»Lücken« in der Straßenfront, Konglomerate aus historischen An-, Um- und Weiterbauten wie das Haus in der Bäumleingasse 14 (S. 51) fordern klare architektonische Stellungnahmen Titelbild: Basler Denkmalpflege, Foto Krayer, 1984

Einfach Schwarz

Schwarz war die heilige Farbe des abstrakten Expressionismus. Das Haus der Kunst in München wird dieser strengen Malerei des Sublimen ab Mitte September eine große Ausstellung widmen: Robert Rauschenbergs erste Serie von 1951, Ad Reinhards konzentrierte Ausschließlichkeit ab 1956, Mark Rothkos Verdunklung ab 1957 werden sicher ein großes Publikum in die Ausstellungshalle locken. Während die hehren Bilder der New York School nahezu sakrale Verehrung genießen, wird die äquivalente Architektur diskreditiert. Sperrig sei sie, abweisend, einfach zu schwarz! In München erregt sich die Architektenschaft über den bevorstehenden Abbruch des von Herbert Groethuysen, Detlef Schreiber und Gernot Sachsse in den Jahren 1963 –70 errichteten Verwaltungsbaus der Süddeutschen Zeitung. Der breit gelagerte, fünfgeschossige Stahlskelettbau mit vorgehängter, schwarz eloxierter Aluminium-Glasfassade zeigt zwar das gleiche Profil wie die berühmten Bauten Mies van der Rohes, genießt aber bei Weitem nicht das Ansehen der Vorbilder. Die distinguierte Front, die sich mit kühler Gelassenheit vor die heterogene Hofbebauung stellt und dem Verlag ein prononciert weltmännisches Aussehen verleiht, wird von vielen Münchnern immer noch als Fremdkörper empfunden. In der bayerischen Metropole ist dieses Werk des International Style singulär. Vergleichbares ließ sich allenfalls der Siemens-Konzern bauen: von Peter C. Seidlein 1963 – 66 in Saarbrücken. Während der Saarbrücker Bau unter Denkmalschutz steht, fand die Architektur von Groethuysen, Schreiber und Sachsse zwar beim Bayerischen Landesamt eine gebührend positive, denkmalwerte Beurteilung, konnte aber im Zuge einer politisch gebremsten Unterschutzstellung von Nachkriegsbauten nicht frühzeitig in die Liste aufgenommen werden. 1993 schien die Eintragung noch nicht möglich, weil der Bau kaum als historisch eingestuft werden konnte. Jetzt verbietet es sich mit einem Nachtrag in das laufende Planverfahren einzugreifen. Gleichwohl wird sich der Denkmalrat im Oktober mit dem Fall befassen, wenn die Ergebnisse des laufenden Wettbewerbs vorliegen.

Die Diskussion kommt zu spät. Schon als sich der Verkauf des gesamten SZ-Stammgeländes inmitten der Münchner Altstadt abzeichnete, hätte es einer breiten öffentlichen Auseinandersetzung über die Qualitäten und Potenziale der vorhandenen Baugruppen bedurft. Welche Art Stadt möchte man eigentlich? Was lässt sich nachhaltig aus dem Bestand entwickeln? Und vor allem, welchen historischen, ästhetischen und städtebaulichen Wert hat der schwarze Verwaltungsbau? Die Antworten auf diese Fragen hat man letztlich an die Investoren delegiert, die sich auf Festlegungen des Stadtrates beziehen können, die bis ins Jahr 1996 zurückreichen. Damals hätte es des Widerspruchs bedurft. Bis zum tatsächlichen Verkauf des Geländes an die LEG Baden-Württemberg im Jahr 2004 und den endgültigen Grundsatzbeschluss des Stadtrates vom 17.5.2006 hätten die Münchner Zeit gehabt, das Ensemble zu bewerten. Dabei hätte über den Einzelfall hinausgehend die ungeliebte und unverstandene Sechziger-Jahre-Architektur ins Zentrum der Debatte gestellt werden müssen. Immerhin wagte der Verband Deutscher Kunsthistoriker im März 2005 im Rahmen seiner Jahrestagung einen entsprechenden Vorstoß – ohne große Resonanz. Jetzt gegen die Bedingungen des Wettbewerbs zu opponieren, scheint aussichtslos. Ziel der Umstrukturierung ist es, einen »attraktiven neuen Ort mit ›Magnetfunktion‹ zu entwickeln«. Schon 1996 bekundete die Stadtbaurätin dem besorgten Architekten Detlef Schreiber, der Verwaltungsbau sei dabei ein »Hindernis«. In den Wettbewerbsunterlagen heißt es, der so genannte Schreiberbau beeinflusse den »städtebaulichen Gesamteindruck eher negativ«. Am Färber- graben ist daher ein »einladendes Portal« für eine neue Flaniermeile vorgesehen. »Es gelten die Schlagworte Licht, Höhe, Weite und Variabilität«. Das Projekt kann nur am Färber- graben effektvoll in Szene gesetzt werden. Alle anderen Fronten sind denkmalgeschützt. Man darf gespannt sein, welche Vorschläge die 13 geladenen Architekten machen werden. Welchen Verlust das Neue bedeutet, wird sich erst spät zeigen. Bei schwarzen Bauten muss man eben wie bei schwarzen Bildern genau hinschauen, um ihre Schönheit zu erkennen. Und zur genaueren Betrachtung fehlte dem Bau das Umfeld: Postparkplatz und Großgarage, Rückseiten und Abseiten schaffen eben keinen Ehre gebietenden Raum, wie er vor dem ikonischen Seagram Building 1958 von Mies van der Rohe gestaltet wurde. Ira Mazzoni