Chilenisches Rätsel

~Jay Merrick

Der diesjährige Serpentine Gallery Pavilion im Londoner Hyde Park, entworfen vom chilenischen Architekten Smiljan Radic und noch zu besichtigen bis zum 19. Oktober, kann als erster der 14 bisherigen Pavillons in seiner Eigenschaft als Bau mit sozialer Funktion zwar durchaus als Architektur gelten, doch unmöglich kann man ihn mit Maßstäben wie »modern« oder »postmodern« messen. Zugleich Kokon und Aussichtsplattform, ist das leicht verrottet aussehende Gebilde letztlich die übergroße Ausführung eines groben Modells aus Pappmaschee und Klebestreifen, das Radic anfertigte. »Nicht groß denken, einfach akzeptieren, was es ist«, ist sein Kommentar dazu.
Das Modell wurde gescannt, statisch verbessert und in glasfaserverstärktem Kunststoff ausgeführt. Hergestellt wurde das Konstrukt in einem Flugzeughangar in Yorkshire und von dort in 56 Teilen nach London transportiert. Die »Fugen« zwischen den Lagen wurden roh belassen, damit die ausgefransten Stellen sichtbar werden, wenn Sonnen- oder Kunstlicht durch die pergamenthafte Hülle dringt. Da das Dach nicht ausreichend steif ist, wird es von zwei schmalen Streben gestützt, die auf einer Stahlplatte sitzen, die ihrerseits auf den Steinblöcken ruht.
Diese Fakten sind allerdings trivial angesichts einer architektonischen Methode, die eher anti-architektonisch und anti-methodisch ist. Radic arbeitete sich durch diverse experimentelle Formen hindurch und sieht den Pavillon als »folly« im »extravagant romantischen« historischen Sinn: »Wer eine ›folly‹ betrachtet, muss die Ratio ausschalten.« Der Verdacht, dass Radic auch seine eigene Ratio ausgeschaltet hat, sobald er Pappmaschee und Klebestreifen in Händen hielt, liegt nahe.
Die Form mit ihren drei Ausschnitten und einem hervorstehenden Metallfenster ist u. a. von David Hockneys »Boy Hidden in a Fish« inspiriert. Doch zentral für den Entwurf (und Radics Architektur überhaupt) ist die Poesie, die von Collagen, Ruinen und deren Fragilität ausgeht. Die Aura des Pavillons erinnert sowohl an die »Ruinenlust« des 18. Jahrhunderts als auch an die eigenartige Kargheit von Joseph Beuys‘ »Schlitten« von 1969. Die architektonische Sprache ist eine bewusst mysteriöse Gegenüberstellung von Materialien unterschiedlicher Massivität und Dichte. Der Pavillon bietet keinen kohärenten Eindruck von Vergangenheit oder Zukunft und widersetzt sich metaphorischen und ästhetischen Referenzen. Der überzeugendste Hinweis auf Bedeutung und Charakter des Pavillons findet sich aber wohl in Radics Faszination für objets trouvés. Letztlich ist der diesjährige Serpentine Pavilion ein künstlich geschaffener Zufallsfund, dessen Form und Materialien von echten gefundenen Gegenständen inspiriert sind. Wer ihn begeht, wird sich möglicherweise weniger als Besucher denn als Fundstück in diesem quasi-architektonischem Rätsel fühlen.