Stadtentwicklungsprojekte in Teheran – Teil 2

Endogene Potenziale

Verwaltung und Gesellschaft im Großraum Teheran beginnen, ein Qualitätsbewusstsein in Bezug auf die gebaute Umwelt zu entwickeln. Die Gründe für mangelnde entwurfliche und bautechnische Qualität werden diskutiert und Lösungswege nicht nur erarbeitet, sondern auch schrittweise in die Tat umgesetzt. Dem Pardis Technologie Park kommt dabei eine Vorreiterrolle zu. Durch gezielte staatliche Lenkung und ein ausgeklügeltes Wettbewerbswesen erhalten hier auch junge Architekten eine Chance, in Konkurrenz zu den großen, etablierten Planungsfirmen ihr Können zu zeigen. Auf Qualität von Entwurf und Ausführung wird dabei großer Wert gelegt – ein Vorbild für so manches bislang planerisch vernachlässigte Gewerbegebiet andernorts.

Entlastungsstrategie 1991 beschloss das Kabinett, Entlastungsstandorte außerhalb der Stadtgrenzen Teherans zu bilden. Einer davon ist Pardis (dt.: Paradies), zwanzig Kilometer nordöstlich der Stadt. Inzwischen leben dort 15000 Menschen; bis 2020 sollen es 200000 sein. Ebenfalls 1991 beschloss das Kabinett, 800 Hektar in Pardis für Erziehung und Forschung zu entwickeln. Ein wichtiger Baustein davon wurde später der zwanzig Hektar große »Pardis Technologie Park« – PTP. Auf siebzig Grundstücken soll ein Hightech-Standort entstehen, an dem sich Technologiefirmen niederlassen und Synergien nutzen können. Die Regierung, genauer, das Technologie-Kooperationsbüro des Präsidenten, beauftragte hierfür 1999 das private »Entwicklungs- und Forschungszentrum« Tousee Kalbodi als Projektmanager mit Standortsuche, städtebaulichem Entwurf, Planung der Infrastruktur sowie Parzellierung. Im Jahr 2000 fiel die Standortentscheidung, wobei die Nähe zum Zentrum der neuen Stadt Pardis, zur im Bau befindlichen Universität und zu weiteren Industriegebieten maßgeblich war. Zu den Vorzügen des Ortes gehören außerdem die Anbindung an eine in nächster Zeit fertig gestellte Autobahn, die gute Aussichtslage und, verglichen mit Teheran, das um vier bis fünf Grad kühlere Klima. Im Jahre 2001 wurde die PTP-Entwicklungsgesellschaft gegründet und eine »Charta PTP« aufgestellt. Im Original liest sich deren Mission etwa folgendermaßen: »Der PTP wird eine intellektuelle Familie sein, deren Mitglieder vor allem wegen ihrer Familien-Kultur bekannt sein werden. Diese Kultur, die unsere kollektive Identität repräsentiert, wird durch unsere gemeinsamen Werte in dieser Charta definiert. Mit Gottes Hilfe können wir diese herausragende Kultur schaffen und werden ihr verpflichtet sein.« Die PTP-Entwicklungsgesellschaft erstellt für den Technologiepark die notwendige Infrastruktur wie Strom, Telekommunikation, Wasser, Abwasser und Straßen. Investoren, deren fachliche Ausrichtung mit den Zielen des Hightech-Parks harmoniert, können die Grundstücke zu günstigen Preisen erwerben, müssen sich jedoch hohen Qualitätsanforderungen unterwerfen.
Qualitätsmerkmale Mit dem Ziel, junge viel versprechende Architekten und architektonische Qualität zu fördern, wurde 2002 innerhalb des Tousee Kalbodi das »Zentrum für Architekturentwicklung« Roshde Memari gegründet. Der Leiter, Seyed Reza Hashemi, war langjähriger Stellvertreter des Ministers für Wohnen und Städtebau und ist Mitgründer zweier Architekturzeitschriften, »Memar« und »Abadi«. Die Initiative wird von den politischen Verantwortlichen unterstützt. Somit kann der PTP als Initialprojekt des Roshde Memari mit offizieller Billigung seine Vorbildwirkung entfalten. Die Käufer der Grundstücke wurden verpflichtet, mit Architekten unter vierzig Jahren zusammenzuarbeiten. Die Auswahl geeigneter Büros erfolgt in einem Bewerbungsverfahren durch die fünfköpfige Jury des Roshde Memari und hat Empfehlungscharakter. Führen