. Er lebt in Berlin.