Aktuelle Architekturströmungen und Chancen für deutsche Architekten und Ingenieure im Iran

Der eigene Platz in der Gegenwart

Aufbruchstimmung: Nach dem Wegfall der Sanktionen erwarten die Iraner nicht nur ein Ende der globalen Isolierung und eine Besserung der Wirtschaftslage, sondern auch eine engere Zusammenarbeit mit dem Westen. Und tatsächlich sondieren erste Wirtschaftsdelegationen den iranischen Markt und die Kooperationspotenziale, schließlich ist ausländisches Know-how, technisch wie gestalterisch, in dem Land mit seinem westlichen Lebensstil sehr gefragt. Politik und Verwaltung sind dabei, die nötigen Strukturen dafür zu schaffen, und der Iran beginnt, für ausländische Architekten interessant zu werden.

~Armin Haghnazari

Die moderne Metropole Teheran sieht sich einem permanenten Wandel, vornehmlich massivem Zuzug ausgesetzt. Dieser geht zu Lasten traditioneller Strukturen, allenthalben fallen der Verdichtung Gebäude und ganze Straßenzüge zum Opfer, die Stadt verliert an Charme und Identität (zu den Ursachen des hohen Siedlungsdrucks und Strategien, seiner Herr zu werden, lesen Sie »Das Ringen um Entlastung« in db 9/2015, S. 14-16). Die iranische Form der Bauhaus-Moderne, die in den 70er Jahren ausgewogene Entwürfe mit persischen Stilelementen und klug gesetzter Ornamentik hervorbrachte, weicht schierer Baumasse im Stilmix oder in opulentem Barock (Abb. 3), denn schlichte, zurückgenommene oder gar minimalistische Entwürfe haben es im Iran eher schwer. Die Investoren suchen nach Alleinstellungsmerkmalen und befördern dadurch die Ausbildung komplizierter Spielereien, selbst wenn sich diese als kaum ausführbar erweisen. Der Markt wird überschwemmt von massiver Showarchitektur, die mit aufwendigen Steinfassaden und Entrees à la Versailles zwar Macht und Reichtum signalisiert, dahinter aber allzu oft mit höchstens durchschnittlicher Wohnungsqualität und mäßiger Bausubstanz enttäuscht.
Doch langsam bauen sich Gegengewichte dazu auf. Zum einen wurde bei der Teheraner Baubehörde eine Fassadenkommission eingerichtet, welche bei Neubauanträgen die Fassadenpläne prüft und die Materialien vorgibt, um den neo-barocken Verirrungen Einhalt zu gebieten. Zum anderen hat sich die aktuelle Architekturszene auf die Suche nach einem eigenen Baustil begeben, und auch die privaten Bauherren fragen vermehrt nach innovativen Konzepten, technischen Raffinessen, aber auch nach landestypischen Stilelementen. Im Grunde knüpfen sie damit alle an Zeiten an, zu denen die iranische Bautradition mit der europäischen Moderne eine harmonische Verbindung einging und aus denen z. B. zahlreiche in der Schah-Zeit von deutschen Architekten und Ingenieuren gebaute Ministerien und Infrastrukturprojekte im Teheraner Stadtbild erhalten geblieben sind.
Auf neuen Wegen
Die neue Architektur ist durch hohe Ausführungsqualität und durchgehende Konzeptionen gekennzeichnet. Buntes Fensterglas und Mauerwerkshandwerk aus der bis 1925 währenden Kadscharen-Dynastie werden liebevoll integriert und in die Jetztzeit geführt. Als Beispiele seien das Büro Bracket Design Studio oder die Architektengemeinschaft Madjdabadi und Mashadimirza genannt, die experimentell vorgehen und neue Verlegearten und Strukturen im Mauerwerksbau erproben. Letztere verwenden in ihrem »40 Knots Building« traditionelle Verfahren der Teppichknüpfkunst als Vorlage, um 3D-Strukturen einer komplexen Mauerwerksfassade zu gestalten (Abb. 5). Der Architekt Mohammadreza Ghodousi nimmt das traditionelle