Expo 2010: Zwischen Banalitäten und Magie

So viele Pavillons hat es auf einer Expo noch nie gegeben; neben zahlreichen Ländern präsentieren in Shanghai auch ausgewählte Städte ihre Ideen und Konzepte zum Thema »Better City, Better Life«. Bei den chinesischen Besuchern steht zwar die »Fun-Architektur« hoch im Kurs – doch an dieser Stelle lohnt v. a. ein Blick auf gestalterische Besonderheiten einzelner Pavillons und weniger bunte und laute Bauwerke.

5,28 km2 misst das Ausstellungsgelände der Weltausstellung in Shanghai und ist damit größer als jemals zuvor, mit 193 Teilnehmerländern sind fast alle Staaten der Welt vertreten – und die Verantwortlichen erwarten innerhalb von sechs Monaten 70 Mio. Besucher. In der Euphorie des Anfangs spricht die chinesische Presse sogar von 100 Mio. Davon, und das ist das Neue, werden 95 % Chinesen sein. Die Länder der Welt präsentieren sich nicht einander, sondern präsentieren sich China. »Better City, Better Life« heißt das seit Jahren in Shanghai omnipräsente Expo- Motto. Die Stadt selbst will Teil der Weltausstellung sein; und verfallene Pavillons, wie man sie aus Sevilla oder Hannover kennt, soll es hier nicht geben. Denn das Expogelände ist – so erklärt es Wu Zhiqiang, Chefplaner der Expo und Dekan des College of Design and Innovation der Tongji University in Shanghai – ein postindustrielles Transformationsareal, das ohnehin restrukturiert worden wäre. Die Expo hat die Prozesse also lediglich um 15 Jahre beschleunigt.

Das Ausstellungsgelände liegt sechs Metrostationen südlich der Innenstadt und erstreckt sich beidseits des Flusses Huangpu. Das kleinere Puxi-Areal am Nordufer des Flusses war bis vor wenigen Jahren Standort des Jiagnan Shipyard, der auf einer Insel außerhalb der Stadt neu errichtet wurde; auf dem größeren Pudong-Gelände im Süden befanden sich Stahlwerke und einige Arbeitersiedlungen. Als 2004 mit der Planung begonnen wurde, bestand die Absicht, dem Gelände weitere 1,4 km2 zuzuschlagen. Doch aufgrund einer radikalen Reduzierung der Parkplatzflächen, die nun v. a. für Reisebusse zur Verfügung stehen, konnte der Flächenbedarf minimiert werden, 10 000 Wohnungen blieben erhalten, ebenso eine Reihe von Industriebauten – auch das ein Novum für das chinesische Verständnis. Wu erklärt dies mit der Schonung von Ressourcen ebenso wie mit dem Wunsch, die Geschichte des Ortes zu erhalten. Und er sieht Strategien wie diese als Vorbild für andere chinesische Städte.
Die Städte: Nachhaltigkeits- rhetorik und lebendige MAterialität
Seine Idee war auch die Ergänzung der Expo durch die »Urban Best Practice Area«, in der gut 60 Städte aus aller Welt ihre Antworten auf ökologische und gesellschaftliche Probleme präsentieren. Leider haben nicht alle Teilnehmer die Ernsthaftigkeit dieses Konzepts verstanden – das Hamburg Haus etwa ist zwar aufwendig inszeniert, bietet jedoch wenig mehr als die üblichen Klischees des Städtemarketings, garniert mit etwas Nachhaltigkeitsrhetorik. Aufwand und Ertrag stehen in keinem adäquaten Verhältnis zueinander. Einer der architektonisch gelungensten Bauten in diesem Teil der Expo ist der Ningbo Tengtou Pavilion von Wang Shu und Lu Wengyu. Die mit ihrem Büro Amateur Architecture in Hangzhou ansässigen Architekten zählen zu den international renommiertesten in China und sind insbesondere durch die Verbindung traditioneller chinesischer Bauweisen und moderner Formensprache bekannt geworden. Der Pavillon am Rand des Expo-Geländes, der eine von den UN in ökologischer Hinsicht als vorbildlich ausgewiesene Kulturlandschaft in der Nähe der Metropole Ningbo vorstellt, knüpft an diese Bauten an: Mit seinen polygonalen Wanddurchbrüchen, wie man sie aus chinesischen Gärten kennt, und einer lebendigen Materialität zeigt er, dass sich eine zeitgenössische chinesische Architektur auch jenseits eines globalisierten Mainstreams entwickeln kann.
