Der Campus der Wirtschaftsuniversität Wien

Buntes, Schräges und 12 000 m2 Cortenstahl

Die neue Adresse der größten Wirtschaftshochschule in Österreich lautet: »Welthandelsplatz 1«. Diesem internationalen Anspruch sollte auch die Architektur genügen – große Namen aus dem Ausland wurden angelockt und lieferten wunschgemäß starke Gesten für das offen strukturierte Gelände.

~Andrea Nussbaum

Im Herbst 2013 haben die Studierenden und Lehrenden der Wirtschaftsuniversität Wien ihren ehemaligen Sitz auf dem riesigen Uni-Gelände beim Franz-Josefs-Bahnhof, einen Bauklotz aus den frühen 80er Jahren, gegen den neuen Campus getauscht – zeitgenössische Architekturerlebnisse von weiten Auskragungen, über polygonale Formen, poppige Farben bis hin zu kühlem Sichtbeton sind in den Studiengebühren inbegriffen.
Das Konzept der anglo-amerikanischen Campus-Universität hat in Österreich in den letzten Jahren Fuß gefasst und im WU-Campus nun seinen architektonischen Höhepunkt gefunden. In Wien versprach man sich, ausgehend von der Beobachtung, dass die Studenten immer weniger Zeit an der Uni verbrachten, v. a. mehr Kommunikation zwischen den Lehrenden und den Studierenden. Das Areal dazu stellte die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), die auch als Bauträger fungiert, zur Verfügung. Die ehemalige Brache liegt im Wiener Stadterweiterungsgebiet neben dem Wurstelprater – jenem berühmten Vergnügungspark mit dem noch berühmteren Riesenrad – zwischen dem Messegelände, einem Naherholungsgebiet und dem Business Park »ViertelZwei«. Es ist von zwei Seiten her an die U-Bahn angeschlossen und bietet zudem die Möglichkeit, zuzeiten von Großprüfungen auf die benachbarten Messehallen auszuweichen.
Anfang 2008 schrieb die BIG einen EU-weiten, offenen Generalplanerwettbewerb aus, den Laura P. Spinadel mit ihrem Büro BUSarchitektur gewann. Ihr Masterplan überzeugte die Jury städtebaulich und funktional, nicht zuletzt durch den Ansatz, die Universität als Schnittstelle zur Gesellschaft zu sehen, umgesetzt in einer lockeren Bebauung mit großen Freiflächen für alle, nicht nur Uni-Zugehörige. Wichtig war den Architekten ein offener, von allen Seiten zugänglicher Campus ohne Zäune, ohne Haupteingang, eine »24/7«-Universität mit Campus-Atmosphäre. Sie definierten dazu fünf Baufelder mit dem »Library & Learning Center« als »Herzstück« im Zentrum. Aus dieser programmatischen Offenheit, dem Leitmotiv einer lockeren Diversität und der eigenständigen Bebaubarkeit der Felder wurde die Entscheidung für ein zweites Verfahren geboren. Über die genauen Gründe dafür kann man leider nur spekulieren. BUSarchitektur – ein bis zu dieser Entscheidung relativ kleines Büro – wurde flugs beauftragt, sowohl die Planung des Hörsaalzentrums (»Teaching Center«) als auch die Freiraumgestaltung des gesamten Areals zu übernehmen. Der Rest der Campus-Architektur wurde Ende 2008 einmal mehr unter dem Juryvorsitz von Wolf D. Prix ermittelt. Der Zeitdruck – man wollte 2012 mit den Neubauten fertig sein – war groß, ebenso wie der Wunsch nach unterschiedlichen »Handschriften«, bzw. das Anliegen, international agierende Architekten, die sich im ersten Verfahren nicht beworben hatten, nach Wien zu holen. Auf ein offenes Bewerberverfahren (Büros konnten sich mit drei Referenzprojekten und ein bis zwei »Wunschbaufeldern« bewerben) folgte die Einladung zum Wettbewerb und schließlich die Kür der Sieger. Böse Zungen behaupten, der Dekonstruktivist Prix habe bei der Auswahl sehr seine Gesinnungsgenossen im Auge gehabt. Was Wunder also, dass Zaha Hadid das »Library & Learning Center«, das »Herzstück«, zugesprochen bekam. Die übrigen Baufelder gingen an Hitoshi Abe, Carme Pinós, No.mad Arquitectos und Sir Peter Cook mit seinem CRAB studio – eine klare Entscheidung für »Signature Architecture«.
