Frankfurter Altstadt: Einer allein an allem schuld?

Die vielen Mütter und Väter der Frankfurter »neuen Altstadt«

Die Initiative eines Rechtsradikalen sei für Frankfurts »neue Altstadt«, die im Herbst ihrer Bestimmung übergeben wird, verantwortlich. Dies ist die Sicht von Stephan Trüby, Professor für Architekturtheorie an der Uni Stuttgart, wie er sie in der Sonntags-FAZ vom 8. April veröffentlicht hat.


~Enrico Santifaller

Eine ausführliche Fassung der Erwiderung von Enrico Santifaller
mit detailliert recherchierten Einzelheiten und weiterführenden Links lesen Sie hier:

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Die Wurzel alles Frankfurter-Butzenhäuschen-Übels sei, so Trüby, ein Neurechter namens Claus Wolfschlag, der einen Aufsatz mit dem Titel »Heimat bauen« verfasste, der 1995 in der Neonazi-Postille »Opposition in Deutschland« erschien. Zehn Jahre später habe Wolfschlag als Berater der rechtspopulistischen »Bürger für Frankfurt« (BFF) einen Antrag verfasst, in dem die Wiederaufbau »einiger besonders markanter Gebäude« auf dem historischen Stadtgrundriss gefordert wurde. Ein Antrag, der, so das BFF-Eigenlob, erst die Debatte um die »neue Altstadt« in Gang gebracht habe.

Prompt überschlagen sich in den sozialen Medien die Kommentare: Die Modernisten haben es immer schon gewusst, Traditionalisten dagegen fühlen sich unterschiedslos mit Neonazis in dieselbe trübbraune Sauce geworfen.

Nun kann man diese mit gutem Recht kritisieren. Doch sollte man das nach differenzierter Sichtung der Vorgänge tun. Denn: Die Frankfurter Rekonstruktionsdebatte ist weit unübersichtlicher, als Trüby das wahrhaben will. Sie hat mehr Akteure und ist vor allem von kommunalpolitischen Winkelzügen überlagert. Und sie hat historische Wurzeln: Seit 1880 wurde um die Frankfurter Altstadt gerungen. Lange vor den verheerenden Bombennächten am 18. und 22. März 1944 ist Stück für Stück der Frankfurter Altstadt verloren gegangen. Vorschläge eines dritten Wegs, wie etwa 1946 von Werner Hebebrand, mit einer modernen Bebauung über den erhalten gebliebenen EGs, zerschellten zwischen den Extremen von radikalem Neubeginn und traditionsreichem Wiederaufbau. Selbst der Nazi-Vorwurf ist nicht neu, sondern beide Seiten überziehen sich damit seit 1945 wechselseitig.

Sicher ist, dass das Altstadt-Herz bei Frankfurts konservativen Kreisen besonders laut schlägt (die im Übrigen mit der SPD unter anderem das Westend der Immobilienbranche vermachten). Aber ebenso sicher ist, dass die bis in die 70er Jahre regierende SPD mit Blick auf potenzielle Wählerstimmen Offerten machte, die eigene planungspolitische Modernität zu korrigieren. Die Idee der Ostzeile am Römerberg lancierte der SPD-Oberbürgermeister Arndt und eben nicht sein CDU-Nachfolger Wallmann, der nur die Lorbeeren erntete.

