»Die Stadt soll kein Museum sein«

Neues Bauen in alter Stadt: Die polnische Metropole Krakau sucht mit ambitionierten Neubauvorhaben Anschluss an die Gegenwart. Durch Museen und andere Kulturbauten werden Bereiche außerhalb des Zentrums aufgewertet. Dabei kommen erfreulicherweise auch junge und ausländische Architekturbüros zum Zug.

~Kai-Uwe Scholz

Tritt man aus Krakaus Hauptbahnhof, wird sofort deutlich, worum es in dieser Stadt geht und wie schwierig es ist, diese Aufgabe zu meistern: Links fällt der Blick auf die historistische Fassade des alten Postamts, rechts auf eine einfallslose Kastenarchitektur – das neue Einkaufszentrum Galeria Krakowska. Direkt gegenüber vom Bahnhof öffnen sich die Türen des andel’s, des ersten Designhotels der Stadt (Entwurf: Jestico + Whiles, London), doch die originelle, an eine Zwiebelschalenstruktur erinnernde Binnenarchitektur des Erdgeschosses lässt sich von außen nicht einmal erahnen. Durch die neuen Gebäude wurde der früher eher unwirtlich wirkende Bahnhofsvorplatz zwar geschlossen, doch schlaglichtartig wird schon hier am Eingang zum historischen Zentrum deutlich, welche Chancen, aber auch Risiken neues Bauen in einer alten Stadt in sich birgt.
Wohl nur wenige europäische Stadtgefüge stellen ein so sensibles Terrain dar wie Krakaus Zentrum, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und das jedes Jahr Millionen von Touristen anzieht. Der Kelch weitreichender Kriegszerstörungen und umfassender Stadtumbauvorhaben ist an Krakau vorübergegangen. Als die polnische Kulturmetropole unter der NS-Besatzung von 1939 bis 1945 als Hauptstadt des sogenannten Generalgouvernements fungierte, wurde auf der dem Wawelhügel (mit Königsschloss) gegenüberliegenden Weichselseite ein gigantomanisches deutsches Regierungsviertel vom doppelten Umfang des Altstadtkerns geplant. Glücklicherweise brach die NS-Herrschaft zusammen, bevor der erste Spatenstich getan werden konnte. Den Sozialisten war Krakau in der Nachkriegszeit als katholisch-konservative Hochburg ein Dorn im Auge. Gleichsam als städtebauliches Gegenmodell wurde der traditionsreichen früheren Kapitale ab 1949 eine industriefuturistische Arbeiterstadt an die Ostseite geflanscht: Nowa Huta, heute Stadtteil von Krakau, geplant ohne eine einzige Kirche und – statt auf ein Schloss – auf ein riesiges Stahlwerk ausgerichtet. Kurioserweise nehmen die frühen Bauten der sozialistischen Planstadt durch demonstrative Anleihen auf die Altstadt Krakaus Bezug: Die Verwaltungsgebäude des Stahlwerks tragen Zinnen wie die Wehrmauern des Wawel, Wohngebäude weisen Arkadengänge wie die Tuchhallen auf, statt auf einen Hauptmarkt laufen die Hauptverkehrsachsen Nowa Hutas auf den (Torso gebliebenen) Plac Centralny zu.
»Natürlich gibt es auch in Krakau exzellente Beispiele für modernes Bauen«, sagt Andrzej Wyzykowski, Chefarchitekt der Stadt, und verweist auf Werke im Stil der Neuen Sachlichkeit, etwa von Adolf Szyszko-Bohusz, Stefan Strojek und Fryderyk Tadanier oder auch von Ludwik Wojtyczko aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Im Krakau der Nachkriegs- und Vorwendezeit tat sich allerdings nur wenig. In den neunziger Jahren wurden dann in einer ersten großen Welle neben Wohn- und Bürogebäuden vor allem Kirchen, Einkaufszentren und Autohäuser errichtet – »außerhalb des Zentrums und leider meist ohne Wettbewerbsausschreibungen«, erklärt Wyzykowski mit bedauerndem Blick auf die sehr unterschiedliche Qualität der Bauten. Dem wollen die Stadt und die Woiwodschaft Malopolska (deren Provinzhauptstadt Krakau ist) entgegenarbeiten. Wichtige Gestaltungsansätze gelten den Stadtportalen wie dem Flughafen, dem Bahnhofvorplatz oder – am anderen Ende des historischen Zentrums – dem besonderes sensiblen Bereich um das Königsschloss herum. Hier soll zwischen Wawelhügel und Weichselufer ein Informationszentrum für Krakau-Besucher entstehen, das die Sichtbeziehungen an diesem bedeutsamen Ort nicht beeinträchtigt. Für die im Süden der Altstadt verlaufende Weichsel ist mit dem »Bulwary Wisly« ein Stadtentwicklungsprojekt geplant, das die Flussufer erschließen und die nördlich und südlich davon gelegenen Stadtteile durch mehrere neue Brücken miteinander verbinden soll. In dem