Baukultur im Nirgendwo

Wojciech Czaja

Unter dem Titel »Baukultur in ländlichen Räumen« wurden Ende Mai auf einem zweitägigen Symposium in Thüringen neun Gemeinden und Initiativen präsentiert, die sich für mehr Qualität in Architektur, Raumplanung und Bürgerbeteiligung engagieren. Die Auswahl ist Resultat einer vom Bundesbauministerium (BMVBS) beauftragten Forschungsarbeit des österreichischen Vereins LandLuft.
Das Setting hätte nicht besser sein können. Rund hundert Architekten, Bürgermeister und Entscheidungsträger tuckerten durch Wiesen und Felder und fanden sich schließlich im revitalisierten Kloster Volkenroda ein, das v. a. durch den Wiederaufbau des Christus-Pavillons der EXPO 2000 bekannt ist. In der Diskussion über die Zukunft ruraler Lebensräume kristallisierte sich rasch ein Konsens heraus: Baukultur im ländlichen Raum hat durchaus Potenzial. Man muss nur wollen. »Bei genauerem Hinsehen gibt es viele Gemeinden, die mit unglaublichem Elan Unmögliches vollbringen«, stellte Roland Gruber, Initiator von LandLuft fest. Um solche Gemeinden medial zu unterstützen, wurde 2009 in Österreich der Baukulturgemeinde-Preis ins Leben gerufen. Ein ähnliches Prozedere, meint Marta Doehler-Behzadi, Leiterin der Initiative Architektur und Baukultur im BMVBS, könne sie sich auch in Deutschland vorstellen. Die neun Baukulturvorreiter sind:
Biberach an der Riß [8]: Bürgerbeteiligung und regelmäßig stattfindende Architekturmessen im Rathaus sind mittlerweile fester Bestandteil der Gemeindepolitik. Der Gestaltungsbeirat, der über alle Neubauprojekte im Stadtkern mitbestimmt, tagt öffentlich. Derzeit findet ein Wettbewerb für ein Jugendhaus statt, an dem sich die Jugendlichen mit ihrer Stimme beteiligen können. Und: Wer sich im Rahmen der Architekturmesse für eins der vorgestellten Projekte entscheidet und sich verpflichtet, es mit einem Architekten zu realisieren, bekommt das Grundstück von der Gemeinde kostenlos. Biberachs Gesicht hat sich rasch gewandelt.
Auch in Weyarn in Bayern spielt Grundstücksbeschaffung eine große Rolle. Seit 1992 wird hier das Erbbaurecht praktiziert, bei dem das Grundstück für 149 Jahre gepachtet wird. Das entlastet v. a. junge Familien, die so mehr Geld, auch für hochwertiges Bauen, haben. Randnotiz: Für Bürgerbeteiligungen steht ein fixes Jahresbudget von 100 000 Euro zur Verfügung.
Die schrumpfende Kreisstadt Luckenwalde wiederum setzt auf Wiederbelebung, etwa historischer Architekturjuwele wie Erich Mendelsohns Hutfabrik aus dem Jahr 1920, oder auf die Umwandlung des Alten Bahnhofs in eine Bibliothek [9] – und das trotz massiver, anhaltender Abwanderung. Aber auch vor neuen Projekten und einer Umstrukturierung des Stadtgrundrisses schreckt man hier nicht zurück. Die Klosteranlage Volkenroda selbst, ebenfalls von Schrumpfung betroffen, war zu DDR-Zeiten eine lebensgefährliche Bauruine. Nach jahrelangem Engagement von Bürgern und Architekten zählt die revitalisierte Anlage heute zu den beliebtesten Seminarstätten Deutschlands.
Hinzu kommen kleinere Baukulturinitiativen in Baiersbronn, Burbach, Leiferde, Baruth/Mark sowie in Lüchow, einem kleinen Teilort in Mecklenburg-Vorpommern, der vor wenigen Jahren nur noch fünf hoch betagte Einwohner hatte und kurz vor der mentalen Auslöschung stand. Architekt Johannes Liess, ehemals Projektleiter im Tragwerksplanungsbüro Bollinger + Grohmann, nahm sich der Ortschaft an und baute sie zu einem funktionierenden Miteinander mit aktuell 50 Bewohnern aus. »Es ist wichtig, dass eine minimale Bevölkerungsdichte im ländlichen Raum erhalten bleibt«, sagte Liess. »Nur so kann eine Gesellschaft aufrechterhalten werden. Anderenfalls bleibt die Frage: Was machen wir mit unserem Land?«