Eine Insel für das Gute

Eine Insel für das Gute

Wo derzeit in Heilbronn die Bundesgartenschau (BUGA 2019) stattfindet, wird ab 2020 ein Stadtquartier für 3 500 Bewohner mit 1 500 Arbeitsplätzen entstehen – es soll ein beispielgebendes Vorzeigequartier werden. Um diesen Anspruch zu untermauern, wurde ein Teil des Quartiers schon zur Gartenausstellung fertiggestellt. Damit ist man auf dem Weg zum ambitionierten Ziel schon weit gekommen. Es ist aber auch noch Luft nach oben.

~Christian Holl

Kaum eröffnet, werden schon beeindruckende Besucherzahlen vermeldet: 100 000 Menschen kamen am ersten Wochenende; mit 65 000 Dauerkarten hat man das gesteckte Ziel von 35 000 schon fast zweimal erreicht. Zwar geht es auch bei der Heilbronner Bundesgartenschau schon längst nicht mehr lediglich um eine erfolgreiche Ausstellung, die Hauptsache ist auch hier, wie in vorangegangenen BUGAs, die langfristige Stadtentwicklung, die man mit dem Ereignis vorantreiben kann. Doch ist der Erfolg der Gartenschau für die Stadt am Neckar keine Marginalie: Er soll zur Finanzierung der Kosten beitragen, die insbesondere für die Aufbereitung und langfristige Umgestaltung des Ausstellungsgebiets nötig waren. Zudem soll die Gartenschau die Stadt nach außen hin repräsentieren, und sie dient dazu, die Veränderung der Stadt der Bevölkerung zu vermitteln. Mit einem intensiven Programm hat man klug und vorauseilend vermieden, dass sich Unmut entzündet, auch wenn man im Nachhinein meinen könnte, dass das Risiko überschaubar gewesen sein muss, nicht zuletzt, weil die BUGA-Entwicklung sich in die zielstrebig seit einigen Jahren verfolgte Stadterneuerung fügt, von der Heilbronn sichtbar profitiert hat. Eine Mitte der 90er Jahre eingeführte Stadtbahn hat die Verbindung ins Umland erheblich verbessert, ein Platz am Bollwerksturm und eine Sonnenterrasse am Neckar bieten innenstadtnah Orte zur Entspannung, der neue Bildungscampus (siehe db 4/2017, S. 34) ist nicht weit.

Sprung nach vorne

Wer heute das Areal im Norden des Hauptbahnhofs durchstreift, sollte sich vor Augen halten, wie es hier vor gut zehn Jahren noch ausgesehen hat. Eine mit 30 000 Fahrzeugen am Tag stark frequentierte Bundesstraße führte an einem Industrieareal entlang, das der Öffentlichkeit kaum zugänglich war. Historische Hafenbecken hatte man im Laufe des 20. Jahrhunderts dafür zugeschüttet. Zuletzt war die kleinteilige industrielle Nutzung dieser stadtnahen Lage nicht mehr angemessen.

Vor etwa 20 Jahren wurde die Idee geboren, eine Bundesgartenschau als Katalysator für die Entwicklung des etwa 40 ha großen Areals zu nutzen, wenig später konnte es die Stadt erwerben. Schon in frühen Konzepten findet sich die Idee, das Gebiet durch eine geänderte Verkehrsführung von der Belastung durch die Bundesstraße zu befreien und damit auch die Trennung vom Fluss aufzuheben.

Den städtebaulichen Ideenwettbewerb hatten 2009 Steidle Architekten gewonnen, darauf aufbauend waren 2011 die Planer Machleidt und Partner mit Sinai Landschaftsarchitekten, beide aus Berlin, im Realisierungswettbewerb erfolgreich.

Der darauf aufbauend entwickelte Plan für das Quartier, das nun Neckarbogen genannt wird, sieht vor, dass sich die Bebauung um teilweise wieder freigelegte Hafenbecken legt. Bänder mit unterschiedlich stark aufgebrochenen Blockstrukturen bilden eine dreischenklige städtebauliche Figur.

