Denkmalschutz ist Klimaschutz – um jeden Preis?

In dem im Februar 2011 veröffentlichten Positionspapier »Denkmalschutz ist Klimaschutz« haben elf im

~Jürgen Lintner

Bereich des Denkmalschutzes und der Architektur tätige Organisationen und Institutionen vier wesentliche Forderungen erhoben: Die Einrichtung eines zusätzlichen KfW-Programms »Effizienz-Denkmal«, die Abschaffung des »Ausnahmetatbestands Denkmal« im KfW-Programm »Energieeffizient sanieren«, die Überprüfung der Kompetenz der Deutschen Energie-Agentur und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Förderprogramme.
Initiatoren des Positionspapiers sind neben der Bundesarchitektenkammer u. a. Verbände und Organisatoren aus verschiedenen Bereichen: der BDA, der Bund Heimat und Umwelt in Deutschland, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, die Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz, die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (…) oder die Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege. Alle Unterzeichner reagieren damit auf die Tatsache, dass die derzeit gängigen Förderprogramme keine Rücksicht auf die besonderen Erfordernisse von (Kultur- oder Bau-)Denkmälern nehmen. So weit, so gut – oder? Den Forderungen, die auf den ersten Blick alle sinnvoll erscheinen, lässt sich aber nicht gedankenlos und in Gänze zustimmen.
Denkmalschutz ist primär Ländersache und sollte das auch bleiben. Denn nur ein Bundesland selbst kann seine Fördermittel sinnvoll auf die Landschaftsverbände und/oder auf die Kommunen verteilen. Die Mittel der KfW hingegen bilden den kleinsten gemeinsamen Nenner aus bundes- und energiepolitischen Interessen. Dieses Budget ist nicht nur jährlich, sondern manchmal auch monatlich den Begehrlichkeiten anderer Budgetträger auf Bundesebene ausgesetzt. D. h., das zur Verfügung stehende Budget ist alles andere als verlässlich. Wird jetzt die Forderung erhoben, dass die Förderung von Denkmalmodernisierungen ebenfalls über die KfW abgewickelt würde, steht außerdem zu befürchten, dass andere – durchaus sinnvolle – Förderprogramme für Neubau, Modernisierung und neueren Wohnungsbestand gekürzt werden. Das ist mit Sicherheit nicht sinnvoll. Auch wenn sich die Forderung, 3 % der KfW-Fördermittel für die energetische Sanierung von Denkmälern zu nutzen (entsprechend der Tatsache, dass Denkmäler 3 % unseres Gebäudebestands ausmachen), zunächst milde anhört: Unter der Voraussetzung, dass der generelle Förderansatz der KfW gesenkt werden soll, bekommt diese Zahl eine andere Dimension. Ohnehin prüft die KfW akribisch jeden Förderantrag, manchmal auch zu Lasten des Antragstellers und nur gegen Vorlage zusätzlicher, über die Anforderungen des Förderprogramms hinausgehender Nachweise. Dieser große bürokratische Aufwand mag auch ein Grund dafür sein, weswegen von der bestehenden Ausnahmeregelung für Baudenkmäler im KfW-Programm »Energieeffizient sanieren« nur wenige Gebrauch machten: Gerade einmal 35 Anträge wurden zwischen 2007 und 2010 eingereicht. Ein zusätzliches Förderprogramm »Effizienz-Denkmal« und dafür die Abschaffung des »Ausnahmetatbestands Denkmal« scheint daher wenig zukunftsfähig.
Die dritte Forderung, die Überprüfung der Kompetenz der dena, ist wohl die notwendigste von allen. Die dena hat sich nie durch besondere Fachkompetenz hervorgetan – erst recht nicht beim Denkmalschutz. Wer wie die dena einerseits über das Portal »www.myhammer.de« Energieausweise zum Dumpingpreis anbietet, andererseits aber den entsprechenden Sachverstand nur gegen Bezahlung in die eigene Energieberaterliste aufnimmt, läuft Gefahr, sich selbst ad absurdum zu führen und die ohnehin fragliche Kompetenz noch weiter zu schmälern. Auch ist der Ärger verständlicherweise groß, wenn die dena einen Leitfaden wie »Energieeinsparung und Denkmalschutz« herausgibt, ohne diesen in Abstimmung mit Denkmalschutzorganisationen zu entwickeln. Erstaunlich ist hier aber auch die Tatsache, dass der finanzielle Träger der dena das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie ist – dessen Interesse am Wohlergehen der deutschen Bauwirtschaft mittlerweile niemandem mehr entgangen sein dürfte.
Die Forderung bzgl. der Weiterentwicklung der bestehenden Förderprogramme ist ebenfalls sinnvoll: Es muss geprüft werden, ob sich mögliche Synergieeffekte zu anderen Förderprogrammen wie z. B. der Städtebauförderung erstellen lassen und ob auch Quartierslösungen in die Förderungen miteinbezogen werden könnten. V. a. aber sollte, wie von den Unterzeichnern gefordert, untersucht werden, ob nicht auch die Gesamtenergiebilanz eines Gebäudes (über seinen kompletten Lebenszyklus) als Förderkriterium bewertet werden kann. Nehmen wir Maß an dem verwandten Bereich der »Erhaltung automobilen Kulturguts« (so die offizielle Definition des Begriffs Oldtimer): Die im Bauwesen vielzitierte Nachhaltigkeit zeigt sich bei Autos darin, dass der Neubau eines PKWs nach gesicherter Kenntnis heute etwa 25 mal so viel Energie verschlingt wie die Restaurierung eines alten Fahrzeugs. Für die Sanierung eines Hauses gilt im Vergleich zum Neubau ein ähnlicher Quotient. Nur: Keiner traut sich, das so zu sagen.
Bestandsbauten mit Augenmaß und materialgerechtem Vorgehen zu modernisieren, bedeutet immer noch einen geringeren Aufwand und Energieverbrauch als die bloße U-Wert-Sanierung gemäß KfW oder EnEV. Es kommt nicht auf die Umsetzung von Einzelmaßnahmen, sondern auf das Gesamtergebnis an. Allein: Das entsprechende Fachwissen hinsichtlich älterer Bautechnologien ist mittlerweile fast verloren gegangen; leider auch das Fachwissen in den beurteilenden Ministerien, Förderbanken und Fachgremien. Die Fachkompetenz der Planer bleibt also gefragt. Und sie kann hier durchaus zu wirtschaftlicheren Ergebnissen für den Eigentümer führen als der Einsatz von Fördermitteln der KfW.
Der Autor ist Architekt VFA, Energieberater der AKNW und Mitarbeiter im Normungsausschuss Wärmeschutz beim DIN.