Druck im Kessel

Die Stadien der FIFA-Fußball-WM 2018 in Russland

Mit Hochdruck wird noch letzte Hand angelegt, Mitte Juni müssen alle WM-Stadien nutzbar sein. Gestalterische Höhenflüge oder technische Wundertaten sind beim Stadionbau in Russland nicht zu verzeichnen, auf stimmungsvolle Spiele in funktionalen Arenen darf man sich dennoch freuen.

~Christoph Randl

»Ja is denn scho wieder WM?«, möchte man in Anlehnung an den berühmten Spruch eines abgedankten Fußballkaisers fragen. In der Tat, am 14. Juni wird in Moskau die FIFA-Fußball-WM 2018 angepfiffen. Schon jetzt ist sicher, dass diese WM die teuerste aller Zeiten werden wird, aber das ist wohl bei jeder WM bisher so gewesen. Im Land selbst ist das Megaevent durchaus umstritten, es kursieren Geschichten von gigantischen Korruptionsfällen, von Sklavenarbeit und anderen Unsäglichkeiten. Manche hätten das viele Geld besser in dringend benötigten Infrastrukturmaßnahmen angelegt gewusst, aber auch in Russland ist die Fußballbegeisterung groß.

Gespielt wird in zwölf Stadien an elf Orten, von Kaliningrad (ehem. Königsberg), ganz im Westen bis nach Jekaterinburg im Ural. Zehn davon sind Neubauten, die beiden anderen wurden sehr aufwendig umgebaut. Großstadien für 68 000 bzw. 81 000 Besucher gibt es nur in Moskau (Luschniki) und in Sankt Petersburg; die meisten anderen nehmen um die 45 000 Plätze auf, zwei erfüllen gerade so die von der FIFA jüngst reduzierte minimale Zuschauerplatz-Anzahl von ca. 30 000; einige werden nach der WM auf 25 000 zurückgebaut.

Schwierig gestaltet sich die Ermittlung der planenden Architekten. Nur vier Stadien sind von renommierten Büros geplant. Bei den anderen werden anonyme russische Planungsbüros angegeben, die oft ein kompliziertes System von Subplanern vermuten lassen. So verlautete etwa von offizieller Seite zur Frage nach dem Architekten: »Man kann im Moment nicht behaupten, dass das Stadion einen bestimmten Architekten hat. Tatsächlich waren es mehrere Personen, die an dem Projekt zu unterschiedlichen Zeiten gearbeitet haben.«

Eröffnungsspiel wie Finale finden im Luschniki-Stadion in Moskau [3] statt. 1956 als Lenin-Stadion eröffnet, war es das Mutterschiff der sowjetischen Sportstättenkultur mit ursprünglich 100 000 Plätzen. Eine Betonkonstruktion mit vorgeblendetem Naturstein bildete die monumentale Fassade; Ähnlichkeiten mit dem Berliner Olympiastadion von 1936 sind nicht zu übersehen. Nachdem es 1980 als ebensolches diente, wurde es 1997 umgebaut. Es erhielt ein Tribünendach mit offenem Spielfeld; ein vor die Fassade gesetzter Stützenring nimmt die Dachlasten auf, wobei man die Monumentalordnung soweit als möglich erhalten hat. Zur Anpassung an die aktuellen FIFA-Anforderungen wurde von 2014 bis 2017 erneut renoviert. Dank der Entfernung der Aschenbahn weist das Stadion jetzt zwei Ränge auf, zwischen denen zwei Logengeschosse eingebaut wurden; eine Lösung, die heute als Standard angesehen werden kann.

Das zweite Moskauer WM-Stadion wurde 2014 als Heimspielstätte des Fußballklubs Spartak [4] eröffnet. Es zeichnet sich durch eine sehr wuchtige Dachkonstruktion aus; rot-weiße Metallschuppen bilden die Fassade, die – will man es positiv formulieren – für eine deutliche Erkennbarkeit sorgen.

Die vielleicht ambitionierteste Spielstätte ist das auf einem Entwurf von Kisho Kurokawa beruhende Sankt Petersburger Stadion [5]. Wo die Newa in den Finnischen Meerbusen fließt, scheint ein Ufo gelandet zu sein. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die umgebenden neoklassizistischen Bauten samt Leninstatue. Der Neubau für 67 000 Besucher ist beheizbar und verfügt über ein vollverschließbares Dach; wie auf Schalke kann das Spielfeld zur Regeneration des Rasens nach außen gefahren werden. Bestechungsskandale und eine unvorstellbare Kostenexplosion – mutmaßlich 1 Mrd. Euro Baukosten – begleiteten den Neubau.

