Die Schnittstelle

Runderneuert: Die Rückseite des des Kölner Doms

~Uta Winterhager

Es gibt Orte in der Stadt, da fragt man sich: »Wie konnte das passieren?« Hinter dem Chor des Kölner Doms z. B. lag bislang ein klassischer Unort, an dem sich drei Generationen von Planungen überlagerten. Den Dom trifft dabei keine Schuld, er stand schon einige Jahrhunderte dort, als Christian Schaller ihn 1968 mit der Domplatte seines Hügels beraubte und eine zweifelhafte Unterwelt generierte. Knapp zwanzig Jahre später blieben Busmann und Haberer mit dem Bau des Museums Ludwig auf und der Philharmonie unter genau dieser Höhenlinie. Dem Geist der Zeit entsprechend eine gute Idee, die Stadt über die Autos zu erheben, doch es gab eine Stelle, an der es ganz gewaltig knirschte. Dort saß ein bronzener Dionysos in einem unheimlichen, dunklen Loch, in dem sich ausgerechnet der Zugang zu einem Baptisterium aus dem 6. Jahrhundert befand. Wenige Meter davon entfernt verband ein Nadelöhr Bahnhof und Altstadt. Ein eigentlich unhaltbarer Zustand, doch er blieb fast fünfzig Jahre so, genau wie Schmutz, Lärm, Verkehrschaos und Angst.
Einen Wettbewerb für die Neugestaltung der Domumgebung Ost hatten Allmann Sattler Wappner, München, schon 2002 gewonnen, jetzt endlich ist das Projekt offiziell fertig geworden. 15 Jahre sind auch für Kölner Verhältnisse viel Zeit, aber mal fehlte das Geld, dann standen Urheberrechte im Weg. Doch die Architekten bewiesen einen fast unmenschlich langen Atem, und nun ist alles besser. Aber eben nur besser, denn die große Lösung war politisch nicht gewollt.
So bleibt der Tunnel immer noch ein Tunnel, auch wenn er nun hell ausgeleuchtet ist, seine Fläche um 30 % reduziert werden konnte, es statt vier Fahrstreifen nur noch zwei gibt, dafür (schmale) Fahrradspuren und auf beiden Seiten einen breiten Fußweg. Ein Boulevard sollte es werden, doch die großen Medienwände schrumpften mit dem Budget zu einem Medienband auf der Museumsseite. Gegenüber, in den nagelfluhverkleideten Domsockel, wurden vier raumgroße Vitrinen eingeschnitten. Sie werden Einblicke in die Dombauhütte, das Römisch-Germanische Museum und den Dom geben, wenn es den Institutionen gelingt, langfristig Mittel und Menschen zu aktivieren, um sie ansprechend zu kuratieren. Gewonnen hat das Baptisterium, sein Eingang liegt nun frei, doch gut geschützt hinter einem Tor aus Bronzeguss. Davor steht, provokant und ein wenig im Weg, der Gott des Weins, der Fruchtbarkeit und der Ekstase. Und der wundert sich wahrscheinlich am wenigsten, dass auch schöne Oberflächen, sorgsam ohne Ritzen und Nischen geplant, und kostbare Materialien in diesem bahnhofsnahen öffentlichen Raum nach wie vor niemanden davon abhalten, sich in jeglicher Form zu erleichtern.