Blamage in Leipzig

Eine riesige Chance – vertan. Am Augustusplatz, mitten in der Leipziger Innenstadt, sollten neue Campusbauten entstehen. Geplant

~Matthias Grünzig

war der Ausbau des zwischen 1968 und 1975 nach Entwürfen von Hermann Henselmann errichteten Universitätskomplexes, der für die steigenden Studentenzahlen zu klein geworden war. Ein neuer, attraktiver Innenstadtcampus sollte Studenten wie Wissenschaftler nach Leipzig locken und die Zukunftsfähigkeit der Stadt auch architektonisch bezeugen. Zu ihrem 600-jährigen Jubiläum am 2. Dezember 2009 wollte die Leipziger Universität ihr neues Aushängeschild einweihen. Doch heute präsentiert sich der Komplex als ein Torso, dessen Fertigstellung unabsehbar ist.
Wie konnte es zu diesem Fehlschlag kommen? Zunächst begann alles hoffnungsvoll. Nach jahrelangen Debatten beschlossen die Vertretungen der Stadt und der Universität mit großer Mehrheit eine behutsame Ergänzung des vorhandenen Campus um einige Neubauten. 2001 wurde ein Wettbewerb ausgelobt, den das Münsteraner Büro Behet & Bondzio mit einem qualitätvollen Entwurf für sich entscheiden konnte. Doch in diesem Moment meldete sich der Paulinerverein zu Wort, der von 2002-05 von dem in New York lebenden Nobelpreisträger Günter Blobel geführt wurde. Der Verein forderte den Wiederaufbau der Paulinerkirche, die bis 1968 auf einem Teil des Campusgeländes gestanden hatte und dann zugunsten des neuen Universitätskomplexes abgerissen worden war.
Der Verein begann einen lautstarken Feldzug für die Paulinerkirche. Zunächst wurde der gewiss bedauerliche Abriss der Kirche zu einem Verbrechen, zu einer »Barbarei ohnegleichen« hochgespielt. Mal wurde der Vergleich mit den Terroranschlägen auf das New Yorker World Trade Center, dann wieder Parallelen zur Judenverfolgung im Dritten Reich gezogen. Der Kirchenabriss mutierte so zu einer einzigartigen Schandtat, die nur durch den Wiederaufbau gesühnt werden könne. Das Campusprojekt dagegen wurde als »Zurückweichen vor der Barbarei«, als »unerträglich«, als »Schlag ins Gesicht der Demokratiebewegung« gebrandmarkt. Kein Vergleich erschien absurd genug, um Stimmung gegen den Campus zu machen. »Katastrophales Vorhaben«, »kulturbarbarische Willkür« oder auch »Blasphemie« tönte es in immer neuen Kommentaren des Paulinervereins. Wer diese Tiraden hörte, konnte den Eindruck gewinnen, dass am Leipziger Augustusplatz die entscheidende Schlacht zwischen Kultur und Barbarei, zwischen Demokratie und Diktatur geschlagen wurde.
Bei ihrem eigenen Verhalten allerdings ließen die selbsternannten Bannerträger der Demokratie jeden Sinn für demokratische Tugenden, wie z. B. die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen, vermissen. Denn obwohl sich die Vertreter von Stadt und Universität immer wieder gegen den Wiederaufbau entschieden, obwohl Meinungsumfragen beständig Mehrheiten gegen den Wiederaufbau signalisierten, akzeptierte der Paulinerverein diese Mehrheiten nicht. Stattdessen versuchte er, den Kirchenbau durch Druck von außen zu erzwingen. Günter Blobel initiierte einen Aufruf von 27 Nobelpreisträgern für den Wiederaufbau, gewann den damaligen Kardinal Joseph Ratzinger, schrieb offene Briefe an die Sächsische Staatsregierung und munitionierte einige überregionale Medien mit immer kruderen Vorwürfen gegen die Stadt und die Universität. Schließlich lief alles auf eine grundsätzliche Frage hinaus: Wer sollte das Gesicht dieses zentralen Areals bestimmen? Die demokratisch gewählten Vertretungen der Stadt und der Universität, die sich gegen den Wiederaufbau aussprachen – oder eine lautstarke Minderheit von Wiederaufbau-Lobbyisten?
Tatsächlich gelang es dem Paulinerverein, das Campusprojekt immer wieder zu torpedieren. Zuerst erreichte er einen zweiten Wettbewerb für jenen Campusteil, auf dem einst die Paulinerkirche gestanden hatte. Diesen konnte im März 2004 Erick van Egeraat für sich entscheiden. Sein Entwurf zeigt eine abenteuerliche Mischung aus gotisierender Giebelfront, einer von gotischen Gewölbedecken überspannten Aula und Fakultätsräumen mit dem Charme von Dachkammern. Dennoch wurde er sowohl vom Paulinerverein als auch von Universität und Stadt akzeptiert.
Doch selbst mit diesem Kompromiss war der Konflikt noch nicht beendet. Stattdessen zettelte der Paulinerverein immer neue Streitigkeiten an, um den Egeraat-Entwurf doch noch in eine Kirche zu verwandeln. Es folgten der Säulenstreit (sollen in der Aula gotisierende Säulen nach dem Vorbild der Paulinerkirche errichtet werden?), der Glaswandstreit (sollen die Aula und der benachbarte Andachtsraum durch eine Glaswand getrennt werden?), der Kanzelstreit (soll in der Aula die noch vorhandene Kanzel der Paulinerkirche aufgestellt werden?) und schließlich der Namensstreit (wie soll die neue Aula heißen? Paulinum oder Universitätskirche St. Pauli?). Dass im Januar 2009 noch Erick van Egeraat Insolvenz anmelden musste und dass derzeit ein Rechtsstreit um die Bauausführung läuft, kann angesichts dieser Querelen als Zugabe gewertet werden.
Wie ist die aktuelle Situation? Die Bauabschnitte von Behet & Bondzio sind fertiggestellt. Das Gebäude dagegen, das sich nun »Paulinum. Aula. Universitätskirche St. Pauli« nennt, wird möglicherweise erst 2013 vollendet sein. Die weitgehend fertiggestellten Außenfassaden allerdings lassen erschauern. Die abweisenden Natursteinfronten können weder dem Vergleich mit dem alten Henselmann-Bau noch mit den durchweg qualitätvollen Gebäuden der Nachbarschaft standhalten. Eine Einladung zum Studium ist dieses Monstrum nicht. Am Ende bleibt die Erfahrung, dass rückwärtsgewandter Starrsinn ein schlechter Baumeister ist.
Der Autor, Jahrgang 1969, ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Architektur, Stadtentwicklung und Denkmalpflege. Er lebt in Berlin.