Erinnern bedeutet: Denken in Räumen

Zur Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums München darf man erneut danach fragen, auf welche Art Deutschlands dunkle Vergangenheit zu bewältigen sei.

~Christian Marquart

Hier ein paar Rezepte: Erinnerungsorte schaffen wie das Berliner Holocaust-Mahnmal, zu dem man »gerne geht«, wie Kanzler Schröder es formulierte. Im Kino lachen, wenn Woody Allen sich sagen lässt: »Wenn ich Wagner-Opern höre, möchte ich sofort in Polen einmarschieren«. Gemeinsames Naserümpfen über eine Äußerung von Franz Josef Strauß, der 1969 über die Deutschen sagte: »Ein Volk, das diese volkswirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.«
Wer das war, dieser Strauß? Ach, so ein umstrittener CSU-Politiker, über Jahrzehnte hinweg Alleinherrscher im Freistaat. Und mit dem Stichwort Bayern sind wir beim Thema. Anfang Mai wurde in München ein »NS-Dokumentationszentrum« eröffnet – mitten in jener Stadt, in der die NSDAP gegründet und die deshalb von Adolf Hitler später »Hauptstadt der Bewegung« genannt wurde. Gründungsdirektor des Hauses ist Winfried Nerdinger (emeritierter Architekturhistoriker der TU München, auch erster Leiter des dort angedockten Architekturmuseums); die Adresse Brienner Straße 34 liegt in der Maxvorstadt, welche die aufstrebende Nazi-Partei zu Beginn der 30er Jahre zu ihrem Hauptquartier umfunktionierte, mit dem sogenannten »Braunen Haus« als Kernzelle.
Um dieses herum entstanden die ersten NS-Prunkbauten überhaupt. Ausgerechnet die größten davon – der »Führerbau« und sein Gegenstück, der »Verwaltungsbau« der NSDAP mit seiner 8-Mio.-Mitgliederkartei – überstanden den Luftkrieg, sodass es eine gute Idee war, das neue NS-Dokumentationszentrum inmitten dieses »braunen« Freilichtmuseums zwischen Königs- und Karolinenplatz exakt auf der Parzelle des von Bomben zerstörten »Braunen Hauses« abzusetzen: einen auffällig weißen Baukörper mit großen, doppelgeschossigen Fenstern, deren Öffnungen übereck mit senkrechten Stäben grafisch gegliedert sind. Minimalistische Form, wenig Gestaltung, Sichtbeton in gewolltem Kontrast zu den neoklassizistischen Natursteinfassaden der benachbarten Nazi-Architektur. Von der Architekturkritik notabene teils wohlwollend, teils mit Unbehagen aufgenommen. Gleich vor der Haustür die zwei Fundamente jener 1947 gesprengten »Ehrentempel«, die der »Führer« für sogenannte Blutzeugen errichten ließ, die als Hitlers Parteikameraden bei seinem dilettantischen Putschversuch 1923 vor der Feldherrenhalle ums Leben kamen.
Als »heimliche Hauptstadt« hat München jüngst an Boden verloren. Als Geschichtsparcours dagegen an Bedeutung gewonnen, seit Historiker ihr Augenmerk stärker auf die sozialpsychologischen Aspekte der sprunghaften Selbstradikalisierung einer Nation richten – die eben in Bayern, in München ihren Anfang nahm, wo nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg reaktionäre Militärs, eine ultrakonservative Bürgerelite und dumpfe Rassisten in Lederhosen unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen eine brisante Mischung bildeten.
Lässt sich nach 70, 80, 90 Jahren solch ein Szenario noch plausibel vermitteln? Wie kann man, demnächst ganz ohne »Zeitzeugen«, diese historische Perspektive im Gedächtnis der Jüngeren verankern? Wir wissen von einem Schüler, der – kein Witz! – beim Thema »20. Juli 1944« die damals blockierte Kommunikation zwischen den Widerständlern in Berlin und dem Attentäter, der gerade in Hitlers Hauptquartier »Wolfsschanze« seine Bombe gezündet hatte, das Problem sinngemäß so kommentierte: »Warum hat Stauffenberg nicht gleich auf dem Rückweg seinen Kameraden die Lage per Handy geschildert?«
Heute weiß man, dass das menschliche Gehirn quasi-räumlich funktioniert. »Gedächtniskünstler«, die große Informationsmengen erinnern, speichern Zahlen und Begriffe in virtuellen Raumfolgen ab und rufen diese im geistigen Durchlauf des so verbildlichten Parcours wieder ab. Das Denken erfolgt in Analogien architektonischer Ordnungsprinizpien; es sei »topologisch« strukturiert, sagt Winfried Nerdinger. »Wir erinnern uns besonders gut an Dinge, die wir mit einem Ort verknüpfen können.«
Die Geschichte der »Hauptstadt der Bewegung«, gespiegelt in einem Netz authentischer Orte – von den Bierkellern, in denen sich brauner Pöbel sammelte, über Zwangsarbeiterlager bis hin zum Königsplatz, wo NS-Aufmärsche stattfanden: Das NS-Dokumentationszentrum bietet neben Ausstellung und digitalem Lernzentrum auch eine »App« an, die München-Flaneure zu mehr als 100 solcher »Täter«-Orte führt.
Lobenswert. Aber man muss sich weit durch das mächtige Begleitbuch der Dauerausstellung (sie besteht nur aus reproduziertem Material) des Hauses arbeiten, bis ein ähnlich angelegtes Geschichtsprojekt wenigstens nebenbei erwähnt wird, das in München aber auf Ablehnung stieß: die »Stolpersteine« des Künstlers Gunter Demnig, mit denen er in europäischen Städten die letzten Wohnorte von NS-Opfern vor ihrer Deportation und Vernichtung markiert. Das Haus des NS-Dokumentationszentrums ist Münchens einziger Stolperstein – im Riesenformat.
Ebenfalls auf authentische Orte Münchens beziehen sich die »Memory Loops« der Medienkünstlerin Michaela Melián. 475 Tondokumente, die den NS-Terror beleuchten, sind hinterlegt auf einem digitalisierten Stadtatlas: Collagen aus Stimmen und Musik, abrufbar unter www.memoryloops.net. Per App kann man also mit dem Smartphone ergänzend zur Täter-Topographie eine Stadtlandschaft der Opfer erkunden.
Im NS-Dokumentationszentrum findet sich aber (noch) kein Hinweis darauf. Zufall, Nachlässigkeit oder Konkurrenzneid?
Der Autor ist freier Publizist. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Er lebt in Stuttgart.