Eisschollen haben die Architekten S333 ihre Gebäude für das Ciboga-Terrain in Groningen genannt. Als Elemente des städtischen Raums schreiben sie den Kontext fort. Seite 58

Der Zumthor hat seine Schuldigkeit getan …

Ein junger Geschichtstourist, der die Reste eines deutschen Konzentrationslagers durchwandert und sich nur auf das verlässt, was er da sieht, wird feststellen: Es ist ziemlich viel Gras über die Verbrechen der Nazis gewachsen, buchstäblich.

Für jene Generationen, denen die »Gnade später Geburt« zuteil wurde, ist es an solchen Orten nicht leicht, Gefühle der Betroffenheit zu entwickeln: Da ragen ein paar Fundamente aus dem Boden, dort vielleicht die Reste eines Krematoriums. Man sieht Stacheldrahtzäune, Mauern, ein paar feste Bauten. Viel Zwischenraum, Leere.
Nur gut, dass es in diesen – der Geschichtsoberlehrer der Nation, Guido Knopp, würde vielleicht sagen: History Parks immer irgendwo ein kleines Dokumentationszentrum gibt; einen »Denk- und Lernort« also, wo Defizite an Betroffenheit ausgebügelt und pädagogisch verursachte Informationslücken ad hoc geschlossen werden können.
Die »Betroffenheitslücke«, die sich im Verlauf historischen Erinnerns immer weiter auftut und doch geschlossen werden will, ist das eigentliche Thema, das sich aus der langen, leidvollen Projektgeschichte der Überbauung des Berliner Ausstellungsgeländes »Topographie des Terrors« herausgeschält hat. Der Schweizer Architekt Peter Zumthor, der 1993 nach einem Wettbewerb den Auftrag bekam, ein ebenso schlichtes wie beeindruckendes Gebäude auf jenem etwa sechs Hektar großen Gelände im Herzen Berlins zu errichten, wo zwischen 1933 und 1945 die polizeilichen Leitzentralen des Nazi-Regimes untergebracht waren, ist nun ein erstes, prominentes Opfer der immer noch ziemlich linkischen Methoden deutscher Betroffenheitsfabrikation geworden.
Die Berliner Bauverwaltung wollte ihn zunächst unbedingt, diesen Star des monumentalen Minimalismus – und dann nicht mehr. Man rühmte über Jahre hinweg Zumthors Idee, das Gelände (wo wenig mehr als die ruinösen Fundamente, Keller und Kerker von Gestapo, SS, SD und Reichssicherheitshauptamt zu sehen sind) mit einer riesigen, lichten Scheune aus blockhausartig gefügten Betonstäben zu überbauen – um den Entwurf fast zehn Jahre später als technisch unausgegoren und unkalkulierbar zu verwerfen. Und niemand in Politik und Verwaltung störte sich daran, dass der Entwurf trotz seiner Noblesse von Beginn an durch die Stiftungsgremien der »Topographie des Terrors« – also den Betreiber – abgelehnt worden war. Die Stiftung wollte eine »dezentral« organisierte, unprätentiöse Architektur: inspiriert von den mittlerweile beiseite geräumten Provisorien, mit denen das Experiment 1978 nahe der Berliner Mauer begonnen hatte.
Zwei unversöhnliche Konzepte von Einfachheit? Jetzt soll ein drittes her. Ein neuer Wettbewerb wird vorbereitet. Ungefähr 25 Millionen sind noch im Portemonnaie. Das würde schon reichen für ein paar Pavillons und ein leichtes Zeltdach, vielleicht aufgespannt über den drei bereits errichteten Treppenhausstümpfen des Zumthor-Projekts. Warum sollen sie eigentlich abgerissen werden, da sie doch mittlerweile selbst zum Ort und seiner Geschichte gehören?
Kürzlich hat der Berliner Stadtforscher Dieter Hoffmann-Axthelm in der Zeit vorgeschlagen, sich wieder des alten Provisoriums zu erinnern: »Das Gelände selbst spricht: Das ist eine Erfahrung wie eine Hoffnung, die auf die Sensibilität der Besucher setzt – dass sie fähig sind, den Text zu lesen.« Eine legitime Position – die aber nicht recht wahrnehmen will, dass die »Topographie des Terrors« vor 1989 von den Besucherströmen profitierte, die im Martin-Gropius-Bau ein anspruchsvolles Kunsterlebnis, direkt dahinter einen Mauer-Schauder und gleich daneben eine Gestapo-Gänsehaut suchten.
Heute gibt es im wiedervereinigten Großraum Berlin eine beachtliche Konkurrenz historischer Orte. Und wer in der gefurchten »Topographie des Terrors« mitten im Grünen »den Text liest« und dabei nicht nur die folternden Kellermeister von SD und Gestapo, sondern auch die (wesentlich effizienteren) Schreibtischtäter in den weggebombten Amtsstuben darüber vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt, verdient allen Respekt: Für dieses Publikum allein müsste man in der Tat keine Millionenbauten und Institutionen errichten.
Aber was ist mit den Zielgruppen, die für die Kenntnisnahme der deutschen Vergangenheit erst noch gewonnen werden wollen? Für die wäre so ein Denk- und Lernzentrum, wie es Zumthor entworfen hatte, gerade gut genug gewesen. Und auch nicht zu teuer – im Vergleich mit Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal ein paar hundert Meter weiter. Christian Marquart
Am 9. Juli findet im Martin-Gropius-Bau in Berlin ein öffentliches Symposium »mit allen Beteiligten«, so die Bauverwaltung über das weitere Vorgehen bei der Neuausschreibung für den Bau des Dokumentationszentrums statt.