Projektkatalog »Krakow Architecture 2012«, in dem zahlreiche, auch weit über 2012 hinaus geplante Vorhaben vorgestellt werden, fällt überdies der hohe Anteil von öffentlichen Einrichtungen und Kulturbauten ins Auge. So sind hier ein neues Kongresszentrum, zwei Hochschulbibliotheken, drei große Sporteinrichtungen sowie ein halbes Dutzend Museen und Galerien avisiert. Zeichnet man die prospektiven Baustellen in einen Stadtplan ein, hat es fast den Anschein, als sollten gezielt Bereiche außerhalb des Altstadtkerns durch ambitionierte Neubauten aufgewertet werden. So soll etwa – ebenfalls am Weichselufer – ein früheres Kraftwerk mit einem spektakulären Gebäudebügel überbaut und als Dokumenta- tionszentrum für das Werk des Theaterregisseurs, Bühnenbildners, Malers und Kunsttheoretikers Tadeusz Kantor eingerichtet werden. »Die Stadt soll kein Museum sein, sondern sich weiterentwickeln«, sagt Krzysztof Markiel, Direktor für Kultur und Tourismus in der Woiwodschaftsadministration, der auch für architektonische Vorhaben der Provinzregierung zuständig ist. In der Altstadt gelegene Neubauobjekte sollten allerdings auf den jeweiligen architektonischen Kontext reagieren. Hier rufen selbst kleine, eng auf das Umfeld abgestimmte Ergänzungen heftige Diskussionen und jahrelange Baugenehmigungsverfahren hervor. Jenseits der alten Stadtbefestigungen werden die Ent- würfe kühner.
Perlenvorhang aus Klinkern
Dass es gelingen kann, historische Bezüge aufzunehmen und bildkräftig weiterzuentwickeln, zeigt sich an einem Beispiel mitten im Zentrum. Dort begrenzt ein langer schmaler Baukörper die Südseite des Allerheiligenplatzes, des Plac Wszystkich Świętych. Außen trägt das Gebäude eine Klinkerfassade – in jenem tiefen Rot, in dem auch die Ziegelmauern der umliegenden Kirchen und des Königsschlosses, des Wawel, in der Abendsonne glühen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch: Das Klinkerkleid ist geschlitzt. Die Ziegel sind nicht in festem Verbund gemauert, sondern – mit einer Bohrung versehen – auf vertikal angeordnete Stahlstangen gesteckt worden. Entstanden ist so eine Art Perlenvorhang, dessen Zwischenräume Ein- und Ausblicke gewähren. Betritt man das Innere, wird der Blick sogleich nach oben gezogen. Drei in Fassadenausschnitte eingelassene Jugendstil-Glasfenster zeigen polnische Nationalheilige. Der hohe Innenraum wirkt wie eine heilige Halle. Doch dient der Bau ganz profanen Zwecken: als Info-Punkt des städtischen Fremdenverkehrsamtes und als Ausstellungsraum. Mit dem »Pawillon Wyspianski 2000« ist dem Krakauer Architekten Krzysztof Ingarden ein ungewöhnlicher Kunstgriff geglückt. Jahrzehntelang hatte das handtuchschmale Grundstück brachgelegen – an einem der heikelsten Orte Krakaus: an der Ulica Grodzka, dem vom Wawel zum Hauptmarkt führenden Königsweg, direkt vor dem Eingang des Rathauses. An dieser Stelle war 1939 das Stadthaus »Pod Lipka« (Zur kleinen Linde) abgerissen worden. Als Krakau in seiner Eigenschaft als Kulturhauptstadt im Jahr 2000 Ströme informationsbedürftiger Besucher erwartete und zugleich der Krakauer Jugendstilkünstler Stanislaw Wyspianski besonders geehrt werden sollte, kam der Gedanke auf, die Leerstelle im Stadtgefüge für ein Informationszentrum zu nutzen. Zugleich sollten dort Glasfenster des Multitalents inkorporiert werden, die ursprünglich für die Wawelkathe- drale vorgesehen waren. »Die Idee dazu kam von Polens Starregisseur Andrzej Wajda, der Wyspianskis literarisches Hauptwerk verfilmt hat«, berichtet der Architekt, der bei Arata Isozaki in die Lehre gegangen ist und auch bei der Umsetzung von dessen japanischem Manggha-Kunstzentrum in Krakau mitgewirkt hat. Obwohl der Entwurf des Büros Ingarden & Ewy im Grunde nur eine Baulücke schloss, gab es heftige Proteste und zähen Widerstand. Allein das Genehmigungsverfahren zog sich über vier Jahre hin, so dass der Pavillon erst zum 100-jährigen Todestag Wyspianskis 2007 fertig gestellt werden konnte – fast ein Jahrzehnt nach der ersten Ideenfindung. Doch hat sich die Mühe gelohnt. Der Pavillon setzt einen aktuellen baulichen Akzent im Zentrum der Stadt und verbindet gleichermaßen Innen und Außen, Tradition und Moderne, ästhetisches Erlebnis und praktischen Nutzen.