Die Entdeckung der Umnutzung
Grundlegende Bereiche der Weltausstellung sind so konzipiert, dass sie auch nach dieser mit veränderter Funktion weitergenutzt werden können. Der zentrale Expo Boulevard beispielsweise, ein natürlich belüftetes, mehr als 1 km langes und mit einer zeltartigen Membran-Dachlandschaft überspanntes Bauwerk, das von dem Stuttgarter Architekturbüro SBA und den Ingenieuren Knippers Helbig stammt, wird mit seinen auf mehreren Ebenen angeordneten Geschäften und der Anbindung an den öffentlichen Verkehr zur Arterie des auf dem Pudong-Gelände geplanten Stadtteils. Das Expo Center dient zukünftig als Konferenzzentrum, mit dem an eine große weiße Muschel erinnernden Expo Culture Center hat die Stadt eine dringend benötigte Halle für Pop- und Rockkonzerte erhalten.
Die Länder: Überinszenierungen, SamenZauber und Jahrmarktspiele
Eigentliche Attraktionen der Expo aber bleiben die Länderpräsentationen, selbst wenn die Idee der nationalen Inszenierung immer wieder als anachronistisch apostrophiert wird. Dank der Unterstützung des chinesischen Staates, der sich auf internationalem Parkett gerne für die kleineren Länder stark macht, sind auf dieser Weltausstellung mehr Staaten vertreten als jemals zuvor. Nicht alle Länder können oder wollen auf Architektur setzen: Manche – wie die afrikanischen Staaten – teilen sich eine gemeinsame Halle, andere präsentieren sich in einer banalen Allerweltsarchitektur. Das trifft etwa auf die Vereinigten Staaten zu, die auf Grund eines Gesetzes, das die Verwendung öffentlicher Gelder untersagt, auf Sponsoren angewiesen waren und sich in einem Gebäude vorstellen, das vielleicht in einem suburbanen Gewerbezentrum am rechten Platz wäre und die dürftige Hülle einer als Black Box genutzten Architektur darstellt.
Ohne Zweifel ist die reine Fokussierung auf das Innere und die damit einhergehende Vernachlässigung des Äußeren auf einer Weltausstellung eine fragwürdige Strategie. Allerdings besteht auch bei einer Reihe architektonisch ambitionierter Bauten keine Korrespondenz zwischen Hülle und Inhalt. Der spanische Pavillon, entworfen von Benedetta Tagliabue, stellt sich als bewegt-expressiver Körper dar, dessen Metallgerüst mit Matten aus Korbgeflecht verkleidet ist. Der Innenraum aber gliedert sich in drei von verschiedenen Szenografen bespielte Bereiche, für welche die äußeren Formen unerheblich sind.
Das gleiche gilt für den deutschen Pavillon, dessen zerklüftete Architektur wie eine Mixtur aus Coop Himmelb(l)au, Daniel Libeskind, UN Studio und Zaha Hadid wirkt, aber von dem auf Firmenauftritte und Messestände spezialisierten Architekturbüro Schmidhuber + Kaindl realisiert wurde. Im professionell arrangierten, aber hinsichtlich seiner Informationsfülle völlig überfrachteten Inneren geraten die Besucher gleichsam unter inszenatorischen Dauerbeschuss. Er lässt Überlegungen, wo im Gebäude man sich denn eigentlich befindet, gar nicht erst aufkommen. Bei den Chinesen allerdings ist der Rundgang angesagt. Eine Rutsche, über die man von einem Stockwerk in das darunterliegende gelangt, löst Begeisterung aus – ebenso wie eine große ›
› leuchtende Kugel, die durch Schreien und Klatschen des Publikums in Bewegung gerät.
