Dresdner Volten

Am Neumarkt nimmt das Dresdner Selbstwertgefühl inzwischen Züge an, wie man sie ansonsten eher von der Isar kennt. Fehlt nur noch

~Jürgen Tietz

die Übersetzung des bayrischen Schlachtrufs »mia san mia« ins Sächsische! Doch ob man sich in Fragen von Architektur und Stadtplanung tatsächlich auf Augenhöhe mit dem südlichen Nachbarn bewegt, das erscheint fraglich. Eher wirkt es so, als würde sich die Landeshauptstadt Dresden in ihrem ruhelosen Ringen um die Tilgung von schmerzhaften Geschichtsspuren durch Rekonstruktion bei gleichzeitigem Jammern über die Moderne, die baukulturelle Narrenkappe aufsetzen. Darauf lässt jedenfalls eine Mitteilung im Amtsblatt schließen: In einem Beschluss des Stadtrats vom Mai 2012 wird die Dresdner Oberbürgermeisterin beauftragt, für das Sanierungsgebiet Neumarkt eine Gestaltungssatzung zu erarbeiten. Darin sei die Ausführung der längst vereinbarten Leitbauten und Leitfassaden entsprechend den Vorstellungen des Stadtrats festzuschreiben. Hübsch mutet die Forderung an, auch jene Bauten, die nicht Leitbau sind oder keine Leitfassade besitzen, in »ihrer Architektur den Leitbauten bzw. Leitfassaden harmonisch zurückhaltend« anzupassen. Was sich recht harmlos anhört, entfaltet seine historisierenden Auswirkungen bereits am Neumarkt: Auf Wunsch des Stadtrats sind die Gliederung der Gebäude in Sockelgeschoss, darüber befindliche Geschosse mit Putzfassade und klarer vertikaler Gliederung der Fassaden sowie einer Dachzone mit Mansard-, Sattel- bzw. Walmdach festzuschreiben. Bloß keine (modernen) Experimente!
Auch würde man in Dresden gerne von verbindlichen Abstandsflächen Abstand nehmen, um Investoren auch noch zu ersparen, »mit den Nachbarn über Ablösegebühren verhandeln« zu müssen. Das betrifft v. a. den Wiederaufbau des ursprünglich 1740 errichteten »Hotel Stadt Rom«. Um dessen Form und besonders um dessen stadträumliche Positionierung wird seit etlichen Jahren gerungen, erst jüngst in einem Werkstattverfahren unter Beteiligung von Schneider + Schumacher (Frankfurt a. M.), dd1 Architekten (Dresden), Müller Reimann Architekten (Berlin), Hild und K Architekten (München).
Doch wozu bedarf es eigentlich jetzt noch einer rechtsverbindlichen Satzung, nachdem die meisten Quartiere rund um die rekonstruierte Frauenkirche längst Form angenommen haben? Auch hier gibt der Stadtratsbeschluss Auskunft: Dann kann endlich »auf Wettbewerbe für die weitere Bebauung der Neumarktquartiere verzichtet« werden. Planungen wären vor der Genehmigung nur noch »grundsätzlich dem Ausschuss für Stadtentwicklung und Bau sowie dem Ortsbeirat Altstadt vorzustellen«.
Skandal? Ach was, viel schlimmer, Alltag. Besitzt es am Neumarkt doch Tradition, dass sich die bauliche Retrofront durchsetzt. So wurde 2010 per Stadtratsbeschluss der preisgekrönte Entwurf von Peter Cheret und Jelena Bozic aus Stuttgart für den Wiederaufbau des Gewandhauses gekippt. Und dass man sich in Dresden selbst über einen moderat modernistischen Bau prächtig aufregen kann, zeigte der aktuelle Streit um den Entwurf des Architekturbüros Kupferschmidt für das »Quartier 5« gleich neben dem Kulturpalast. Vom Altmarkt aus in einer Sichtachse zur Frauenkirche positioniert, ruft das angeschrägte Staffelgeschoss die Empörung einiger Dresdner Wut-Promis hervor, die den Entwurf in einem offenen Brief als zu modern gebrandmarkt haben. Kann es da verwundern, dass sich die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden auf ihrer Webseite ebenfalls gegen weitere Architekturwettbewerbe am Neumarkt ausspricht? Stattdessen plädiert man dafür, dass »die Investoren im Planungsprozess mindestens drei Varianten durch verschiedene Architekturbüros auf der Grundlage des städtebaulich-gestalterischen Konzepts erarbeiten lassen« und diese dem Ausschuss für Stadtentwicklung und Bau zur Entscheidung vorlegen.
»Tu felix saxonia!«, möchte man ausrufen. Kaum hast du das schwere Joch des Welterbes dank der Waldschlösschenbrücke von deinen Schultern geworfen, da entledigst du dich auch noch der Architekten-Wettbewerbe, mit denen der Schwarze Ritter der Baukultur in deine geschlossenen Rekonstruktionsreihen einzubrechen versuchte. Sieg auf ganzer Linie! Angesichts dieser Dresdner Volten erscheint die verschleppte Neubesetzung der politisch unabhängigen Gestaltungskommission Neumarkt ebenso naheliegend wie der Verzicht auf die Ausweitung der Kompetenzen dieses Gestaltungsbeirats auf das ganze Stadtgebiet. Das ist derzeit politisch nicht durchsetzbar. »Mir san mir« in Dresden und wissen es ohnehin besser? Dabei würde es der Stadt gut tun, zumindest heimlich einmal auf die erfolgreiche – öffentliche – Arbeit der Münchner Stadtbildkommission zu schauen. Tatsächlich wäre ein solches Instrument der Qualitätssicherung in Dresden nötig, besteht die Stadt doch beileibe nicht nur aus dem Neumarkt. Während man sich dort über jede Fassade echauffiert, wird beispielsweise in der Leipziger Vorstadt auf einem ehemaligen Bahnhofsgelände vom Stadtrat das Terrain für ein neues großflächiges Einkaufscenter bereitet. Von denen hat Dresden zwar schon einige und weitere sind bereits in der Planungsschleife. Aber genug kann an der Elbe offenbar nie genügen. Ob eine solche Monostruktur als Auftakt für die Entwicklung eines lebendigen innerstädtischen (Wohn-) Quartiers das richtige Signal setzt? Das Beispiel Leipziger Vorstadt zeigt, wie dringend auf der Baustelle Dresden der Fokus vom touristenumspülten Neumarkt auf die anderen städtebaulichen Herausforderungen ausgeweitet werden muss – Mindeststandards wie Architekten-Wettbewerbe und Gestaltungsbeirat eingeschlossen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich Dresden an seiner »uns kann keiner was«-Mentalität baukulturell völlig überhebt.
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.