Das ungeliebte Technische Rathaus dahinter (1972) war ebenso wie die ersten Bankhochhäuser zum eifrig bekämpften Symbol »Krankfurts« geworden. SPD-Kandidat Achim Vandreike wollte es pünktlich zur Oberbürgermeisterwahl 2001 »am liebsten sprengen«. CDU-Frau Petra Roth plädierte für einen Umbau, doch das Stadtparlament beschloss den Abriss. Stattdessen sollte ein städtebaulicher Wettbewerb »dem Ort und dem historischen Umfeld gemäß« Vorschläge für eine kleinteilige Bebauung sammeln und den historischen Krönungsweg wiederherstellen. Man hatte Erwartungen geweckt, die der Siegerentwurf von KSP Engel + Zimmermann bei Weitem nicht erfüllte. Die bemerkenswert mediokren Fassadenansichten entfachten einen Sturm der Entrüstung. Trotz beschwichtigender Satteldach-Variante nahm die politische Dynamik Fahrt auf, wobei die ersten Rekonstruktionsvorschläge bereits im November 2004 das Web-Forum des Vereins »Stadtbild Deutschland« diskutierte.

Zur selben Zeit brachte der Offenbacher Bauingenieurstudent und CDU-Stadtverordnete Dominik Mangelmann erste Rekonstruktionsvorschläge ein. Die Junge Union Frankfurt-Süd machte sich dessen Vorschläge zu eigen, scheiterte aber zunächst bei der eigenen Fraktion. Der am 21. August 2005 im Stadtparlament vorgebrachte Antrag der Ein-Mann-Fraktion der BFF, mehrere Häuschen »stilecht« zu rekonstruieren, wurde vom damals regierenden Viererbündnis aus CDU, SPD, Grünen und FDP abgelehnt.

Der SPD-Mann Franz Frey propagierte kurz darauf ein »Recht auf Fachwerk«, sein Fraktionschef, Klaus Oesterling, drohte sogar mit einem Bürgerentscheid pro Rekonstruktion, woraufhin die Angst vor einer politischen Niederlage Roth und Planungsdezernent Schwarz (ebenfalls CDU) zum Umdenken brachte. Nach einer Planungswerkstatt, der Einsetzung eines Sonderausschusses, endlosen Diskussionen und einer weiteren Kommunalwahl beschlossen 2007 CDU, Grüne, FDP und BFF eine Rekonstruktion von mindestens sechs, wenn möglich sieben historischen Häuschen. Die SPD stimmte dagegen – sie wollte noch mehr Rekonstruktionen.

Die neue Altstadt Frankfurts hat viele Mütter und Väter, einem allein die Verantwortung zuzuschreiben, wäre nicht nur historisch unredlich, sondern verkennt auch die weit von allem Geschichtsrevisionismus entfernte Stimmung innerhalb der Bürgerschaft und ihrer politischen Vertreter. Es war ein Misstrauensvotum gegen mediokre Architektur.

Im Verlauf von wenigen Monaten entwickelte sich eine Dynamik, in der die Vorstellung, eine »alte« und «gemütliche« Stadt neben den höchsten Wolkenkratzern Kontinentaleuropas neu zu bauen, plötzlich konsensfähig wurde. Man mag das nostalgisch, angesichts des sonst in Frankfurt völlig ungebremst wirkenden Immobilienkommerzes auch eskapistisch nennen – zumal ein solcher steuerfinanzierter Eskapismus politisch ungefährlicher ist, als etwa substanzielle Änderungen im Bodenrecht zu erwirken. Aber mit »Geschichtspolitik von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen« wie es nun in einem Aufruf von Arch+ heißt, hat Frankfurts neue Altstadt nichts zu tun. Es bleibt der Wunsch, das politisch allzu dienstbare Preisgericht besagten städtebaulichen Wettbewerbs hätte den weitaus sensibleren Vorschlag von Jourdan Müller PAS zum Sieger gekürt. Dann wäre wahrscheinlich dem ganzen gut 200 Mio. Euro teuren Altstadt-Projekt die Diskussionsgrundlage entzogen worden.

  • Der Autor studierte Geschichte und Soziologie. Er war Redakteur der Frankfurter Neuen Presse, der Offenbach Post und bei der DBZ. Seit 1994 ist er als freier Architekturjournalist und Autor tätig.

Eine ausführliche Langfassung dieses Kommentars von Enrico Santifaller mit weiteren Details finden Sie hier:
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