Visuelle Grammatik

Die Themse leuchtet

Angeknipst wurde im Juli der erste Abschnitt des »Illuminated River«, eines Kunstprojekts im Herzen Londons: Exakt platzierte LEDs werfen nach einem Algorithmus sich fast unmerklich verändernde Muster über Millennium Bridge, Southwark Bridge, Cannon Street Bridge und London Bridge. Diese Muster reagieren auf Veränderungen in der Strömung der Themse und darauf, was auf den Brücken vor sich geht.

Video: James Newton

Das 45-Mio.-Pfund-Projekt wird in den nächsten drei Jahren 15 Themsebrücken zu einem leuchtenden Band verbinden und dann das längste eigens geplante Kunstwerk der Welt sein. Entwickelt wurde es vom amerikanischen Lichtkünstler Leo Villareal und den englischen Architekten Lifschutz Davidson Sandilands. Hauptsponsoren sind die Kulturstiftungen Rothschild Foundation, Blavatnik Foundation und Arcadia Fund. Die zuständige Kuratorin Hannah Rothschild äußerte, das Projekt verwandle »eine Schlange der Dunkelheit in ein Band des Lichts« und werde »einen Faden der Kunst durch das Herz der Stadt ziehen«.

Alex Lifschutz lobt die Zusammenarbeit mit Leo Villareal und seinem Team als sehr sensibel. »Die entwurfliche Herausforderung war faszinierend: Würde das Licht störende Auswirkungen haben? Würde es unangemessen wirken – zu viel Licht, nicht genügend Licht? Leo war es besonders wichtig, die Betrachter mit der Lichtinstallation nicht zu blenden (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne). Sie sollten vielmehr gefesselt werden – weswegen sich die Lichtmuster nicht wiederholen.«

Die umwelt- und verwaltungstechnischen Herausforderungen des Projekts waren eminent: Über 40 Genehmigungen von Planungs- und Denkmalbehörden aus fünf Londoner Bezirken mussten eingeholt werden. Intensität und Richtung der LED-Lichtstrahlen waren ein wesentliches Kriterium: Es sollte so wenig Licht wie möglich ins Wasser abgelenkt werden, um das Leben der Fische und anderer Wassertiere nicht zu beeinträchtigen. »Die Themse ist als Naturraum eine regelrechte Autobahn«, kommentiert Chris Waite, einer der Geschäftsführer des Architekturbüros.

Alex Lifschutz verfolgte einen wesentlichen gestalterischen Gedanken: Das Projekt wird die visuelle Grammatik der Themseufer im Innenstadtbereich korrigieren. »Der Fluss ist wie ein Satz, aber die eigentlichen Subjekte und Objekte hatten nur wenig Kraft. Die zufällig entstandene Beleuchtung hat bislang ›Präpositionen‹ und ›unbestimmte Artikel‹ besonders herausgehoben. Diese falsche Gewichtung werden die illuminierten Brücken komplett verändern.«

~Jay Merrick