Im Nordwesten sind diese am Leitbild des Städtebaus aus dem 19. Jahrhundert orientierten Blöcke am stärksten aufgelöst, es ist der von Stadt und Bahnhof am weitesten entfernte, für Wohnnutzungen attraktivste Teil. Direkt hinter dem Bahnhof, im Süden, ist die Blockstruktur an einem Boulevard aufgedoppelt. Über diesen wird das Quartier erschlossen, an seiner südlichen Seite wird in Zukunft das Gewerbe dominieren. Bislang wurde sehr darauf geachtet, dass in den EGs der schon errichteten Häuser Gewerbeflächen angeboten werden. Das lässt sich bereits besichtigen, denn für die Bundesgartenschau ist ein erster Teil des Quartiers errichtet worden: An dessen Ostrand sind inzwischen eine Jugendherberge und 22 fünf- bis neungeschossige Häuser für etwa 800 Bewohner fertiggestellt; sie bilden das Rückgrat des Gartenschaugeländes und sind als Stadtausstellung dezidiert Teil des BUGA-Programms.

Von Anfang an die Zukunft im Blick

Konsequent ist das Gartenschauareal auf seine zukünftige Nutzung hin ausgerichtet. Ein hoher Wall im Norden schützt vor den dahinter liegenden Industriebereichen am Neckarkanal, in alle Richtungen sind mit Brücken und Wegen, teilweise am Wasser entlang, Verbindungen in die angrenzenden Stadtteile angelegt, mit Sitzbänken, kleinen Plätzen, Treppenanlagen, Spielplätzen und einem Kletterfelsen sind die Voraussetzung für ein Quartier geschaffen, von dem alle Heilbronner dauerhaft profitieren können. Dort wo sich später die Bebauung fortsetzen wird, sind für die BUGA leicht reversible Freiflächen geschaffen worden.

In einem von zwei Teilen werden in kleinteiligen Kabinetten all die Themen aufgegriffen, die sich über Gärten so angenehm reibungsfrei vermitteln und inszenieren lassen. Im anderen Teil, der nach 2019 bebaut werden soll, ist eine an Dünen erinnernde Großform aus grasbewachsenen Erdwällen angelegt worden. Beeindruckende, computerbasiert entworfene und robotergestützt gefertigte Pavillons zweier Institute der Universität Stuttgart demonstrieren hier, was zeitgemäße Technik an Raumerlebnissen hervorbringen kann.

Was bislang in der Stadtausstellung an Haustypen und Architektur zu sehen ist, wurde durch ein von einer Baukommission begleitetes Konzeptverfahren bestimmt: Im Investorenwettbewerb ging der Zuschlag an jene Projekte, die hinsichtlich Architektur, Mischnutzung, Nutzungsflexibilität, Energiekonzept sowie der Kombination von Eigentums- und Wohnformen am meisten überzeugte. 50 % der EG-Fläche sind Gewerbe oder Geschäften vorbehalten, Eigentums- und Mietwohnungen sind in etwa gleicher Anzahl verwirklicht.

Von allem ist etwas zu finden: Inklusives Wohnen, eine integrierte Kindertagesstätte, Mehrgenerationenkonzepte, Angebote für Studierende, hochpreisiges und gefördertes Wohnen, Baugruppen: außerdem Holzhybridbauweise, Infraleichtbeton, Betonfertigteile mit grafischen Elementen (Grafic Conrete), Fassadenbegrünung, Holzschindeln und das höchste Vollholzhaus Deutschlands (wenn auch hinter einer Aluminiumfassade versteckt – s. db-Ortstermin am 28.6.2019) – alles in ansprechender Qualität errichtet. Die hier zusammengekommene Mischung wird dem Begriff einer Ausstellung im Sinne eines Modellbauvorhabens gerecht. Die Stadt hat dafür einen hohen Aufwand getrieben, mit Barbara Brakenhoff eigens eine Architektin als Moderatorin und Koordinatorin eingesetzt; die Baukommission trug dafür Sorge, dass die Versprechungen des Vergabeverfahrens auch eingehalten wurden.

Der hohe Anspruch, hier bereits die Vielfalt des zukünftigen Ganzen abbilden zu wollen, führt freilich dazu, dass das Viele arg gedrängt auf wenig Raum zusammengeballt wurde und gestalterisch eher mühsam durch die Strenge des Städtebaus gehalten wird – die Baukörper sind letztlich zu klobig geraten. Vielleicht wäre es für die Zukunft angeraten, die Konzeptverfahren auch für eine freiere Interpretation der städtebaulichen Vorgaben zu öffnen und die Größenzuschnitte der Grundstücke nach oben und nach unten zu variieren, es ließe sich dadurch durchaus noch an architektonischer Eleganz gewinnen.

