Neue Stadtentwicklungsprojekte in Teheran – Teil 1

Explosion und Konsolidierung

Teheran ist eine der größten Metropolen des Vorderen Orients und politisches und wirtschaftliches Zentrum des stark zentralisierten Irans. Seit 1788 Hauptstadt Persiens, wuchs Teheran in 200 Jahren von 15 000 auf 8,5 Millionen Einwohner. Im Großraum Teheran leben zurzeit etwa 11 Millionen Menschen. Das Wachstum insbesondere der vergangenen 25 Jahre war durch hohe Geburtenraten, zurückgehende Sterblichkeit und starke Landflucht bedingt. Die Stadt verschlang das Flachland im Süden und Westen und kletterte im Norden immer weiter in das Alborz-Gebirge hinauf, so dass heute der Höhenunterschied innerhalb der Stadt ca. 800 Meter beträgt. Die letzten Ausläufer Teherans befinden sich auf 1800 m über N.N., dahinter türmt sich das Gebirge mit dem Damavand, dem höchsten Berg Irans, bis auf 5671 m. Im Süden Teherans liegt die Salzwüste Dasht-e-Kavir. Sieben in den Bergen entspringende Flüsse gliedern das Stadtgebiet. Das Klima ist mild, jedoch lüftet sich die Smogglocke nur selten, um einen Blick auf die Berge freizugeben. In den höheren Lagen suchen die Teheranis in kühlen Oasen Erholung vom lauten Alltag. Die Nationalitäten des Vielvölker- staates – Perser, Türken, Kurden, Araber, Beluchen, Loren u. a. ebenso religiöse Minderheiten wie Zoroaster, Juden, armenische und assyrische Christen – wohnen hier friedlich nebeneinander, wenn auch in unterschiedlichen Bezirken. Denn die topografische Situation findet ihre Parallele in der Verteilung der Bevölkerung, dem reichen, chicen Norden, wo die Paläste des Schahs, Botschaften und Regierungsgebäude zu finden sind, und dem armen Süden. Selbst dort fühlt man sich als Ausländer relativ sicher. Weder wird gebettelt, noch gibt es »no go«-Zonen.