Großbritannien setzt auf ein gegenteiliges Konzept. Architekt Thomas Heatherwick ist im Innern des Pavillons, der mit seiner flimmernden Hülle aus 60 000 Acrylstäben wie ein großer Igelwürfel wirkt, einer der magischsten Orte der Expo gelungen. Durch die Acryl- stäbe, in die Pflanzensamen eingegossen sind – als »seed bank« thematisiert der Pavillon Versuche, pflanzliche Vielfalt zu bewahren – fällt Licht in das Innere und lässt eine zauberhafte Stimmung entstehen. Das kontemplative Konzept wird aber, wie chinesische Internetrankings belegen, vom Publikum nur wenig goutiert.
Anders geht die Schweiz vor: Der von Buchner Bründler gestaltete Pavillon zählt zweifellos zu den Höhepunkten der Schau. Auch wenn der Mythos Berg in der IMAX-Projektion am Anfang des Rundgangs das gewohnte Schweizbild repetiert, überzeugt das Gebäude durch die Inszenierung zweier komplementärer Welten, die räumlich erfahrbar werden. Der Unterbau mit grauem Spritzputz besitzt als öffentlicher Ort eine informelle, urbane, etwas raue Atmosphäre. Mit dem Sessellift bricht man in einem der drei zylindrischen Türme zu einer fünfminütigen Rundfahrt über die surreale Dachlandschaft auf: eine nicht betretbare Alpenwiese, die sich durch eine Klanginstallation vom Lärm der Umgebung abschottet.
Mit seinen Wegen und Rampen, die sich um die zylindrischen Kerne winden, wird beim Schweizer Pavillon ein Maximum an Wegstrecke auf einer begrenzten Parzelle erzielt. Diese Strategie findet sich auch bei anderen Pavillons, beispielsweise beim dänischen. Bjarke Ingels und sein Architekturbüro BIG haben eine weiße Rampe errichtet, die sich mehrfach um die in einem Wasserbecken platzierte Plastik der kleinen Meerjungfrau windet – auf das saubere Meerwasser aus Kopenhagen hat man am Ende doch verzichtet. Der Clou des in gleißendem Weiß gehaltenen Pavillons besteht darin, dass man die Struktur nicht nur ablaufen, sondern auch mit Fahrrädern bewältigen kann. Während diese Art der Fortbewegung in China derzeit als Indikator eines Lebensstils am unteren Rand der Gesellschaft gilt, avanciert sie hier zu einer coolen Trendsportart.
Aufgrund ihrer Architektur sehenswert sind eine Reihe weiterer Pavillons, so derjenige Luxemburgs von Hermann & Valentiny, der der Vereinigten Arabischen Emirate von Norman Foster und der »Kirnu« (großer Kessel) titulierte Beitrag Finnlands vom Architekturbüro JKMM aus Helsinki. Letzterer ist demontier- und erweiterbar, seine Fassade bildet ein Schuppenkleid aus einem Kompositmaterial aus Papier und Recycling-Kunststoff.
Dass Expo neben Nationenmarketing, Themenausstellung und Wirtschaftsförderung auch Jahrmarkt bedeutet, zeigen v. a. die Niederländer. Die »Happy Street« des in Eindhoven ansässigen Künstlers und Architekten John Körmeling ist eine gekonnte Jahrmarktsinszenierung, die mit holländischen Klischees spielt. An dem roten Weg, der sich in die Höhe schwingt, Ausblicke über das Expogelände erlaubt und so breit dimensioniert ist, dass sich vor diesem Pavillon kaum Schlangen bilden, sind 28 Miniaturhäuschen angebracht, die – unbetretbar – als Vitrinen für die Ausstellung holländischer Produkte, Kunstwerke oder Designgegenstände dienen. Man sieht typische Grachtenhäuser, doch die meisten Kleinbauten sind Imitationen von holländischer Architektur der 20er oder 30er – etwa das Schröder-Haus in Utrecht von Gerrit Rietveld. Zu Zeiten der Postmoderne hätte man dieses Konzept »doppelkodiert« genannt: Die »Happy Street« spricht mit ihrer in einem kronen- oder tulpenförmigen VIP-Raum gipfelnden Fun-Architektur ein breites Publikum an, wartet aber auch mit Überraschungen für diejenigen auf, die der üblichen Inszenierung von Klischees leid sind. •
~Hubertus Adam
Der Autor ist seit 1998 Redakteur der archithese und als freier Architekturkritiker v.a. für die NZZ tätig.