die Investoren weitere Architekten ins Rennen, werden diese vom Roshde Memari begutachtet. Die Architekten erarbeiten zunächst einen Vorentwurf, der vom Roshde Memari betreut und gegebenenfalls korrigiert wird. Daraufhin wird der Entwurf überarbeitet und kann anschließend von der Jury eine offizielle Zustimmung erhalten. Dann wird bei der Stadtverwaltung die Baugenehmigung beantragt, welche ohne die Zustimmung des Roshde Memari nicht erteilt wird. Alle vier bis fünf Monate werden Architekten wie auch Auftraggeber für die besten der aktuellen Projekte mit Preisen ausgezeichnet. Seit Kurzem sind alle Grundstücke vergeben und beplant. Die Infrastruktur ist mittlerweile weit gehend fertig gestellt, 25 Gebäude befinden sich bereits im Bau.
Entstehender Wettbewerb Die Vorzüge der Preisträger aus den ersten Zwischenrunden sprachen sich bei den Bauherren schnell herum und weckten Begehrlichkeiten. Damit die angestrebte Vielfalt weiterhin gewährleistet bleibt, darf jedes Büro nur maximal fünf Aufträge im Gebiet erhalten und davon wiederum nur zwei gleichzeitig bearbeiten. Unter den Architekten entwickelte sich ein Wettbewerb, im Zuge dessen sich die Qualität der Projekte so sehr verbesserte, dass in der vierten Runde zehn von 15 Projekten prämiert werden konnten. Die Bauherren lernten, die Hilfestellung des Roshde Memari schätzen. Nicht selten fiel nach der Besprechung des Vorentwurfes die Wahl auf einen anderen Architekten als den bis dahin favorisierten. Kriterien bei der Beurteilung sind vorwiegend städtebauliche, wie Positionierung und Sich-Einfügen in die (zukünftige) Umgebung; der Masterplan macht hierzu konkrete Vorgaben. Ebenso wird auf das Raumprogramm, den Zuschnitt der Nutzungseinheiten, die Belichtung, … geachtet. Um eine hochwertige Bauqualität sicher- zustellen, wurde vor Ort im PTP ein Überwachungszentrum eingerichtet. Ein Bauingenieur, ein Architekt und ein HLS-Ingenieur überwachen den Baubetrieb und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Auch die beauftragten Baufirmen werden vorab von der Jury des Roshde Memari zugelassen. In absehbarer Zeit wird sich der PTP zu einem qualitativ hochwertigen Gewerbegebiet entwickeln – im Iran bislang eine Einzelerscheinung. Für den PTP wird eine eigene Zeitschrift herausgegeben; die Website www.techpark.ir wirbt für den Park mit dem Schlagwort »Iran Silicon Valley«.
Weitere Schritte Die Verantwortlichen sind mit dem Projekt bislang sehr zufrieden, auch wenn unter den Bauherren Stimmen laut wurden, die hochwertigen Architektenleistungen seien zu teuer (der HOAI vergleichbare Regelungen gibt es nicht). Dies konnte das Roshde Memari jedoch als »Missverständnis« ausräumen. Einige der beauftragten Büros erwiesen sich angesichts der Projektgröße als personell überfordert. Zukünftig soll frühzeitig mit den Bauherren die finanzielle Seite und mit den Büros die Leistungsfähigkeit geklärt, das Vorgehen insgesamt klarer kommuniziert werden. Der Andrang der Architekten beim Roshde Memari ist mittlerweile enorm, so dass lange nicht alle viel versprechenden Büros zum Zuge kommen. Einigen erwuchsen aus der Bewerbung aber Aufträge von größeren Wohnungsbaugesellschaften. Das »Entwicklungs- und Forschungszentrum« Tousee Kalbodi ist zudem derzeit mit der Entwicklung von 5000 Wohneinheiten in der Stadt Mashad beauftragt sowie mit der Planung eines noch wesentlich größeren Technologieparks in Isfahan. Beide Projekte sollen ebenfalls in der geschilderten Weise durchgeführt werden. Sicherlich sind dies erst zögerliche Ansätze einer bislang unterentwickelten Planungskultur, jedoch wäre auch in Deutschland ein derart gezielter Aufbau von jungen Büros wünschenswert.
Christina Thum, Stadtplanerin in Stuttgart Abbas Shirazi, Architekt in Stuttgart