Seit der Ankündigung, dass Zaha Hadid das LC baut, war der Hype um die Baustelle groß: Ein weißes, schiffsähnliches Bauteil trägt als Dach das in dunkle Betonfaserelemente gekleidete Lesezentrum, das in 16,3 m Höhe imposante 36 m weit in den Campus hinausragt – Architektur perfekt inszeniert als Marketinginstrument der neuen Wirtschaftsuniversität. Man versteht, wie klein sich die Menschen im Mittelalter beim Anblick der gotischen Kathedralen gefühlt haben müssen. Respekt, Ehrfurcht, all das, was die mittelalterlichen Bauten den Menschen vermittelten, kommt durch diesen überwältigenden Maßstab ins Spiel.
Aber funktioniert diese Landmarke im Alltag? Schnell war erste Kritik zu hören: Die Wege seien lang, die Rampen eng. Im Innern beeindruckt zunächst das Erhabene: ein riesiges Atrium mit seitlich angeschlossenen Festsälen, ein leerer Luftraum. Dennoch erschließt sich Logik des Gebäudes nur schwer und auf den Rampen wird es tatsächlich eng: Die Brüstungen sind schräg nach innen gekippt, und die Handläufe reichen zudem noch weit in die Wegfläche hinein. Selbstverständlich ist der Sichtbeton perfekt gearbeitet, die Rundungen und Schrägen der Wände waren eine Herausforderung für die ausführenden Firmen. Das Raumerlebnis will sich trotz statischer und ingenieurtechnischer Anstrengungen aber nicht einstellen. Der Bau wirkt schwerfällig und kann nicht halten, was die spektakulären Perspektiven der Renderings und Fotos versprechen. Die Aussicht vom Lesezentrum über die Bäume des Praters hinüber zur Silhouette der Altstadt ist jedoch sensationell. Aber das war’s auch schon. Ein Weniger an schräger Pracht und ein Mehr an Nutzen hätte dem Bau gut getan.
Zum Wohlfühlen
Ganz anders gibt sich das Hörsaalzentrum von BUSarchitektur, schon allein im Maßstab, der um vieles menschlicher ausgefallen ist. Eine Hülle aus 3 mm dickem Cortenstahl (insgesamt 2 826 t), die im Bereich des Audimax auch ins Innere geführt wurde, gibt dem Gebäude und seinen beiden Hauptbaukörpern eine besondere Haptik und Wärme. Zwei Außentreppen führen vom Eingangsbereich eine Ebene höher: Die eine erschließt den Dachgarten auf der Mensa, eine Art Ruheoase ›
› in quasi-privater Abgeschiedenheit, die andere führt kaskadenartig zu einer der vielen Selbstlernzonen. Auf fünf Geschossen finden im Hörsaalzentrum insgesamt bis zu 5 000 Personen Platz. Faltungen und Split-Levels sorgen für Wohlbehagen, indem sie unterschiedliche Orte definieren, die gerne genutzt werden. Mit Akustikplatten bekleidet stellen sie viel Schallschluckfläche zur Verfügung. Für Gruppenarbeiten können kleine Glasboxen gemietet werden. Die vorgeschriebenen Fluchttreppen hat BUSarchitektur aus dem Gebäudevolumen herausgenommen und als skulpturales Zeichen an die nördliche Fassade gehängt.
Einige Probleme bereitete der Brandschutz: Um die Größe der Aula zu ermöglichen, mussten spezielle Rollos in der Decke versteckt werden, mit denen sich Brandherde einkesseln lassen. Überhaupt stellte das Facility Management hohe Anforderungen. Bernd Pflüger, Partner im Büro BUSarchitektur, erzählt, als man mit dem Bau begann, sei die Diskrepanz zwischen dem, was die Norm verlangt und was die Technik bot, sehr groß gewesen. So durften z. B. die Brandschutztüren keinen Antrieb haben, nach diesem verlangen aber die Anforderungen der Barrierefreiheit. Über 1 000 Türen gebe es allein in diesem Bauteil, niemand im Büro hätte sich jemals
gedacht, dass man einen Türspezialisten beschäftigen müsse, um dieser Problematik Herr zu werden. Die Barrierefreiheit siegte, denn der Ehrgeiz des Bauträgers BIG war groß, hier nicht nur den Standards für Rollstuhlfahrer gerecht zu werden, sondern diese noch zu übertreffen, durch Leitsysteme für Sehbehinderte oder auch durch spezielle Technik für Hörbehinderte in den Hörsälen.
