Außen Know-how, innen Energie: Lichtspiele im badischen Müllheim (Seite 52) Foto: Ruedi Walti, Basel

Baukultur: jetzt Ländersache!

In diesem Sommer erscheint ein architektonisches Fachbuch, das über ein Jahr hinweg mit großem Engagement an seiner Zielgruppe vorbei produziert wurde: ein neuer, der zweite Statusbericht zum Thema Baukultur in Deutschland. Diese Publikation, die im Titel hinter das Wort Baukultur ein vielsagendes Ausrufezeichen setzt, war konzipiert als flankierender Lesestoff zur Gründung jener »Bundesstiftung Baukultur«, die nach langer Vorbereitung am 12. Mai dieses Jahres per Gesetz einstimmig vom Bundestag verabschiedet, aber einen Monat später von der Mehrheit des Bundesrates de facto zu Fall gebracht wurde. Hervorgetan haben sich bei diesem Einspruch nicht zuletzt die Länder Hessen und Baden-Württemberg: eine durchaus ironische Wendung, wenn man bedenkt, dass gerade im deutschen Südwesten die meisten Architekten und viele der angesehensten Bauingenieure der Republik am Werk sind.

Nicht einmal jene CDU-geführten Landesregierungen, die nun mit ihrem Einspruch ihre eigenen, mit der Bundesstiftung Baukultur sympathisierenden Parteigenossen im Bundestag gewissermaßen vorführten, bestreiten die Notwendigkeit, für mehr, für bessere und nachhaltigere Baukultur zu werben und zu arbeiten. Ihr Widerstand entzündete sich vielmehr an der inhaltlichen und gedanklichen Verknüpfung der Begriffe »Bauen« und »Kultur« – denn Kultur als politische Praxis ist in Deutschland nun mal Ländersache. Hätten die Initiatoren der Stiftung das föderalistische, fast immer parteitaktisch motivierte Hickhack der letzten Jahre ernst genommen und strategisch aushebeln wollen, hätten sie zur Vermeidung von Blockaden besser eine »Bundesstiftung Exzellenz in Architektur, Städtebau & Raumplanung« ausrufen müssen: als semantischer Trick sicher nicht besonders elegant, aber vermutlich hinreichend, um den reflexhaften Widerstand manch deutschen Provinzfürsten gegen kulturpolitische Ambitionen des Bundes ins Leere laufen zu lassen.
Es ist fast müßig, darüber nachzudenken, ob das Veto des Bundesrates im Licht der geplanten Neuwahlen ein vorläufiges oder endgültiges Aus für die Bundesstiftung Baukultur bedeutet. Über deren Arbeitsprogramm wurde noch wenig Konkretes verabredet, und so lässt sich eine gesamtdeutsche Verlustrechnung derzeit schwerlich aufmachen. Umso energischer sollten die Architekten, Planer und Ingenieure mitsamt ihren Verbänden und Standesvertretungen jetzt allerdings die Regierungen der Länder dazu auffordern, das Anliegen »Baukultur« nun ganz direkt und dringlich zur Ländersache zu machen.
Nicht nur die demografische Entwicklung und die daraus mit gnadenloser Konsequenz folgenden Schrumpfungsprozesse, sondern auch die regional und lokal wirksamen Effekte der europäischen Integration einerseits und der Globalisierung andererseits werden »bewährte« alte Gewissheiten über die Qualität des Bauens, der Architektur, der Städte und Landschaften radikal über den Haufen werfen; umso dringlicher ist deshalb in näherer Zukunft ein neuer gesellschaftlicher Konsens über die künftigen Ziele, Methoden und Instrumente des architektonischen Entwerfens, der kommunalen Planung und der (über-)regionalen Infrastrukturentwicklung. Die Perforation und Atrophie gewachsener Stadtlandschaften ist ja nicht nur in Ostdeutschland Realität, während umgekehrt die »Zwischenstädte« an den Peripherien der Agglomerationen nach wie vor weitgehend plan- und formlos weiterwuchern.
Allein mit cooler Theorie, wütenden Manifesten, rabiatem Durchwursteln oder schlichter Resignation ist dieser Entwicklung – die im Effekt nichts anderes bedeutet als schleichende räumliche, soziale und kulturelle Desintegration – nicht zu begegnen. Es geht um die populäre Kommunikation von Planungsthemen, um das Angebot inhaltlicher Mitsprache und das Einüben von bürgerlichem Engagement. Denn in zehn, zwanzig, dreißig Jahren wird »Baukultur« nicht mehr unbedingt verbunden sein mit der sozialstaatlich abgesicherten Option auf gediegene Lebensstile im Grünen oder in der Stadt. Es geht dann um Existenzielles: kinder- bzw. familienfreundliche und altengerechte Gemeinwesen, konkurrenzfähige und effizient vernetzte Wirtschaftsstandorte, nachhaltig kultivierte Naturräume.
Die Chancen, aus anstehenden Problemen Lösungen zu generieren, werden sich überall unterschiedlich darstellen: Grund genug, jetzt in allen Bundesländern eigene Baukultur-Stiftungen mit je spezifisch formulierten Aufgaben zu errichten. Bei aller zu erwartenden Knauserigkeit der Länder (warum sollten sie großzügiger sein als seinerzeit die Architekten, als sie weitestgehend vergeblich zu kleinen Spenden für die Baukultur aufgefordert wurden?) kämen dabei in der Summe wahrscheinlich mehr staatliche Fördermittel heraus als für die Arbeit der eben gescheiterten Bundesstiftung vorge- sehen waren. Christian Marquart