Wegen seiner konstruktiven Klarheit sehr überzeugend ist das kreisrunde Stadion in Nishni-Novgorod [2]. Ein äußerer Ring aus schlanken Betonstützen bildet die moderne Variante einer Monumentalordnung. Auf ihm lastet das Tribünendach, das über dem Spielfeld in einen Druckring aus klar konstruierten Stahlstäben mündet. Die Tribünen bewegen sich wellenförmig in der Höhe divergierend durch das Stadion und bilden so einen sanften Gegenpol zur Monumentalität der Fassade.

Ein konkaves Gegenmodell zum Pekinger Birds Nest von Herzog & de Meuron bietet das Wolgograd-Stadion [1], geplant für 45 000 Besucher von gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner. Ein regelmäßiges Stabsystem schafft eine semipermeable Fassade. Völlig anders plante dasselbe Büro bei der Samara-Arena [6]: Das Stadion scheint nur aus Dach zu bestehen, einer flachen Kuppel; der Rand ist gezackt wie ein geköpftes Ei. Die Tribünen werden – wo es geht – bis unters Dach geführt, was im Innern des Stadions analog zur Fassade ein Zickzack-Muster bildet, aber auch einen sehr unruhigen Eindruck macht.

Am WM-Stadion in Johannesburg orientierten sich die Planer der Mordwinien-Arena [7] in Saransk. Die gold-gelbe Farbgestaltung soll von mordwinischer Volkskunst inspiriert sein. Ob diese der südafrikanischen ähnelt, ist nicht belegt; die Stadien jedenfalls können ihre Verwandtschaft nicht leugnen.

Das 1957 erbaute Stadion in Jekaterinburg [8] war und ist nationales Kulturerbe. Um es zu erhalten, wurde in die relativ niedrigen, neoklassizistischen Umfassungsmauern eine gigantische Stahlkonstruktion mit perforierten Fassadenpaneelen in Form eines konischen Zylinders hinein-, nun ja, gepresst. Die Fassade kann durch LEDs farbig beleuchtet werden und ist natürlich auch medienfähig. Für die WM wurde sie auf zwei Seiten aufgebrochen, um temporäre Tribünen unterzubringen, die später wieder rückgebaut werden. Alles in allem eine sehr ungewöhnliche Auffassung von Denkmalschutz.

In Kaliningrad [9] wurde das einzige Stadion außerhalb des russischen Kernlands errichtet. Der Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs stammt von dem französischen Büro Willmotte, ist aber nicht mehr erkennbar. Realisiert wurde eine horizontal geschuppte Metallfassade, die einen etwas abweisenden Eindruck macht. Innen der bekannte Standard: zwei Ränge, dazwischen zwei Logengeschosse; ein an Pylonen abgehängtes Tribünendach schützt vor Regen und Schnee.

Die Kazan-Arena [10] zeigt ein geschwungenes Dach über einem ansonsten braven Stadion mit Medienfassade. Rostov [11] bietet ein unspektakuläres, aber klares Stadion mit Standard-Tribünensystem, darüber ein angenehm schlank konstruiertes Dach. Das Olympiastadion in Sotschi erinnern wir noch von der Winterolympiade 2014; es ist gekennzeichnet durch das zweigeteilte Dach in Form einer geöffneten Auster.

Diese WM wird wohl kaum wegen ihrer überragenden Stadionarchitektur in Erinnerung bleiben. Die ganz großen Neuerungen fanden schon in der vorangegangenen Epoche des Stadionbaus statt. Dennoch finden sich durchaus Arenen, in denen man gerne das eine oder andere Spiel sehen würde. Wer trotz der Flut der Spiele bis zum Endspiel durchhält, wird auch nicht an der Qualität der Stadien verzweifeln.

Der Autor lebt und arbeitet als Architekt in München. Für die OTH Regensburg führte er Lehraufträge in Architekturtheorie durch. Die Basis für seine Expertise in Sachen Fußballstadien legte er in früher Jugend im Münchner Grünwalder Stadion; seit 15 Jahren bearbeitet er das Thema immer wieder unter baugeschichtlichen Aspekten.