bunte Fensterglas der Kadscharenzeit in sein Projekt »Pourkan Weekend Villa« auf (Abb. 4) und lässt das farbige Licht als Highlight in minimalistische weiße Räume fluten. Das Büro Zandigan Architecture Office nimmt die persische Ornamentik in seinen Brüstungen auf und stellt sie modernen Flugdächern gegenüber (Abb. 1). Heidarian und Samadian lassen ihre bunte Glasfassade wie aneinander gereihte moderne Teppiche erscheinen (Abb. 6). Vorbild waren die bunten Fenstergläser der Moscheen. So verbinden sich in den Arbeiten dieser jungen Büros Tradition und Zukunft. Die alten Materialien finden in eine neue Formensprache, mit örtlichem Bezug und hoher Ausführungsqualität.
Organische Formensprache, Skulpturales und Ikonisches stehen im Iran traditionell hoch im Kurs – auch wenn es bisweilen in eklatantem Gegensatz zu den technischen Möglichkeiten der iranischen Bauindustrie steht. Eins der deutlichsten Zeichen dafür – und qualitativ eine Ausnahme – ist die komplexe Geometrie des Azadi-Turms (Abb. 2) von 1971 – eine Art Triumphbogen auf dem Freiheitsplatz, der zur Verherrlichung der Monarchie gedacht war und später zum »Freiheitsturm« und Nationaldenkmal umdefiniert wurde. Dieses Wahrzeichen des modernen Teheran gilt als Meisterleistung des iranischen Architekten Hossein Amanat.
Als ein zeitgenössischer Vertreter der organischen Architektur im Iran besticht das Büro Next Office durch fließende Formgebung mit guter Ausführungsqualität im Villenbau, wie z. B. die »Kouhsar Villa« (Abb. 8) oder die »Villa for an actor« (Abb. 7).
Deutsche Kompetenz für den Iran
Man verfolgt im Iran die internationale Architektur zwar mit Spannung und eifert den großen Vorbildern in Bezug auf Formgebung, Konzeption und Visualisierungstechnik nach, doch die Weiterführung der Idee in die Ausführungsreife und das planerische Einbeziehen der Bautechnik ist nach wie vor verbesserungswürdig. Es fehlt an interdisziplinärer Herangehensweise, sauberer Koordination aller Schnittstellen und am Glauben an die Sinnhaftigkeit einer nachhaltigen »grünen« Architektur. Projektsteuerung und Projektmanagement stecken noch in den Kinderschuhen.
Europäische Architekten hatten es in den letzten zehn Jahren schwer, sich im Wettbewerb durchzusetzen, da mit den 2006 gegen den Iran verhängten Sanktionen der Verfall des Rials einsetzte und Vertragsabschlüsse in westlicher Währung für die iranischen Investoren zu teuer und unkalkulierbar wurden. Die aktuellen Geschehnisse nähren aber die Hoffnung, dass gut organisierte Arbeitsgemeinschaften zwischen ausländischen, z. B. deutschen, und iranischen Architekten wieder zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit führen. Gründlichkeit, Zuverlässigkeit und Know-how made in Germany sind im Iran hoch angesehen. Deutschland steht mit seiner Architekturgeschichte und der heutigen Planungskompetenz für ein innovatives und weitsichtiges Bauen.
Unter den aktuellen Bauaufgaben im Iran nimmt der Wohnungsbau die vorderste Stelle ein, gefolgt von sämtlichen Bereichen der Infrastruktur, darunter Krankenhäuser, Flughafenerweiterungen samt zugehörigen Gewerbeflächen und ganze Stadtviertel.
Unter Investoren entsteht die Auffassung, dass honorarintensivere Planungen zu einem größeren wirtschaftlichen Erfolg führen können. Die Honorare steigen und werden mittlerweile als Voraussetzung für eine hohe Bauqualität betrachtet.
