Ein bisschen was von Jedem

Ein bisschen von Allem

Vordergründig bietet sich die weitgehende Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt als Schauplatz für ideologische Grabenkämpfe an. Doch steckt, wie so oft, der Teufel im Detail: Die Sachlage ist komplexer als allen Beteiligten lieb sein kann und verbietet einfache Antworten auf die alte Frage »In welchem Style sollen wir bauen?«. Vielmehr gilt es, aus dem Projekt nun zügig Lehren für den zukünftigen Städtebau zu ziehen.

~Enrico Santifaller

Die BDA-Ausstellung zum Wohnungsbau »Neue Standards« beschäftigt sich u. a. mit dem »Sozialraum Stadt« und spricht von einem Verständnis von Dichte, das auf »Differenz, Heterogenität und Verschiedenartigkeit städtischer Funktionen beruht und in dessen Zentrum die Bedürfnisse des Menschen stehen«. Diese These ist richtig – und doch ziemlich pauschal. Denn sie könnte auch für die Neue Frankfurter Altstadt gelten. Mehr an Dichte und Heterogenität städtischer Funktionen findet man in keinem anderen Neubauviertel der Mainmetropole. Und hätte das Stadtparlament 2007 entschieden, in der Altstadt einen Anteil von z. B. 30 % geförderten Wohnungen zu bauen, dann wäre in dem neuen Quartier sogar eine soziale Differenzierung möglich gewesen. Hat es aber nicht.

Dennoch, Jochem Jourdan, Grandseigneur unter Frankfurts Architekten, sieht die Neue Altstadt als eine Art »urbanistisches Pilotprojekt«. Er bezieht sich auf die Tatsache, dass seit 1880 jede Generation versuchte, die funktional wie sozial abgehängte Altstadt zu revitalisieren – mit jeweils ganz verschiedenen ideologischen Absichten. Er selbst hatte mit Bernhard Müller 1979 am Wettbewerb zur Schirn Kunsthalle mit einem Entwurf teilgenommen, der die historische Stadtgrundrissstruktur mit zeitgenössischen Inhalten füllte. Die prominent besetzte Jury urteilte damals: Jourdans Arbeit zeige eine »Dimension auf, die ohne falsche Kompromisse einen Weg weist, die Dimension des Geschichtlichen mit neuen Mitteln zu realisieren«. 2005 beim städtebaulichen Wettbewerb für das Areal des technischen Rathauses schlug das Büro wieder eine moderat moderne Bebauung auf Grundlage des historischen Quartiergrundrisses vor, die der Wettbewerbsaufgabe, ein von »altstadttypischer Dichte geprägtes Quartier« zu entwerfen, entsprach. Jourdan errang den 2. Platz – wie schon 1979. Der investorenfreundliche Sieger-Vorschlag von KSP entsprach der Aufgabe nicht und entfachte einen Sturm der Entrüstung, an dessen Ende der Beschluss stand, das Areal zwischen Dom und Römer völlig neu zu ordnen (s. auch Kommentar in db 6/2016, S. 3).

Gewichtung

Modellprojekt, Dimension des Geschichtlichen oder doch nur Vorspiegelung einer heilen Welt und eines historischen Zustands, wie er nie gewesen war? Ein bisschen was von allem.

