Bauschule, Denkschule?

In Hamburg wächst alles, Mut und Zuversicht, ja Kühnheit: »Soviel Anfang war nie«, sagt der Herr des Wachstums, Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter. Die Rede ist von der HafenCity und einer Neugründung unter deutschen Hochschulen, die einzig dem Bauen und Planen gewidmet ist und die Disziplinen Architektur, Bauingenieurswesen, Stadtplanung und Geomatik unter einem Dach vereinen soll. Dieses Dach sucht nach einem schönen und intelligenten Bauwerk, dessen Architektur in einem Wettbewerb des nächsten Jahren geklärt werden wird. Seit Mitte November steht das Grundstück fest: Es ist vom Feinsten, ganz vorn an den Elbgestaden, im Herzen der HafenCity, dem geplanten Überseequartier. Kürzlich hat ein niederländisch-deutsches Investorenkonsortium den Zuschlag erhalten. Unter anderem soll dort Rem Koolhaas mit einem Science Center den Nachbarn zur neuen Uni bauen. Nicht nur, weil dieser Baukörper sich wie ein gewaltiges Segel aufbläht, wird vermutlich das Dampfermotiv in der Architektur des 21. Jahrhunderts in Hamburg wieder eine neue große Rolle spielen wollen, denn die Studenten werden einschließlich der Queen Mary 2 alles an Schiffsarchitekturbaukunst hautnah aus dem Fenster erleben können, was der Kreuzfahrtmarkt aufbieten kann. Die Hansestadt nennt die neue Universität nicht nur HafenCity Universität, sondern siedelt sie auch in Europas größter urbaner Baustelle an. Vor allem Jörn Walter möchte diese Universität zu einer Ideen- schmiede und Forschungsstätte für all die anstehenden metropolitanen Aufgaben machen, und im Kleinen überprüfen, was die Welt im Großen von Architekten und Urbanisten in den nächsten Jahrzehnten einfordern wird. Mitten in Krisenzeiten des Architektenberufes will man die Architektenausbildung in Hamburg vorbildlich neu definieren und auch die Chance begreifen, den Bologna Prozess zwischen Bachelor und Master bahnbrechend für Deutschland neu zu definieren. Gute Nachrichten also aus Hamburg. Wenn da nicht Altlasten wären. Die Neugründung ist in Wahrheit eine Zusammenlegung und die Beendung eines unproduktiven Zustandes: Lehrkörper und Studentenschaft dreier sehr unterschied- licher Hochschulen, von denen zu behaupten, dass sie sich verachteten und bekämpften, nicht übertrieben ist. Da standen das Künstlerische der Hochschule für Bildende Künste gegen das Pragmatische der Fachhochschule. Von der Neugründung der TU Hamburg-Harburg im fernen Süden des Stadtstaats mit ihren Stadtplanern ganz zu schweigen, weil sie nie so richtig dazu- gehörte. Wenn Jörn Walter Synergie, Durchlässigkeit und vor allem die Öffnung der neuen Hochschule zur Stadt und ihren Entwicklungsproblemen einfordert, werden doch wieder Hochschulverteilungskämpfe um Drittmittel und akademischer Hagestolz sichtbar. Da wird dann wieder von klassischer handwerklicher Ausbildung gesprochen, die dringend nötig ist – aber möglicherweise auch woanders zu haben ist) – und man sieht die Mitglieder der drei bisherigen Hochschulen bildlich in den Schützengräben liegen und ihr altes Terrain sichern.

»Famous for something« zu sein, dieser alte Marketingsatz gilt auch für die »Ware« Bildung. Auch eine Hochschule braucht eine Alleinstellung im Markt, wenn sie heute gerade als Neugründung konkurrenzfähig sein will. Der Hafen in Hamburg, die Entwicklung der Logistikindustrie, sind der Motor der Hansestadt; neue Stadtentwicklungsstrategien, vor allem in der HafenCity und anderen ehemaligen Hafenflächen südlich der Elbe sind unerlässlich. Intellektuelle technische und ingenieurmäßige Lösungen werden gesucht und sicher auch gefunden. Mitten darin muss sich die HCU als Denkschule etablieren, dann hat sie auch eine internationale Chance und spielt eine innovative Rolle innerhalb der zukünftigen Architektenausbildung – als eine »Case Study University«, die am offenen Herzen operieren und Lehre, Forschung und Praxis in modellhafte Curricula verarbeiten kann.
Dirk Meyhöfer