Wie schwierig es ist, solche Ansätze optimal umzusetzen, dokumentiert die im Dezember vergangenen Jahres eröffnete Opera Krakowska des Büros Romuald Loegler. Der 1940 geborene Loegler, Begründer der Krakauer Architekturbiennale, langjähriger Vorsitzender der Krakauer Sektion des Polnischen Architektenverbandes, Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und Träger diverser Auszeichnungen, ist einer der renommiertesten Architekten Polens. In Krakau hat er so prominente Gebäude wie die Kirche St. Hedwig und den Erweiterungsbau der Jagiellonen-Bibliothek errichtet. Mit dem Campus der ›
› Wirtschaftshochschule führte er postmoderne Formen ein. Zu seinen gelungensten Schöpfungen gehört die Aussegnungshalle »Tor zum Totenreich« auf dem Krakauer Friedhof Batowice. So unterschiedlich diese Gestaltungslösungen sind, wirken sie in ihren jeweiligen Ausformungen doch in sich geschlossen. Für das neue Opernhaus kann das nur bedingt gelten. Das Ensemble besteht aus drei Elementen. Direkt an der Ulica Lubicz hat Loegler einen zweigeschossigen, ganz in Grün gehaltenen Foyerbau errichtet. Er soll die Bauform der hier früher befindlichen »Operetka« (einer umgenutzten Reitschule aus dem 19. Jahrhundert) zitieren und so an die Traditionen des Ortes anknüpfen, mutet mit seinem abgeflachten Tonnendach aber eher wie eine Bahnhofshalle an. Etwas zurückliegend erhebt sich das eigentliche Bühnengebäude, bis in Details hinein in Rot gehalten und ein tortenstückförmiges Segment des Foyers überbauend – eine Lösung, die Loegler 1987 schon einmal beim Entwurf eines Einfamilienhauses durchexerziert hat. Im rechten Winkel schließt sich das Verwaltungsgebäude an, dessen Fensterbänder mit bunten Profilen abgesetzt sind (und auch in die rückwärtig gelegene Ulica Topolowa noch ein wenig Farbe bringen). Die Winkelform soll offenbar als reziproke Antwort auf das benachbarte, ebenfalls auf einem winkligen Grundriss erbaute Verwaltungsgebäude der polnischen Staatsbahn verstanden werden. »Die ungewöhnliche Farbgestaltung war sicherlich ein Schock für die Krakauer«, konzediert Loegler. Dass der Bau kritische Reaktionen hervorrief, ist jedoch gewiss auch seiner ungünstigen Lage und Ausrichtung an einer der Ausfallstraßen Krakaus geschuldet. Denn wer von der Altstadt und vom Hauptbahnhof am östlichsten Zipfel des Stadtkerns kommend die Oper sucht, hat sie schon passiert, ehe er sie überhaupt wahrgenommen hat. Nicht zur Stadt, sondern zum Rondo Mogilskie wendet sich der Komplex – einem gigantischen Kreisverkehr, hinter dem schon die Plattenbauten des Stadtviertels Grzegorzki aufscheinen. Als das neue Haus im Dezember mit einem Werk von Krzysztof Penderecki eröffnet wurde, lobte der Komponist die exzellente Akustik und festliche Farbgebung des Bühnenraums. Bei seiner Ankunft jedoch – so wird kolportiert – soll er gefragt haben, wo denn überhaupt der Eingang zu finden sei.
»Bilbao auf Polnisch« überschreibt die Kritikerin Berenika Partum einen Bericht über den Gründungboom neuer Kunstmuseen in Polen. Zumindest für das Museum für moderne Kunst in Krakau sind exzentrische Gesten allerdings nicht zu erwarten. Die städtische Sammlung soll auf dem Gelände der ehemaligen Emaillefabrik Oskar Schindlers im südöstlich gelegenen Stadtteil Podgórze untergebracht werden (wo der Fabrikant während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Deportation in die NS-Vernichtungslager bewahrte). Während im bereits renovierten Verwaltungsbau eine Dokumentation zur »Fabryka Schindlera« gezeigt wird, werden die rückwärtigen Produktionsgebäude Ausstellungsräume des Krakauer »MoMA« und sogar Ateliers für »artists in residence« aufnehmen. Dabei sollen notwendige Ergänzungen wie die eines eigenen Eingangsbereichs in zurückhaltender Formensprache ausgeführt werden, soll möglichst viel der originalen Bausubstanz erhalten bleiben. »Die Shed-Dächer sind uns als Symbole der Industriearchitektur besonders wichtig,« sagt Annalisa Tronci vom Büro Claudio Nardi in Florenz, von dem die Umbaupläne stammen. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau begonnen werden.
