Erweiterung der »Cité Manifeste« in Mulhouse (F)

Billiger Wohnen

Anfang des 19. Jahrhunderts nannte man es das Manchester Frankreichs: Im elsässischen Mulhouse boomte die Textilindustrie und das Städtchen wuchs in fünfzig Jahren von 5000 auf 30 000 Einwohner. 1853 gründeten Fabrikanten die SOMCO (Société mulhousiennes des cités ouvrières), die mit dem Bau einer Arbeitersiedlung nach englischem Vorbild die untragbaren Wohnbedingungen der Arbeiter verbessern wollte. Der Pariser Ingenieur Émile Müller entwarf freistehende, kreuzförmig geteilte Häuser, mit je vier 47 Quadratmeter großen Wohnungen plus Garten. Fünfzig dieser »carrés mulhousiens« bildeten die erste Arbeitersiedlung Frankreichs, die am Ende des 19. Jahrhunderts bereits auf 1240 Wohneinheiten angewachsen war – Wohnraum für rund 10 000 Menschen.

Mittlerweile gibt es fast keine Industrie mehr in der Stadt und die Wohnungen sind für heutige Ansprüche zu klein, viele stehen leer. Die verarmende Siedlung bietet einen faszinierenden Anblick: Die Häuser wurden im Laufe der Zeit ohne Regel erweitert und überformt, jede Wohnung anders. Unmittelbar neben der Cité Manifeste tat nun die SOMCO einen mutigen Schritt, um der geänderten Bewohnerstruktur gerecht zu werden: Anlässlich ihres 150jährigen Bestehens besann sie sich auf den innovativen Geist ihrer Anfänge, stellte die Reglement des nationalen Sozialen Wohnungsbaus infrage und ließ Architekten qualitativ hochwertige Reihenhäuser mit Garten entwerfen – für das gleiche Budget wie herkömmliche Sozialwohnungen und mit einer gemischten Sozialstruktur. Die Fertigstellung der neuen Cité Manifeste verzögerte sich um ein Jahr. Ein Grund war der Bankrott der Firma, die die Stahlprofilgerüste erstellte. Anfang Juli 2005 wurden die letzten Wohnungen bezogen. Presse und Bewohner sind voll des Lobes, eine Ausstellung im »aut.« in Innsbruck präsentierte die Siedlung bereits umfassend.
Den Masterplan für das Grundstück einer ehemaligen Fabrik im Osten der Siedlung entwickelte Jean Nouvel. Der Pariser Star, der für die nötige Publicity sorgen soll, lud vier jüngere Architektenteams ein, mit ihm zusammen rund sechzig Wohnungen zu entwerfen: Anne Lacaton & Jean Philippe Vassal (Paris), den damals noch weniger bekannten Shigeru Ban (Tokyo) mit Jean de Gastines (Paris), den gebürtigen Briten Duncan Lewis (Angers) mit dem jungen Büro Block (Nantes) sowie den Jungstar aus Marseille, Matthieu Poitevin. Jedem Team stand ein Grundstück von etwa 27 auf 64 Metern zur Verfügung. Nouvel selbst plante eine etwas größere Fläche quer dazu. Alle Teams entwarfen 11 bis 14 Wohnungen mit zwei bis fünf Zimmern und direktem Zugang von außen. Und fast alle beziehen sich bildhaft auf den geschichtsträchtigen Ort und seine kunterbunte Hinterlassenschaft.
Nur Nouvel nicht, sein Gebäude erinnert allenfalls an den industriellen Maßstab, der einst das Grundstück bestimmte. Der mit einem flachen Wellblechsatteldach gedeckte Riegel füllt die lange Seite des dreieckigen Grundstücks aus und läuft deshalb an den Enden spitz zu. Auf dem Rest des Dreiecks wurden Gärten angelegt. Die Straßen des Quartiers verlängert Nouvel in die neue Siedlung und führt sie unter seinem Dach hindurch. Die Expressivität der äußeren Form, die einem solchen Torhaus vielleicht angemessen ist, ist im Innern der zehn Wohneinheiten (119 bis 137 m²) weniger nachvollziehbar: Weder im offenen Erdgeschoss, noch im kleinkammerigen Obergeschoss gibt es ein orthogonales System – jede Wand trifft in einem anderen Winkel auf die nächste, was die Möblierung erschwert. Zudem sind die drei bis vier Schlafräume sehr klein, während ein zentraler Luftraum mit umlaufender Galerie viel Platz einnimmt.
Elf Reihenhäuser (69 bis 137 m²) von Matthieu Poitevin besetzen das nördliche Grundstück. Im Erdgeschoss öffnen sich hohe Wohnküchen zu südlich vorgelagerten Gärtchen. Ihre offen liegenden Holzbalkendecken und auch manch anderes Detail lassen erkennen, dass ihrem Architekten der allgemeine Geschmack nicht gleichgültig ist. Eine einfache Zimmertür führt aus der Küche jedoch in eine andere Welt: Ein 35m² großer Raum, dessen eine Seite sich mit einem Garagentor vollständig zur Straße öffnet und verschiedensten Nutzungen offen steht, bis hin zum Ausbau. Im Obergeschoss ist von dieser Offenheit jedoch keine Spur mehr: Mit farbigem Trapezblech verkleidete »Hütten« zementieren die Andersartigkeit jeder Einheit, statt sie, wie im Erdgeschoss, ihren Bewohnern zu überlassen.