Man muss sich den damaligen Stadtparlament-Entscheid nach Reihenfolge und Gewichtung der einzelnen Themen genauer ansehen: Zunächst wurde die Wiederaufnahme der historischen Parzellenstruktur beschlossen, die auch die Wiederanknüpfung an das historische Wegenetz und die ebensolche Maßstäblichkeit einbezieht, danach die kleinteilige Mischung mit hohem Wohnanteil sowie soziale und kulturelle Einrichtungen, Gastronomie und Gewerbe. Erst auf die Festlegung, die einzelnen Parzellen in Erbbaurecht zu vergeben, einen Gestaltungsbeirat einzurichten, der eine Gestaltungssatzung vorschlägt, sowie einen Wettbewerb für jedes einzelne Haus auszuloben, folgt der Absatz zur Rekonstruktion von sieben Altstadthäusern im Zustand vom März 1944. Letzterer zog freilich alle Aufmerksamkeit auf sich. Die Reaktionen pro oder contra Altstadt bezogen sich allein auf die Rekonstruktionen, wobei das Stadtparlament schon im Beschluss erwähnte, dass nicht für jede Rekonstruktion eine ausreichende Dokumentation zur Verfügung stehe. Der Beschluss endet mit der Festlegung, über dem Archäologischen Garten mit römischen Bauresten, den Fundamenten der karolingischen Kaiserpfalz und mittelalterlichen Kellern ein »Stadthaus« zu errichten.

So ist die Neue Altstadt für Frankfurt gemäß Parlamentsbeschluss mehr als ein Akt historischer Selbstvergewisserung, es ist v. a. die Schaffung von in Oberflächen, Maßstäben und angenehmen Proportionen sorgfältig ausgeführten, variantenreichen Stadträumen. Von engen Gassen, beschaulichen Plätzen, Hausdurchgängen und Höfen, die man sonst in der Mainmetropole nur noch selten findet und die sogar einstigen Altstadt-Kritikern gefallen. Unterstützt werden diese Stadträume durch belebte EG-Zonen, die auch Service-Einrichtungen einer Kirchengemeinde und eines Seniorenstifts aufnehmen und Zugang zu drei Museen bieten (Struwwelpeter-, Stolzemuseum sowie die OGs der »Goldenen Waage« als Teil des Historischen Museums). Die extra von der Stadt gegründete Dom-Römer-GmbH, Bauherr und Quartiersmanager der Altstadt, vermietet bewusst einen Teil der EGs an solche Laden- und Geschäftsinhaber, die qua Angebot keine hohen Mieten zahlen können.

Herausforderungen

In Bezug auf die Hochbauten hat sich freilich das Stadtparlament selbst ein Bein gestellt. In einem späteren Beschluss einigte man sich darauf, neben den sieben beschlossenen weitere Rekonstruktionen zuzulassen, sofern die zusätzlichen Kosten von privater Seite getragen würden. Da die insgesamt 80 – meist wenig familiengerechten, etwa 7 000 Euro/m2 teuren – Wohnungen der Neuen Altstadt unter den etwa 600 Bewerbern schon verlost wurden, bevor feststand, ob Neubau oder Rekonstruktion, verzögerte sich das Verfahren und verteuerte sich die Realisierung erheblich, weil viele Häuser in zwei Varianten geplant werden mussten. Am Ende wurden 15 Rekonstruktionen und 20 Neubauten realisiert.

Michael Guntersdorf, der Dom-Römer-Chef, nennt die Rekonstruktionen zutreffend »Nachschöpfungen«. Denn für alle Häuser galt die hessische Bauordnung. So war wegen des Brandschutzes in jedem Haus eine Betontreppe vorgeschrieben – auch in den Häusern, die früher nur eine Holztreppe kannten. Wo früher ganze Sockelgeschosse aus Sandstein gemauert waren, stehen nun Betonwände mit Sandsteinbekleidung – selbstverständlich mit einer dazwischenliegenden dicken mineralischen Dämmung, denn auch für die Altstadt gilt der Frankfurter Passivhaus-Beschluss. Um die hohe Dichte zu erreichen, wurde die gesamte Altstadt als ein einziges Gebäude bei der Bauaufsicht eingereicht. Und: Sie steht auf einer Tiefgarage, die nur beschränkte Lasten verträgt, was allenthalben einen kühnen Spagat zwischen Gewichtsreduktion und Einhalten der Normen (z. B. Schallschutz bei Holzdecken) erforderte.