Eine orientalische Stadt? Teheran ist eine durchweg moderne Metropole, ihr traditionelles Gesicht hat sie weitgehend verloren. Die Stadt veränderte sich unter Schah Reza Pahlevi seit den dreißiger Jahren und dessen Sohn Mohammed Reza grundlegend. Ausländische Architekten und im Ausland ausgebildete iranische Architekten dominierten das Baugeschehen, moderne Formensprache und orientalische Tradition begannen sich zu vermischen. Die Revolution 1979 unterbrach die Entwicklung, das Land schottete sich ab. Den Herausforderungen des enormen Bevölkerungswachstums begegnete man weitgehend hilflos. Neben anderweitigen internen Interessen spielte hier auch die Bewältigung der Folgen des Iran-Irak-Krieges (1980 – 88) eine Rolle. Neu angelegte Satellitenstädte führten bisher nicht zu einer Entlastung. Der Erdbebengefahr hat man weder Bauqualität noch Notfall-Pläne entgegenzusetzen. Trotz vielspuriger Stadtautobahnen erstickt die Stadt täglich im Stau. Die in den sechziger Jahren begonnenen vorausschauenden Entwicklungsplanungen verschwanden in Schubladen. Eine darauf aufbauende Planung wurde zwar 1991 vom Parlament verabschiedet, stellte jedoch keine ausrei-chende Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung des Großraumes dar. Zudem musste sich die Stadtverwaltung Teheran weitgehend selbst finanzieren, was nicht zuletzt durch den Verkauf von über den offiziellen Dichtegrenzwerten liegenden Baurechten geschah. Es entstanden einige Großprojekte wie der neue Internationale Flughafen südwestlich der Stadt, dessen Terminal 1 fertig gestellt ist, aber wegen politischer Streitigkeiten noch nicht eröffnet wurde. Auch besitzt Teheran seit 2000 eine Metro – in Nord-Süd- und West-Ost-Richtung verlaufen bisher zwei Linien, weitere sechs sind geplant.
Qualitätsoffensive Die Geburtenrate ist inzwischen stark zurückgegangen, die Entwicklung wird zunehmend kontrollierbar. Dennoch muss die Bevölkerung – 40 % sind jünger als 20 Jahre – in den kommenden 10 bis 15 Jahren mit enormem Wohnraum versorgt werden. Für den Großraum Teheran werden für das Jahr 2020 16,2 Millionen Einwohner prognostiziert. Daher wächst bei der Regierung die Erkenntnis, dass nur gezieltes Handeln den Infarkt der Stadt verhindern kann. So hat man sich 2002 entschlossen, einen neuen Masterplan bis 2006 aufzustellen. Verstärkt sichtbar wird der Wunsch nach Qualität bei Planung und Bau. Der Iran möchte wieder Anschluss an die Entwicklung finden und in der internationalen Liga mitspielen. Mit dem Bau des Internationalen Kongress-Zentrums mit 600 Sitzen für die Konferenz der Islamischen Staaten in nur sechs Monaten hat man einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt. Da die Konkurrenz in der Region sehr stark ist – der Internationale Flughafen von Dubai entwickelt sich statt des Teheraner Flughafens zur Ost-West-Drehscheibe und in den Vereinigten Arabischen Emiraten entstehen High-End-Luxusanlagen – soll Teheran fit gemacht werden im Wettbewerb um die wirtschaftliche Vormachtstellung in einer globalisierten Zukunft.
Zwei Beispiele illustrieren die neu entstehende Planungskultur. Im Nordwesten der Stadt wird bis 2009 ein multifunktionaler Gebäudekomplex, das Ati-Center, mit 410 000 m2 Geschossfläche entstehen. Dafür wurde 2004 ein internationaler Wettbewerb ausgelobt, es ging um Import von Know-how und internationales Renommee. Eine andere Strategie wählte man für einen Technologiepark, der mit jungen einheimischen Architekten auf hohem gestalterischen Niveau entwickelt wird (db 6/05).
Das Ati-Center wird von Ati-Saz, einer halb-staatlichen Institution für Großwohnungsbau, als kommerzielles Projekt auf internationalem Standard geplant und finanziert. Ca. 300 Mio. Euro sollen investiert werden. Neben einer Mall mit 190 000 m2 sind Büros, Wohnungen, ein Freizeit- und Erlebnis-Center sowie ein 5-Sterne-Hotel geplant. Der Standort mit insgesamt 70 000 m2 (eine sonst in Teheran kaum noch vorhandene Flächengröße) ist gut gewählt. In vier Richtungen sind Stadt-Autobahnen nicht weit, im Norden schließt ein sechs Hektar großer Park an. Der Stadtteil Sharake Gharb wurde in den siebziger Jahren verstärkt besiedelt und ist ein attraktives Wohnviertel mit hohem Einkommensniveau und sehr guten Einkaufsmöglichkeiten. Eine Metro-Linie wird den Standort in Zukunft anbinden.
Zu dem Wettbewerb waren sieben Teams eingeladen, je ein iranisches Büro mit einem frei wählbaren ausländischen Partner. Der Wettbewerb wurde von Drees & Sommer durchgeführt, die durch den Potsdamer Platz als Vorbild des Projekts ins Rennen kamen. Die Jury sollte international renommiert besetzt sein, jedoch sagten sowohl Zaha Hadid als auch Rem Koolhaas kurz- fristig ab, so dass im Juli 2004 einheimische Architekten den Gewinner kürten. Der erste Preisträger, Gueno Consulting Engineers mit Kirkland Partnership Inc. (Kanada), präsentiert ein visuelles Merkzeichen von 186 m Höhe (43 Geschosse für Hotel und Büros) sowie eine westlich und südlich umschließende Randbebauung von 11 bis 15 Wohngeschossen mit bis zu 64 m Höhe. Dazwischen angeordnet wurden drei Geschosse Mall und Entertainment entlang einer zentralen Achse. Ein öffentlicher Garten soll sowohl ebenerdig als auch auf den Dächern der Mall entstehen. Derzeit wird der Entwurf überarbeitet, über die Projektsteuerung laufen die Verhandlungen. Mit Blick auf die im Juni anstehende Präsidentenwahl wird zurzeit in Iran zurückhaltend agiert, bis die künftige Politikrichtung absehbar wird. Ein spektakuläres Ati-Projekt schlagen Prof. Jodat mit Coop Himmelb(l)au vor, der höchste von drei Türmen soll 212 m messen und ist skulptural geformt. Dies war aber wohl den lokalen Baustandards nicht zuzutrauen, somit wurde ihm nur der dritte Platz zuteil. Christina Thum, Abbas Shirazi
Die Autoren sind Stadtplanerin und Architekt und leben in Stuttgart.
Die Förderung kreativer junger iranischer Architekten im eigenen Land wird am Beispiel des Technologieparks Pardis vor den Toren Teherans in db 6/05 vorgestellt.