Origami für die Luftfahrt
Dass auch ohne solch direkten Anklänge sinnfällige, sich perfekt in den jeweiligen Kontext einpassende Strukturen entstehen können, zeigt das bereits weit fortgeschrittene neue Hauptgebäude des Luftfahrtmuseums auf dem alten Flughafen Rakowice-Czyzyny im Osten der Stadt, auf dem halben Weg zwischen Zentrum und Nowa Huta. Das Berliner Büro Pysall und Ruge nahm das Modulmaß der alten Hangars, eine quadratische, 60 mal 60 Meter umfassende Grundplatte, buchstäblich als Ausgangspunkt für seine Planungen. Vorgeschrieben war lediglich eine Maximalhöhe von zwölf Metern. Statt den dergestalt definierten Raum einfach in Kastenform zu umbauen, tüftelte das Berliner Team in Zusammenarbeit mit dem Krakauer Architekten Bartłomiej Kisielewski so lange, bis sich eine geniale Lösung auftat. »Wenn man ein quadratisches Dach an drei Seiten einschneidet und origamiartig nach unten faltet, entsteht ein sich nach außen öffnendes Flügeldreieck«, erläutert Justus Pysall. Das zeichenhafte, an Windräder oder Propeller gemahnende Gebilde scheint zudem perfekt auf das geforderte Raumprogramm zugeschnitten zu sein. Die im großen Nordflügel geparkten Flugzeuge, die auf Renderings bereits zu sehen sind, wirken beispielsweise wie nur untergestellt, jederzeit bereit, zur Startbahn des alten Flughafens zu rollen. Durch unterschiedliche Temperaturzonen, intensive Tageslichtnutzung und natürliche Lüftung gewährleistet der Bau einen ressourencenschonenden Betrieb.
Sein Verständnis für vorgefundene Gefüge und Kontexte hat Michał Szymanowski mit der feinsinnigen Neugestaltung des Maria-Magdalenen-Platzes an der Ulica Grodzka und eines der zahlreichen Forts rund um Krakau unter Beweis gestellt. Beim Entwurf des ganz im Nordosten der Stadt am Rondo Barei geplanten zentralen Standesamts konnte er eine eigenständige Formensprache entwickeln. Die auffällige, an ein Lochkartenmuster erinnernde Fassade kommt dadurch zustande, das Szymanowski die Fenster unregelmäßig in die Außenwände einsetzte. Warum soll nicht jeder Bereich, jeder Mitarbeiter schon durch die Platzierung der Fensters einen individuellen Raumzuschnitt haben, dachte sich der Architekt. Das ungewöhnliche Projekt bekam bereits den Zuschlag. Baubeginn soll noch 2009 sein.
Krakaus Shooting Star?
Als Geheimtip unter den jungen Krakauer Architekten wird schließlich das erst vor wenigen Jahren gegründete Büro Mobius gehandelt. Das junge Team um Przemek Olczyk hat sich bislang auf Wohnhäuser sehr individuellen Zuschnitts konzentriert. Besonders beeindrucke die Kombination von natürlichen Materialien und avancierten technologischen Lösungen, lobte das Lifestyle-Magazin Wallpaper. »In Krakau selbst und im nahen Pielgrzymowice haben wir allerdings erst zwei Häuser realisiert«, berichtet Olczyk. Doch sollen bis 2010 weitere Projekte fertiggestellt werden, darunter das spektakuläre »Edge House«, das gekonnt die Gegebenheiten des Bauplatzes – eines aufgelassenen Steinbruchs mit acht Meter hohen Abbaukanten – aufgreift. Kollegen meinen, dass der Newcomer das Zeug zum Shooting Star besitzt: »Wenn die Leute von Mobius erst einmal ein größeres öffentliches Projekt gebaut kriegen – dann können die alles bauen,« so ein Krakauer Architekt. – Und vielleicht werden die Touristenströme dann endlich nicht mehr nur wegen des historischen Ambientes, sondern auch wegen der neuen Architektur nach Krakau kommen. •
Der Autor arbeitet als Kultur- und Reisejournalist in Hamburg und publiziert u. a. zu Architektur und Design.