Die Latte liegt hoch

Auch wenn man nicht auf eine Tiefgarage unter den drei Blöcken verzichten wollte, ist der Anspruch in Bezug auf Mobilität und Energie hoch. Der Stellplatzschlüssel liegt bei 0,6 Parkplätzen je Wohnung. Auf lange Sicht ist ein Modal Split angestrebt, bei dem das Verhältnis von motorisiertem Individualverkehr zu Fußgänger-, Radverkehr und ÖPNV 30:70 betragen soll. Dabei setzt man auf die Qualität von Angeboten, die es leichter machen, das Auto stehen zu lassen, wie z. B. eine vielfältige Flotte an Sharing-Fahrzeugen, Informationssysteme und gut ausgebaute Rad- und Wegenetze. Etwas mehr Mut hätte man sich hier dann aber doch gewünscht. Etwa dazu, die Parkplätze so zu zentralisieren, dass allein schon der Weg vom Pkw zur Wohnung für eine Belebung sorgt.

Die Erschließung ist so angelegt, dass bis auf den Boulevard im Süden das Gebiet nicht von Durchgangsverkehr belastet wird. Blockheizkraftwerke, Photovoltaikanlagen und die Nutzung von Biogas sollen eine zukunftsfähige Energieversorgung gewährleisten; Regenwasser wird von den Gebäuden und Straßen in den zentralen See geleitet und dort mit Retentionsfiltern gereinigt.

Wie sich das Quartier, das einmal 3 500 Menschen beheimaten und 1 500 Arbeitsplätze bieten soll, weiter entwickeln wird, hängt entscheidend davon ab, wie konsequent man die aufgestellten Qualitätsstandards weiterentwickelt und nicht etwa der Versuchung nachgibt, es mit ihnen nach der BUGA und mit sinkender Aufmerksamkeit nicht mehr so genau zu nehmen. Mit Blick auf den städtebaulichen Plan macht die noch nicht befriedigend gelöste Stelle im Westen, wo sich die beiden Bebauungsbänder verschneiden, noch Sorgen. Die Lösung ist vorerst recht stark dem Schematismus der städtebaulichen Idee untergeordnet. Der Übergang der die Figur abschließenden Bebauung in den Grünraum sollte noch sorgfältig überdacht werden, ebenso, ob der für das Ende des Boulevards vorgesehene Platz dort an der richtigen Stelle ist. Im Ganzen ist das Quartier bedauerlicherweise sehr auf eine auf sich selbst bezogene Figur reduziert, die wenig auf die angrenzende Stadt eingeht. Aber nicht nur hier sollten die Überlegungen, die im Wettbewerb von 2009 vorformuliert wurden, weiterentwickelt und mit Wettbewerben oder anderen qualitätssichernden Instrumenten begleitet werden. Denn in dieser selbstbezüglichen Figur drückt sich auch im übertragenen Sinne eine Gefahr aus: Denn entscheidend muss sein, wie das, was hier geleistet wurde, nicht nur zum Vorbild für andere Städte, sondern auch für den Heilbronner Alltag wird. So könnte ein Gestaltungsbeirat ein wichtiges Instrument für die lokalen Diskussionen über Architektur werden, mit Zwischenerwerb und Erbbaurechten könnte die Stadt auch dort Einfluss auf Entwicklungen nehmen, wo das derzeit weniger möglich ist. Das Erbe der verkehrsgerechten Stadt bietet noch an vielen Stellen Chancen, die Stadt um- und weiterzubauen, in den Quartieren und Stadtteilen die Lebensqualität zu verbessern. Anerkennen muss man aber das Wagnis, die Latte selbst hochzulegen. Daran dürfen sich andere Kommunen gerne orientieren.


Der Autor arbeitet als freier Autor und Publizist und ist Geschäftsführer des BDA Hessen.


www.buga2019.de


Die ersten drei Bebauungsblöcke des neuen Quartiers wurden thematisch unterteilt: »Vielfalt der Nutzungen« (mit Kinderhaus), »ganzheitlicher Ansatz« (mit Gemeinschaftsangeboten), »Nutzungsmischung« (mit studentischem Wohnen, Baugemeinschaft und Holzturm)
(c) BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Die ersten drei Bebauungsblöcke des neuen Quartiers wurden thematisch unterteilt: »Vielfalt der Nutzungen« (mit Kinderhaus), »ganzheitlicher Ansatz« (mit Gemeinschaftsangeboten), »Nutzungsmischung« (mit studentischem Wohnen, Baugemeinschaft und Holzturm)
(c) BUGA Heilbronn 2019 GmbH