Die Planung und Realisierung jedes einzelnen Hauses erforderte von den 23 Architekturbüros, die in einem Wettbewerb mit Entwürfen für jeweils mehrere Häuser ermittelt wurden, eine Vielzahl von komplexen Entscheidungen – und eine ganze Menge Wissen über historische Baukonstruktionen. Aber nicht jeder Architekt, nicht jeder Fachingenieur, nicht jeder Handwerker ist der erforderlichen Komplexität gerecht geworden. Trotz allen Aufwands, der von der HOAI – das berichten die Architekten unisono – nicht immer gedeckt war. Auch mit der Typologie des Giebelhauses auf der Parzellenstruktur kamen viele Planer nicht zurecht. Das Ergebnis ist eine ganze Reihe handwerklicher Fehler – etwa Granitfensterbänke

im Sandsteinsockel, Details wie falsche Fugenfarben oder die nicht gelungene Integration von Spolien. Entsprechend wirken viele Häuser, ob Neu- oder Nachschöpfungen, ziemlich banal und nichtssagend. Andere dagegen beeindrucken nicht nur durch ihre ästhetische Wirkung, sondern v.  a. durch subtile und für Laien nicht immer lesbare Hinweise auf Brüche und Diskontinuität.

Zeitschichten für Kenner

Für zwei der eindrucksvollsten Häuser des neuen Quartiers, beides Neubauten, war das Berliner Architekturbüro Jordi & Keller zuständig: Das Haus »Großer Rebstock«, Markt 8 [2], in dessen EG sich der Zugang zur U-Bahn befindet, zeigt gut sichtbar einen Fries, für den die Architekten Waschbeton-Fassadenteile des abgerissenen Technischen Rathauses verwendeten. An dessen Standzeit und Grundriss wird auch an anderen Stellen, bei den Bogengewänden sowie an einem Säulenstumpf, erinnert. Das Haus am anderen Ende der neuen Altstadt, Markt 40 [1], zeigt dagegen im Sockel mit all seinen Verletzungen und seinen durch Hitze verfärbten Steinkristallen deutliche Spuren der Zerstörung von 1944. Zwar stammen die dazu verwendeten Sandstein-Spolien aus der 200 m weit entfernten Saalgasse, aber sie wurden so meisterhaft und in feinem Kontrast zu der neuen Sandsteineinfassung gesetzt, dass das Haus für jeden, der einen genaueren Blick riskiert, fast wie ein Fanal des Bombenkriegs wirkt. Ein ebenfalls durch den Brand, der den Bomben von 1944 folgte, verfärbtes Türgewände aus Sandstein findet sich im Innern des Hauses »Goldene Waage«, Markt 8 [5], das von Jochem Jourdan mit größter Detailsorgfalt nachgeschaffen wurde. Das reich verzierte, 1619 von einem vermögenden Religionsflüchtling aus den spanischen Niederlanden errichtete, wahrhaft prächtige Haus ist der Blickfang der Neuen Altstadt. Seine weitgehend erhaltenen Sandsteinarkaden überlebten als Sockel einer Privatbibliothek im etwa 20 km entfernten Götzenhain. Interessant ist das Bildprogramm: Vis-à-vis des katholischen Doms zeigt es etwa bei den Kragsteinen außen dezidiert heidnische und calvinistische Motive, während die Decken im Innern mit alttestamentarischen Motiven bemalt waren, die Fluchterfahrungen darstellten. Im EG des Hauses, das erst zum Jahresende eröffnet werden soll, wird eine Confiserie mit Café eingerichtet. In den OGs sind im Stil des frühen 17. Jahrhunderts ausgestattete und möblierte Wohnräume zu besichtigen. Jenseits aller Opulenz dokumentiert Frankfurt mit diesem, auch seine späteren Veränderungen zeigenden Nachbau deutlich, dass die kulturelle und wirtschaftliche Dynamik der Stadt schon immer auch von Immigranten abhing. Kein zu unterschätzendes Zeichen!