Enfant terrible
Dem Ernst des Bauens stellte Peter Cook beim Department & Administration Center D3 sein ganz spezielles programmatisches Konzept gegenüber: Bloß keine Langeweile! Die teilweise schräg montierten, starren Holzlamellen an der Fassade sind reine Dekoration, sie lassen sich nicht bewegen, ihre Funktion als Sonnenschutz bleibt Behauptung. Und die gelb und orangefarben abgestuften Fassadenbänder machen noch lange keine Leichtigkeit. Als studentische Arbeit wäre der Fassadenentwurf in der Luft zerrissen worden. Über Farben lässt sich zwar streiten; was aber Peter Cook im Innern der beiden organisch geformten Bauten inszenierte, ist des Guten zu viel. Das Spiel mit der Farbe geriet hier noch intensiver: Blau, Violett und Pink kommen hinzu sowie getupfte Teppichböden und minzfarbene Möblierung – mehr ist mehr, wenn es nach Sir Peter Cook geht. Auch das Büro des Rektors befindet sich in diesem architektonischen Enfant terrible. Dem Uni-Chef gefiele es, heißt es.
Erwachsener gibt sich die Executive Academy gegenüber. Der verspiegelte, turmartige Bau von No.mad Arquitectos aus Madrid wird mit Sichtbeton, Metall, schwarzem Leder und vielen Spiegeln im Innern der Eitelkeit so mancher Vorstandsetagen gerecht. Auf demselben Baufeld fächern sich die hoch aufragenden Scheiben des Gebäudes D4 von Carme Pinós zum Campus-Zentrum hin auf. Sie erinnern mit ihrem puzzleartigen Fassadenmuster an das Computerspiel Tetris: Dunkle Fensteröffnungen mit faltbaren Schiebeläden aus Aluminium sind wie zufällig über- und nebeneinander auf der weißen Fassade verteilt. Dunkel-Hell ist auch das Hauptmotiv des Japaners Hitoshi Abe, dessen sanft geschwungenes Departmentbuilding D2 und das Study Center mit Sportzentrum und Kindergarten den Campus südöstlich begrenzen.
»Architektur von Weltrang« war in der Tagespresse zu lesen. Doch nicht alle teilen die Begeisterung: Als »Karneval der Alphatiere« betitelte die überregionale Zeitung »Die Presse« die Ansammlung an Stilen und Ansätzen. Einer, der sich schon länger nicht in das Tagesgeschehen eingemischt hatte, Architekturkritiker Otto Kapfinger, meldete sich zu Wort und befand (in erster Linie in Richtung Peter Cook), »eine Fortsetzung des Wurstelpraters mit anderen Mitteln«. Wirkliche Überraschungen blieben aus, die Geister, die man rief, blieben ihrem Ruf weitgehend treu. Laura P. Spinadel hingegen ist mit großer Nachdrücklichkeit dem Credo eines offenen, kommunikativen Raums gefolgt und hat v. a. in der Freiraumgestaltung abwechslungsreiche Sequenzen mit Sitzgruppen, Wasser- und Grünflächen abseits der Hauptachse geschaffen. Unterstützt wurde sie dabei von BOA büro für offensive aleatorik und von Landschaftsarchitektur Hannes Batik und Stefan Schmidt. Spinadel definiert den Erfolg ihres Campus verständlicherweise auf eigene Art: Wenn in fünf Jahren noch alles so offen und zugänglich sei wie bei der Eröffnung, meint sie, dann sei das Projekt erfolgreich.
Eines jedoch steht jetzt schon fest: Über die Campus-Architektur wird diskutiert – das allein ist in Wien schon ein Erfolg. •
  • Die Autorin studierte Kommunikationswissenschaften, war redaktionell für Architekturmagazine tätig und wirkte u. a. an den Architekturführern »Das Waldviertel« und »Das Weinviertel« mit. Sie lebt und arbeitet in Wien.
  • www.campuswu.at; Das Buch »Campus WU – Eine holistische Geschichte«, herausgegeben von BOA büro für offensive aleatorik, dokumentiert auf 384 Seiten die zahlreichen Fragestellungen, die sich während der Planung und beim Bau ergaben.
  • 1 EA: Executive Academy No.mad Arquitectos, Madrid
  • 2 D4: Estudio Carme Pinós, Barcelona
  • 3 AD : Verwaltung
CRABstudio, London (Peter Cook)
  • 4 D3: CRABstudio, London (Peter Cook)
  • 5 LC: Bibliothek und Learning-Center Zaha Hadid Architects, Hamburg
  • 6 D1: BUSarchitektur, Wien
  • 7 TC: Teaching Center
BUSarchitektur, Wien
  • 8 D2: Atelier Hitoshi Abe, Sendai
  • 9 SC: Student Center (Gastronomie, Kindergarten, Einzelhandel, Sport) Atelier Hitoshi Abe, Sendai