Braunfels versus Stella

In Berlin steuert derzeit alles auf eine weitere Volksabstimmung zu, eine, die sich im Gegensatz zu denen über die Zukunft des

~Nikolaus Bernau

Tempelhofer Felds oder der Mediaspree-Randbebauung direkt mit den Formen der Architektur beschäftigen wird. Etwas, das man eigentlich, wenn man vielen Architekten und Künstlern, so gut wie allen Architektenkammern und Investoren folgt, auf gar keinen Fall der Vox Populi unterwerfen kann und darf. Ihnen scheint ja schon die ästhetische Kompetenz von demokratisch gewählten Parlamenten und Politikern zweifelhaft.
Es geht um den von Franco Stella entworfenen Ostflügel des als »Berliner Stadtschloss« bekannten Neubaus für das Humboldt-Forum. In diesem sollen das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst, kleine Teile der Zentral- und Landesbibliothek, eine Ausstellung zur Wissenschaftsgeschichte der Humboldt-Universität sowie im EG ein als »Agora« bezeichnetes Veranstaltungszentrum unterkommen. Franco Stella gewann 2009 den Wettbewerb für das Projekt, wurde wegen fehlender Großbauten-Erfahrung später aber mit dem Münchner Büro Hilmer, Sattler und Albrecht sowie gmp aus Hamburg zusammengebunden. Nachdem es jahrelang nur um die Frage ging, ob man die Barockfassaden des 1950 gesprengten Schlosses und vielleicht sogar einige der Innenräume wiederherstellen kann, darf, soll, muss, schien sich die Debatte endlich auf die Frage der Konzeption des Innern zu verlagern. Der Entwurf ist nämlich wegen seiner Orientierung an den barocken Fassaden dramatisch dysfunktional: Die Museen haben zu wenig Platz, ihre Räume sind oft absurd niedrig und unflexibel, die Bibliotheken müssen sich dagegen mit viel zu hohen Sälen und langen Wegen herumschlagen. Es fehlen Sonderausstellungsflächen, flexible Aufführungssäle, angemessene Erschließungen und v. a. jene Lockerheit, die für ein Haus der Weltkulturen angemessen wäre. Seit jeher wird auch die Ostfassade scharf kritisiert. Stella legitimiert ihr ödes Raster, indem er sich auf Schinkel, Rossi und Grassi beruft. Doch wo diese, durch kleine Verschiebungen oder ironische Brechungen, Leben in die Architektur brachten, bleibt bei Stella nur eine spröde Lochfassade, die auch der eher hilflose Schriftzug »Humboldt-Forum« über dem unscheinbaren Eingang nicht retten wird.
Seitdem im Spätherbst vergangenen Jahres der Münchener Architekt Stefan Braunfels einen Alternativvorschlag veröffentlichte, kocht die Debatte um das Äußere wieder. Obwohl alle bürokratischen und parlamentarischen Hürden bereits genommen sind und der Beton bis ins EG gewachsen ist, schlug Braunfels vor, den Ostflügel »einfach« wegzulassen – der Schlüterhof würde sich zur Spree hin öffnen, Schloss und Stadt könnten sich städtebaulich verbinden. Braunfels erntete damit breite Zustimmung: In allen Umfragen pflichteten mehr als zwei Drittel der Befragten bei, in einer der Boulevardpresse sogar 95,5 %. Fast ebenso einhellig fällt hingegen die Ablehnung des Entwurfs in den beteiligten Institutionen aus; sie wettern: »zu spät«, »illoyal«, »unpraktisch«, »ahistorisch«, »absurd«, allen voran die vom Bundestag mit der Ausführung beauftragte »Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum«. Ihre Hauptargumente: Alles ist beschlossen, die Grundrisse würden unpraktischer, der Bauablauf müsste neu strukturiert werden, die Kosten wären unkalkulierbar. Nach den Erfahrungen mit dem Flughafen BER hat man in Berlin vor nichts mehr Angst als vor Umplanungen während eines laufenden Bauprozesses. Zudem kann sich Stella auf die Unterstützung jener verlassen, die die Berliner Altstadt »kritisch rekonstruieren« möchten. Nicht zuletzt dank inniger Verbundenheit mit Kulturstaatssekretär André Schmitz und der Senatskanzlei werden sie in Berlin politisch immer einflussreicher. Sie behaupten, nur durch die flächendeckende, kleinteilige Neubebauung der Altstadt könne Berlin wieder bürgerlich-»urban« werden. Der von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher etwas pathetisch als »Rathausforum« bezeichnete Platz zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche sowie das denkmalgeschützte Marx-Engels-Forum seien dazu nicht in der Lage. Für diese Gruppe, zu der auch der einstige Senatsbaudirektor Hans Stimmann zählt, ist der gewaltige Schlossquader das städtebauliche Rückgrat einer Neubebauung der Altstadt, also eine Funktion, der sich die Architektur unterzuordnen hat. Braunfels hingegen akzeptiert die Weite wenigstens im Grundsatz und will quer durch den einstigen Altstadtraum eine von großen Blöcken eingefasste Achse legen. Zwar sind auch die architekturmethodischen Einwände erheblich: Braunfels‘ Idee, die Fassaden des Schlüterhofs regelrecht umzudrehen und im Interesse der städtebaulichen Wirkung auch noch einer neuen Achsensymmetrie zu unterwerfen, widerspricht selbst der dünnen Methodik von Architekturnachbauten. Doch sind die Simulationen aus dem Büro Braunfels vorzüglich, versprechen Weite und Luft, wo bisher burgartige Abgeschlossenheit angekündigt ist. Schlüters Mittelrisalit auf der »falschen« Hofseite böte den lange gesuchten Ankerpunkt für die Ostansicht, das Problem mit Franco Stellas Ostfassade wäre gelöst.
Nur die Architektenkammer und der Architekten- und Ingenieurs-Verein zu Berlin haben sich sofort standesbewusst gegen Braunfels‘ Einwurf gewandt und auf die Würde des Wettbewerbs verwiesen. Aber abgesehen davon, dass einige der besten Entwürfe der Architekturgeschichte genau einem solchen Eingreifen außerhalb stehender Kräfte zu ver danken sind: Stellas Entwurf wird sonst wirklich von niemandem als Kunstwerk oder als eine Schlüter, Eosander, Böhme oder gar dem 21. Jahrhundert adäquate architektonische Leistung verteidigt.
Die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters brachte die Sache auf den Punkt, als sie kürzlich bekannte, das Projekt werde »leider« nicht mehr zu stoppen sein.
Aber was spricht eigentlich dagegen, einen neuen Wettbewerb nur für die Gestaltung des Ostflügels auszuschreiben? Als Vorbild könnten ja die preußischen Könige dienen: Als Tessin d. J. mit dem barocken Umbau der Renaissanceresidenz nicht zurande kam, wurde der Bau teilweise gestoppt, ein neuer Architekt gesucht, der dann einen neuen Entwurf vorlegte und den Bau in die Architekturgeschichte einschrieb. Jener hieß Andreas Schlüter.
Der Autor ist Kunstwissenschaftler und Architekt. Er lebt als Architekturkritiker in Berlin.