Eine Tempelhalle für Berlin

~Nikolaus Bernau

Seit Jahren ringt David Chipperfield um die Inszenierung des Auftakts zum »Schnellrundgang« durch das Pergamonmuseum sowie den Zugang zur »Archäologischen Promenade« in den Sockel- und Tiefgeschossen der Museumsinsel. Er begann 1993 mit einem transparenten »Schneewittchensarg«, der brillant die Tradition des Neuen Museums fortsetzte, technikgeschichtlich und ästhetisch den Zeithorizont zu markieren, ging über eine Reihung etwas hilfloser, nur die Funktion Eingang umhüllender diaphaner Würfel 2001 bis zur jetzt vorgelegten Wandelhalle. Auf einem kraftvoll geschlossenen, direkt aus dem Kupfergraben aufsteigenden Sockel, dessen Höhe sich am Pergamonmuseum orientiert, soll eine lichte Halle entstehen: Hyperschlanke Stäbe umhüllen, einem zarten Vorhang gleich, ein tief im Schatten liegendes Café und eine zum Lustgarten hin geöffnete Estrade. Über eine breite Treppe steigt man zu diesem Stadtbalkon auf, Tag und Nacht werden er und das Café zugänglich sein. Zum Neuen Museum hin entstehen Kolonnadenhallen um einen schmalen neuen Hof, der Abstand schafft, so dass die Westfassade des Neuen Museums von der Schlossbrücke aus fast vollständig sichtbar sein wird. Eine Architektur mit vielen Bezügen: Man erinnert sich an Chipperfields Pfeilerhalle vor dem Literaturmuseum in Marbach – es ist kein Zufall, dass auch dieses von seinen Mitarbeitern Alexander Schwarz und Martin Reichert betreut wurde. Oder Schinkels Treppenhalle im Alten Museum, an den Kolonnadenhof vor der Nationalgalerie und an die grandiose Treppe im Louvre mit der Nike von Samothrake. Vor allem aber schwebt über dieser Anlage die Erinnerung an die Athener Akropolis, an die dramatische Inszenierung von Niketerrasse, Propyläumstreppe, Niketempel und Propyläen. Doch kopiert Chipperfield nicht, er assoziiert. Der Maßstab ist dabei das Neue Museum Stülers, das Pergamonmuseum wird hingegen geradezu in den Hintergrund gedrängt. Manches wird an diesem neuesten Vorentwurf noch zu debattieren sein, vom lächerlich dominanten Hauptaufzug über die Forderung der Museen, den Sockel mit Fenstern zu öffnen (eher nicht). Vor allem aber: Kann dieser Entwurf, der sich im Gegensatz zum ersten »Schneewittchensarg« so gar nicht um Fragen von Ökologie und Energie kümmert, Avantgarde sein?