Die benachbarten zwölf Häuser (94 bis 137 m²) von Duncan Lewis beziehen sich eher typologisch auf die Cité. Wie dort teilt sich das mit Blech verkleidete Hauptvolumen kreuzförmig in vier Wohneinheiten. Die fünf Meter hohe zentrale Wohnhalle mit Galerie wird durch einzelne Räume ergänzt, die sich als Kuben in Erd- und Obergeschoss herausstülpen. Zusätzliche Volumen aus Maschendraht, die überwachsen sollen, ergänzen die plastische Komposition, auf dem teilweise begehbaren Dach. Das Konglomerat dehnt sich bis an die Grundstückgrenzen aus, wird von zwei schmalen Gassen durchquert und bietet einen nicht alltäglichen Anblick.
Gemessen an den Erwartungen, die ein solch klanghafter Name wie Shigeru Ban weckt, lassen sich die Häuser der südlichen Zeile eigentlich nur als Katastrophe bezeichnen. Der Entwurf skizzierte eine Art Eigenheim-Metabolismus: Eine einzige lange Mauer teilt das Grundstück längs. An sie docken beidseitig zwölf Haushälften über drei Geschosse mit 14 Wohneinheiten (69 bis 119 m²). Vorgefertigte Küchen-, Bad- und Schrankboxen sollten, mit Holz verkleidet, nach außen ein Bild der Vielfalt transportieren. Ebenso das über je zwei Haushälften schwebende Dach, das sich abwechselnd als Satteldach nach unten, oder v-förmig nach oben spreizt. Die Vorfertigung war zu teuer. Was blieb: billige Leichtbauten, entfernt an gestapelte Container erinnernd und mit pastellfarbenem Trapezblech verkleidet – selbst das »Rückgrat« der Häuser, die durchlaufende Mauer, ist aus diesem Material, also hohl.
Gleich nebenan entwickelten Lacaton & Vassal ihre Experimente mit industriellen Gewächshäusern weiter. Auf dem drei Meter hohen, aus Betonfertigteilen erstellten Erdgeschoss steht das bereits bei einem Einfamilienhaus eingesetzte Fertigprodukt: Drei Reihen filigraner Stahlgerüste mit transparenter und gewellter Polycarbonatverkleidung und einfacher Entlüftungsmechanik. Die 14 Wohnungen gehen über die gesamten zwanzig Meter Gebäudetiefe und wurden unabhängig von der primären Konstruktion mit Leichtbauwänden aufgeteilt. Jede verfügt über eine große Fläche im Erdgeschoss und eine kleine im Obergeschoss oder umgekehrt, verbunden mit einer Stahlwendeltreppe. Die südliche Gewächshausreihe beherbergt große Wintergärten, die Räume im Erdgeschoss öffnen sich zu einem asphaltierten Außenraum. Weiträumiger, offener und vor allem kostengünstiger zu bauen als üblich, ist das Credo der Architekten. Der Wintergarten der größten Wohnung (187 m²) ist mit 47 m² so groß wie eine ganze Wohnung der alten Cité Manifeste. Eine normale Sozialwohnung dieses Typs misst 80 m².
Betrachtet man die oben genannten Versuche, das gewachsene Vorbild der alten Arbeitersiedlung in den Neubauten aufzunehmen, so scheitern fast alle gegenüber der Aura historischer Authentizität. Sie scheitern aber auch im direkten Vergleich mit dem Beitrag von Lacaton & Vassal, die ihr Ziel, den Bewohnern einen möglichst großen Freiraum zu bieten, radikal pragmatisch und eben nicht als bildhafte Analogie umgesetzt haben.
Der Charakter der Wohnungen ist hier genauso ungewöhnlich wie ihre Größe. Die einzigen Räume mit Türen sind die Toiletten und die Garage, die allerdings vom Wohnraum nur mit einer transparenten Wand aus Polycarbonat getrennt ist und als Eingangsraum dient. Die Materialisierung ist »arm«, manche Badewanne oder Dusche steht offen in einer Raumecke und im Entree durchschreitet man die billigste Garagenluke, Gastherme und Anschlussinstallationen im Blick. Doch gerade dieser Baustellencharakter, diese Brutalität der Detaillierung ist es, der die Wohnungen zu einem Angebot an die Bewohner macht – ein Angebot zum Weiterbauen, mit viel Raum zum Füllen. Axel Simon
Der Autor ist als Architekturkritiker beim Tagesanzeiger in Zürich tätig.