Subtilität im Detail

Interessant ist auch, dass sich die Altstadt-Diskussion stets auf den Hühnermarkt [3], den historischen Krönungsweg, und die anderen Gässchen [4] beschränkt. Die nördliche Grenze des Viertels, die Braubachstraße, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts brutal durch die damals intakte Altstadt geschlagen wurde, und wo dem Neubau des Technischen Rathauses 1970 nochmals fünf Häuser zum Opfer fielen, liegt völlig im medialen Schatten. Hier erweist sich das Altstadt-Projekt als schlichte, aber historisch sensible Stadtreparatur. Knerer und Lang etwa verwendeten für die Fassade des von ihnen verantworteten »Glauburger Hofs« [7] vorgefertigte Sichtbetonelemente und zeigen so den Bruch zum historischen Vorbild. Für die Nordfassade des Nachbarhauses tilgte Bernd Albers alle Jugendstil-Elemente des ursprünglichen Hauses von 1911 und entwarf eine klassizistische Fassade. Auf der Südseite hatte sich Albers strenger ans historische Vorbild zu halten, wobei er mit mehrfachem Materialwechsel auch die baulichen Veränderungen nachzeichnete. Die drei weiteren Nachbarn im Osten wurden erst 1940 errichtet, als die Nationalsozialisten unter dem Euphemismus »Altstadtgesundung« das Quartier nicht nur baulich veränderten, sondern viele Bewohner vertrieben und eine ganze Reihe davon in Konzentrationslager deportierten. Keine dieser Fassaden wurde im Rahmen des Altstadtprojekts wiederaufgebaut. Im Gegenteil: Die für das Haus Braubachstraße 21 am nordöstlichen Ende der Neuen Altstadt verantwortlichen Architekten, einmal mehr Jourdan Müller, rekonstruierten eine nahezu geschlossene Fassade aus Kalksteinen [6] und zeigen damit wieder die Narbe des Straßendurchbruchs, die den Nazis so missfiel. Die Bruchsteinfassade, ein oberhalb des 2. OGs scheinbar in der Luft hängendes Kragelement aus Sandstein sowie eine ihrer ursprünglichen tektonischen Funktion entkleidete Eckskulptur bringen die notwendige Irritation, genauer hinter die Kulissen dieser neu geschaffenen Altstadt zu blicken. Insgesamt hinterlässt das neue Quartier einen sehr widersprüchlichen und zwiespältigen Eindruck – von der metapolitischen Diskussion einmal völlig abgesehen.

Als städtebauliche Denkmalpflege, welche Stadträume, Maßstäblichkeit, das Wiederanknüpfen an die historische Wegeverbindungen und Dichte mit vitaler Nutzungsmischung auf historischem Grundriss in den Fokus stellt, ist die Neue Altstadt durchaus gelungen; bei den die Stadträume einfassenden Hochbauten nur zum Teil. Wobei das auch die Altstadt-Befürworter so sehen und das optische Übergewicht der Nachschöpfung gegenüber der klar kenntlichen Zeitgenossenschaft beklagen. Aber auch Adolf Loos‘ Forderung, Neubauten nur dann zu errichten, wenn diese besser sind als ihre Vorgänger, hat sich nur z. T. erfüllt. Dennoch lohnt es sich, die ideologischen, vielfach mehr als handtellergroßen Scheuklappen zu Hause zu lassen und einen zweiten Blick zu wagen. Und freilich wünscht man sich, dass von dem Engagement und dem Geld, der Zeit und der Geduld, die für dieses Projekt aufgebracht wurden, ein klein wenig auch für Neubauviertel eingesetzt wird.

Der Autor studierte Geschichte und Soziologie. Er war Redakteur der Frankfurter Neuen Presse, der Offenbach Post und bei der DBZ. Seit 1994 ist er als freier Architekturjournalist und Autor tätig.


Die DomRömer GmbH hat auf ihrer Website Absichten und Werdegang des Projekts ausführlich dokumentiert: www.domroemer.de