Auch bei staatlichen Auftraggebern sind Kooperationen mit deutschen Planern gern gesehen, weil sie eine nachhaltigere Qualität versprechen. Bei vielen bisherigen Projekten ließen sich weder die Entwurfsidee noch die Ausführungsqualität über die Bauzeit retten.
Die bislang praktizierte strikte Aufteilung der Planungsleistungen in Entwurf (ausländisches Büro) und Ausführungsplanung (iranisches Büro) wird mehr und mehr aufgegeben, zugunsten einer engen Verflechtung der Planungspartner über alle Leistungsphasen hinweg. Oft wird sogar die Federführung durch einen leitenden ausländischen Architekten (Lead Architect) verlangt. Ohne die Kenntnisse der örtlichen Kontaktarchitekten über die bürokratischen Strukturen und im örtlichen Recht geht es allerdings kaum. Auch darf man den Wert ihres Verhandlungsgeschicks gegenüber den iranischen Bauherren nicht unterschätzen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Golfstaaten sind die Frauen im Iran in der Arbeitswelt den Männern gleichgestellt.
Wer im Iran staatliche Projekte plant, muss mit deutlich längeren Laufzeiten und sogar gelegentlichen Unterbrechungen der Baumaßnahmen rechnen. Die verwaltungstechnischen Hindernisse, wie z. B. eine unklare Budget-Lage und zu häufige Planänderungen, sind aber als solche erkannt und werden von staatlicher Seite bereits angegangen.
Da sich die iranische Bauwirtschaft erheblich von der europäischen unterscheidet, gilt es, sich vor Ort über die verfügbaren Materialien und Leistungen kundig zu machen, mit diesen zu planen und ggf. durch ausländische Produkte zu ergänzen. Es empfiehlt sich die frühzeitige Festlegung der Qualität von Leistungen und Materialien, um auch die Aufteilung der Leistungsphasen zwischen dem deutschen und dem lokalen Architekten klar bestimmen zu können. Eine Handwerksausbildung, wie man sie aus Deutschland kennt, gibt es nicht. Es fehlen allgemeine Baustandards. Für staatliche Projekte werden die Bauleistungen ausgeschrieben. Entsprechend fällt die Qualität hier zumeist geringer aus als bei privaten Baumaßnahmen, für deren Umsetzung Architekten und Ingenieure ihre Handwerker direkt beauftragen können.
Zu den Grundpfeilern des Erfolgs im Iran gehören natürlich die deutsche Berufsphilosophie, aber auch interkulturelle Kompetenzen, zu denen nicht allein Offenheit und Akzeptanz zählen, sondern auch die Bereitschaft, zu diskutieren und Kompromisse einzugehen. Höfliche Zurückhaltung wird eher als Desinteresse oder Unsicherheit gewertet. Es empfiehlt sich, persönliche Begegnungen, gerade beim ersten Gespräch, sehr ernst zu nehmen, Kontakte sorgfältig zu pflegen und Missverständnisse stets schnell auszuräumen. Geschätzt werden variantenreiche Vorplanungen, das stetige, engagierte Verfolgen der Sachlage, Flexibilität und die dauerhafte Präsenz auf der Baustelle, um den geringeren örtlichen Baustandard auffangen zu können. Da sich die Rahmenbedingungen schnell ändern können, bedarf es einen langen Atems wie auch einiger Geduld, z. B. für die typischen Teepausen. Durch dauerhaften gegenseitigen Informationsaustausch auf Augenhöhe stehen die Chancen gut, dass die internationale Projektarbeit zu hochwertigen, auf den Iran angepassten Lösungen führen.
• Der in Deutschland aufgewachsene Autor Armin Haghnazari hat sowohl die deutsche als auch die iranische Staatsbürgerschaft und arbeitet seit 2001 als Architekt und Bauingenieur in Teheran. Er ist Vertrauensarchitekt des Auswärtigen Amts für den Iran und Afghanistan, Mitglied der deutsch-iranischen Handelskammer und Kontaktarchitekt bei NAX.

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