das Europäische Kulturerbejahr – vergebene Chancen

Etwas mit Europa

Schon gehört? Schon gelesen? Europa feiert »ECHY«, das European Cultural Heritage Year 2018 – auf Beschluss von Europarat und Europaparlament. Und als vorbildliche Europäer haben sich die deutschen Organisatoren auch gleich noch ein internationales Verständigungsmotto gegeben, das bewusst vieldeutig ist: Sharing heritage. Auch davon noch nichts gehört? Keine Sorge, Sie haben noch nicht viel verpasst – außer Sonntagsreden in Zeiten europäischer Krisen, die das große Gemeinsame in Sachen Kultur beschwören.

~Ira Mazzoni

Zum Auftakt des Jahrs bescherte ECHY der Europäischen Gemeinschaft ein neues deutsches Lehnwort: Baukultur! Auf hohe Qualität beim Bauen haben sich die Kultusminister der Mitgliedstaaten in Davos kurz vor dem Weltwirtschaftsgipfel verständigt (s. db 4/2018, S. 3). Dabei sollen beim Bauen idealerweise kulturelle Werte mehr zählen als kurzfristige wirtschaftliche Ziele. Dass zur Baukultur u. a. auch Baudenkmale (monuments) zählen, wird nur an einer einzigen Stelle explizit angesprochen. Ansonsten heißt es lakonisch, die Art und Weise, wie wir unser kulturelles Erbe nutzten, unterhielten und schützten, sei wesentlich für die zukünftige Entwicklung einer qualitätvollen gebauten Umwelt. Das ist nicht mehr als eine Binsenweisheit, aber kein sonderlich starker Appell, sorgsam mit dem Erbe umzugehen.

Warum darf das Europäische Kulturerbejahr hierzulande nicht wie 1975 nachdrücklich als Denkmal-Jahr firmieren? Wird mit der Konzession an die EU-Terminologie der unbequeme Denkmalbegriff entsorgt? Wird mit der zunehmenden Vermeidung des Worts »Denkmal« etwa auch der vorrangige Erhaltungsauftrag dem Zeitgeist geopfert? Warum wird in Zeiten, in denen die res publica privaten Interessen preisgegeben wird, der Auftrag an die Denkmalpfleger, veritable Geschichtszeugnisse zu erschließen, in ihrer Gegenwärtigkeit zu vermitteln und als Denk-Male, sprich widerständige Orte zum Nachdenken zu erhalten und zu tradieren, nicht mit einem nachdrücklich starken Mandat versehen? Warum wird nur vom Entwickeln und kaum noch vom Bewahren gesprochen, wenn es um Baukultur geht?

40 Jahre liegt nun das erste Europäische Denkmalschutz Jahr zurück, an dessen Erfolg das von der Europäischen Kommission, dem Parlament und den EU-Mitgliedstaaten ausgerufene Kulturerbejahr anknüpfen soll. 1975 hatten sich 23 Staaten – darunter auch die Türkei – auf die kämpferische Formel »Eine Zukunft für unsere Vergangenheit« geeinigt. Eine gemeinsame Ausstellung tourte durch 32 Städte. Die Kapitalismuskritik war grundsätzlich. Erstmals wurde das Bauen als Umweltzerstörung angeprangert. Erstmals eine »Kultur des Bewahrens« ganzheitlich gedacht. Denkmalpflege formierte sich als »sozialbewusste und urbane, auf die Zukunft der Bürger und der res publica gerichtete« Bewegung.

In Zeiten von Boden- und Wohnraum-Spekulation hat der Aufruf von 1975 heute mehr Brisanz denn je. Maßlose Infrastruktur frisst alte Kulturlandschaften. Historische Ortskerne verwandeln sich in Wüstungen, während am Siedlungsrand weiter sogenannte Traumhäuser geklotzt werden. Kirchen werden geschlossen oder abgerissen, weil sich der Bauunterhalt und die Gemeindearbeit nicht rechnet. Aber für denkmalentstellende Modernisierungen hat die Kirche dann hie und da doch genügend Mittel und Macht. Klöster, die einmal zivilisatorisch bildend wirkten, stehen zum Verkauf, während anderswo mieseste Unterbringungen für Hilfe- und Pflegebedürftige aufgestellt werden. Der Bauboom in den Großstädten minimiert denkmalgeschützte Freiräume und bedroht die Wirkmächtigkeit der Baudenkmale durch rücksichtslose Nähe. Das baukulturelle Erbe wird entwickelt, gestaltet, ausgehöhlt und verbraucht oder eben einfach liegengelassen.

Hierzulande ist das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz für die Koordination aller Aktivitäten verantwortlich. Programmatisches wurde nicht geleistet, stattdessen hat die Organisation ein digitales Schwarzes Brett im World Wide Web eingerichtet (www.sharingheritage.de), an das Vereine und Vereinigungen, Bürgerinitiativen und Stiftungen, Behörden und Kulturinstitutionen unter den gesetzten »Leitthemen« wie »Austausch und Bewegung« oder »Grenz- und Begegnungsräume« ihre Veranstaltungszettel hängen durften. Da brav europäisch jetzt von »heritage«, also jedem kulturellen Erbe – sei es literarisch, musikalisch oder theatral – die Rede ist, ergibt sich ein beliebiges Veranstaltungskaleidoskop. 40 bundesweit relevante Projekte werden aus dem Etat der Kulturstaatsministerin gefördert. Dazu gehört »Big Beautiful Buildings«, ein Projekt der Technischen Universität Dortmund und der Stadtbaukultur NRW, das versucht, für die diffamierten Bauten der Boomjahre durch Inszenierungen vor Ort, Netzpublikation, Foto-Ausstellung und Symposion Verständnis zu wecken. Wäre das gesamte Europäische Kulturerbejahr den von Vernachlässigung, Überformung, Verdichtung und Abriss bedrohten Schulen, Universitäten, Verwaltungen, Kaufhäusern und Siedlungen der 60er und 70er Jahre gewidmet worden, es wäre ein starkes Plädoyer für die Nachkriegsentwicklung europäischer Städte gewesen. Eine Chance, wie sie das Jahr 1975 für die Gründerzeitquartiere bot. Wäre es nicht angesichts neuer Kriege an der Zeit gewesen, die Leistungen des Wiederaufbaus architektonisch, städtebaulich und sozial zu würdigen? Als Zeichen einer ersten langen europäischen Friedenszeit und ihrer Zukunftseuphorie?

Die Autorin arbeitet als freie Fachjournalistin und Architekturkritikerin.